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Praxis 27. September 2006

Neues Kredit-Modell lockt Gutgläubige

In Zeiten wie diesen etwas geschenkt zu bekommen, ist illusorisch. Dieser Erfahrung folgen einige Finanzierungsexperten, die für PRAXIS & WIRTSCHAFT den derzeit angebotenen Null-Prozent-Kredit unter die Lupe genommen haben.

Das Angebot klingt verlockend: „Ärzte beschweren sich über hohe Kreditzinsen. Jährlich werden dadurch tausende Euro verschenkt. Wir haben ein Finanzdienstleistungsprodukt entwickelt, bei dem der Kunde je nach individueller Situation de facto zwischen null und einem Prozent Zinsen für seinen Kredit bezahlt.“ Mit solchen Sätzen wird derzeit von einer Bank und einem Finanzdienstleister im Ärztebereich der Null-Prozent-Kredit beworben. Das Prinzip ist einfach und nicht ganz neu: Der Kunde nimmt einen endfälligen Kredit über eine bestimmte Laufzeit auf, wobei es unerheblich ist, in welcher Währung diese Finanzierung abgeschlossen wird.

Zauberei auf der Finanzierungsebene

Beim Kredit wird jedoch nicht jener Zinssatz verrechnet, den der Kunde unter Normalbedingungen zahlen würde. Zur Anwendung kommt ein um bis zu zwei Prozentpunkte überhöhter Zinssatz, der bei einem betrieblichen Kredit steuerlich absetzbar ist. Dieser „Überhang“ wird bankintern – ähnlich wie bei einem Sparbuch ohne KESt – veranlagt und mit einem guten Zinssatz versehen. Nach Ablauf des vereinbarten Kredits bekommt der Kunde ein Sparbuch ausgehändigt.
PRAXIS & WIRTSCHAFT liegt ein Berechnungsbeispiel vor, bei dem der Kunde mit dieser Finanzierung trotz ordnungsgemäßer Versteuerung des Sparguthabens einen Gesamtaufwand über die Kreditlaufzeit hat, der geringer ist als die eigentliche Kreditsumme. Sozusagen „Zauberei auf der Finanzierungs-ebene“. Aus diesem Grund ist Misstrauen angebracht. Deshalb hat PRAXIS & WIRTSCHAFT einige Finanzexperten gebeten, diese Finanzierungsform zu beurteilen. Harald Reigl von der Ärztebank ist skeptisch, dass dieses Modell mittel- bis langfristig hält: „Grundsätzlich ist anzumerken, dass hier keine neuen Produkte zum Einsatz kommen, sondern bekannte monetäre Hebelmechanismen, Kombinationen von Produkten und steuerliche Überlegungen eingesetzt werden.“ Auf den ersten Blick sieht das Angebot für ihn vertraut und glaubwürdig aus, „der Hund liegt aber in den Details begraben“. Reigl hat die Kalkulation „nachgebaut“ und Kosten sowie Spesen, die den normalen Usancen entsprechen, eingerechnet. Gleichzeitig wurden die Erwartungen der Erträgnisse auf ein langfristig übliches und zu erwartendes Maß reduziert. Dabei kamen zahlreiche kleine Rechenfehler und vergessene Spesen zu Tage, die sich im Laufe der Jahre zu ordentlichen Beträgen summieren. Auch die Rendite des Tilgungsträgers ist „gewagt“ prognostiziert. Beim „Bonus“ stellt sich für Reigl die wichtigste Frage, nämlich die nach dem Inhaber dieses Guthabens: Ist es gemäß Angabe die Bank? Aus welchem Grund hat der Kunde nach 15 Jahren einen Anspruch auf dessen Auszahlung? „Ich kann es mir nur so vorstellen“, resümiert Reigl, „dass die Bank in einem Zusatzschreiben zusagt, dass bei ordnungsgemäßer Rückführung des Kredites der Betrag ausgezahlt wird.“ Hier ist aber Platz für Interpretationen – und das kann zu Problemen führen. Spätestens bei der Steuerfrage beginnt es haarig zu werden. MEDTAX-Steuerberater Dr. Karl Braunschmid aus Linz spart nicht mit harten Worten: „Tarnen und Täuschen ist ein Ausdruck, den ich noch vom Bundesheer kenne. Tarnung ist geboten, wenn etwas verborgen werden soll. Dieser Gedanke kam mir sofort in den Sinn, als ich die Frohbotschaft von der Null-Prozent-Finanzierung hörte.“

