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Praxis 11. Oktober 2006

Der Arzt diktiert - der Computer schreibt

Verwaltungsarbeit stiehlt dem Arzt oft jene Stunden, die er lieber am Patienten verbringen würde. Spracheingabesysteme sollen zumindest die langwierige Schreibarbeit beschleunigen. Komplettsysteme sind im Kommen.

Einen Großteil seiner Zeit verbringt der Krankenhausarzt durchschnittlich abseits seiner Patienten mit organisatorischen Tätigkeiten und mühsamer Verwaltungsarbeit. Dazu gehören Aufgaben, die mangels Schulung besonders zeitintensiv sind, wie etwa das Tippen von Arztbriefen. Wie schön wäre es dagegen, den Computer zu starten, die Daten in ein Mikro zu sprechen und danach den Patientenbericht einfach auszudrucken! In die Realisierung dieses Traumes investieren große Technologieunternehmen wie IBM und Philips schon seit Jahrzehnten Unsummen von Geld.
Trotz großer Hoffnungen und hohen Investitionskosten stagnierte die Entwicklung etliche Zeit, schließlich sind bei der digitalen Spracherkennung technologisch schwierige Bereiche involviert. Diese sind neben der Programmierung und Computertechnik auch die Phonetik, Linguistik und die Erforschung der künstlichen Intelligenz.

Diskrete Sprechweise ist passé

Die Komplexität des Problems wird deutlicher, wenn man sich vor Augen führt, dass dasselbe Wort von einer Person nie ident ausgesprochen wird. Vielmehr ist die Aussprache von Stimmungsschwankungen und zahlreichen weiteren Faktoren abhängig. Dem Computer fehlt zudem die Möglichkeit, Gestik und Mimik mit einzukalkulieren oder nicht verstandene Wörter aus dem Zusammenhang herzuleiten. Speziell die deutsche Sprache bietet in dieser Hinsicht zusätzliche Tücken. Doch mit neuen Anbietern wie Dragon Systems kam neuer Schwung in die Konkurrenz der Sprachsoftwarehersteller, was sich deutlich auf Qualität und Innovationstempo auswirkte.
Fortschrittlich zeigt sich die moderne Software vor allem in der Worterfassung. So war früher noch die diskrete Sprechweise erforderlich, das heißt, dass jedes Wort für sich gesprochen werden musste. Die neuen Programme verstehen auch die normal fließende Sprache, in der es kaum Wortpausen gibt. Dafür ist eine enorme Rechenleistung notwendig, die gegenwärtig durch die letzten Fortschritte in der Hardwareentwicklung zur Verfügung steht. Frühere Systeme stellten die Benutzer zudem auf eine harte Geduldsprobe, denn vor dem ersten Gebrauch mussten langwierige Übungseinheiten absolviert werden. Nur so konnte sich die Software auf Dialekt und Referenzmuster des Users einstellen.
Dies ist heute nicht mehr üblich, denn der mitgelieferte sprecherunabhängige Wortschatz passt sich der Sprechweise an. Trotzdem werden (wesentlich kürzere) Trainingssitzungen empfohlen, denn so wird die Fehlerquote signifikant erniedrigt und an das regionale Sprechmuster angepasst (z.B. kann der Chirurg als "Kirurg" oder wie bei unseren nördlichen Nachbarn als "Schirurg" ausgesprochen werden). Jedes weitere Diktat verfeinert letztendlich das Profil - die Texterkennung wird mit der Zeit also immer besser. An diesem Punkt stoßen Mediziner auf ein besonderes Problem ihrer Zunft, nämlich auf den komplexen Fachjargon. Daher haben alle Anbieter ein zu einem Aufpreis erhältliches medizinisches Sprachmodul im Repertoire.

Komplettsysteme im Kommen

Mediziner (und Juristen) sind das bevorzugte Zielpublikum der verschiedenen Firmen. Die angebotenen Komplettlösungen beinhalten neben der Sprachsoftware auch digitale Diktiergeräte, die mittels Plug & Play rasch und einfach an den PC angeschlossen werden können.
Die Spracherfassung kann nicht allein zum Textverfassen benützt werden. Im Betriebssystem eingebettet, ermöglicht diese Technologie die komfortable Steuerung des Computers, ganz ohne Tastatur und Maus. Diese Option bedeutet auch für Menschen mit Behinderung eine große Hilfe.
Fazit: Die Spracherkennung hat sich längst zu einer ernsthaften Problemlösung gemausert. Leistungsfähige Computer verarbeiten akustische Eingaben noch schneller, hochwertige Mikrofone filtern Hintergrundgeräusche so gut wie nie zuvor. Verbesserungen der Kontextprüfung könnten durch innovative Ideen bei der Erforschung der künstlichen Intelligenz folgen.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 32/2003

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