„Nichts wird verschenkt!“

Im Wirtschaftsleben gibt es für Braunschmid aber ein eisernes Gesetz: „Nichts wird verschenkt. Schöne Vernebelungsschleier führen aber immer wieder Personen in Versuchung, an das Schlaraffenland zu glauben.“ Dieser Schleier ist für Braunschmid der Bonus. Der Kreditnehmer soll während der ganzen Laufzeit einen um zwei Prozent überhöhten Zinssatz zahlen, die Bank ist aber so „gnädig“ und legt diese „Extrazinsen“ auf ein Sparbuch. Am Ende der Kreditlaufzeit gibt sie diese (hoffentlich) wieder an den Kreditnehmer zurück. Steuerlich gesehen ist Folgendes relevant: Die Bank zahlt keine KESt, dafür muss der Kreditnehmer am Ende 50 Prozent Einkommen­steuer an die Finanz zahlen. Für dieses Spektakel braucht man laut Braunschmid aber keine Bank: „Man könnte genauso gut selbst ein Sparbuch anlegen und mit der Hälfte der nicht bezahlten, überhöhten Zinsen in etwa die gleiche Summe am Ende der Laufzeit erzielen, weil das eigene Sparbuch nur mit 25 Prozent KESt belastet ist.“ Braunschmid warnt: „Wenn jemand damit spekuliert, am Ende der Laufzeit das von der Bank Angesparte nicht zu versteuern, könnte er die Rechnung ohne den Wirt Finanzamt gemacht haben. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sich die Finanz von den Bonusfinanzierern eine Art ‚Erinnerungskartei’ anlegt und diese nach Ende der Laufzeit als ‚Serviceleistung’ an die Steuerpflicht erinnert.“ Ähnlich sieht es Dagmar Triller vom Basler Ärztedienst: „Eine intensive Marktbeobachtung hat gezeigt, dass in regelmäßigen Abständen recht ‚interessante’ Finanzierungsmodelle auftauchen wie das derzeit angebotene. Allein die Bezeichnung müsste sämtliche Alarmglocken zum Läuten bringen, trotzdem finden sich immer wieder Ärzte, die darauf hereinfallen.“ Die steuerliche Behandlung dieser Finanzierungsvariante kommentiert Triller nicht. Für sie stellt sich lediglich die Frage, „wie man nur dem Glauben verfallen kann, in Zeiten wie diesen etwas geschenkt zu bekommen?“ Faktum sei, dass gute Finanzierungen - wenn überhaupt - immer schwieriger zu bekommen sind. Bei jedem einzelnen der von Triller betreuten Finanzierungsfälle wird um jedes Achtel Prozent gekämpft, über Sicherheiten lange diskutiert und um Spesen und Gebühren gestritten. „Und dann soll es eine Finanzierung für null Prozent Zinsen geben?“ fragt sie skeptisch.

Innovative Finanzdienstleister

MEDTAX-Steuerberater Horst Jünger freut sich in Zeiten steigender Zinsen und wachsenden Innovations- und Investitionsdrucks bei Ärzten über Finanzdienstleister, die sich Gedanken über möglichst günstige Modelle für Ärzte machen: „Beim Null-Prozent-Kredit handelt es sich aber nach den bisher vorliegenden Unterlagen um das seit Jahren bestens bekannte Modell eines Endfälligkredites mit Ansparung der Tilgung über einen Wertpapierfonds.“ Beim vorliegenden Modell gehen die Anbieter jedenfalls von einem Kreditzinssatz von 4,4 Prozent (2,2 Prozent nach Steuer) und einem „Sparzinssatz“ beim Fonds von 4,5 Prozent (offenbar nach Steuern) aus. „Allein diese nicht garantierten Annahmen führen im Rechenschema dazu, dass der endfällige Kredit fast nichts kostet“, so Jünger. Dazu kommt „das Anzapfen des Fiskus“. „Es wird zwar betont“, so Jünger, „dass es im Rahmen des Modells zu üblichen Zinsverrechnungen kommt und davon ausgegangen, dass diese Zinsen steuerlich voll absetzbar sind. Andererseits wird für den Kunden aber ein zweiprozentiger Bonus auf einem Sparbuch angesammelt und nach Kredittilgung ausbezahlt.“ Offenbar werde dabei davon ausgegangen, dass dieser Bonus keinerlei steuerliche Auswirkungen entfaltet. Das ist sozusagen der „Turbo“ im Modell, der laut Jünger endgültig dazu führt, „dass im Rechenschema bei den angenommenen Parametern im Endeffekt der Kredit nicht nur nichts, sondern sogar weniger als nichts kostet“.

Steuerfrage im Vorfeld klären

Die Kernfrage ist auch für Jünger, ob die Anbieter die Rechnung wirklich mit dem Finanzminister gemacht haben: „Ärzte sollten sich eine entsprechende Garantie oder zumindest eine Anfragebeantwortung der Steuerbehörden an die Modellbetreiber geben lassen. Aus dieser muss zweifelsfrei hervorgehen, dass die Finanz das Modell nicht als missbräuchliche Gestaltung betrachtet und den Bonus als der normalen Einkommensteuer unterliegende Zinsrückvergütung betrachtet.“ In diesem Fall ginge der Schuss nämlich nach hinten los, weil das neue Modell dann auch nicht besser wäre als das sattsam bekannte „übliche“ Endfälligmodell mit allen Chancen und Risiken. Die verrechnete Bearbeitungsgebühr von zwei Prozent liegt übrigens um ein Vielfaches über dem von manchen Banken angebotenen Satz. „Deshalb ist dringend zu empfehlen“, rät Jünger, „alle Kosten und Spesen des Modells wirklich genau nachzufragen und mit herkömmlichen Krediten zu vergleichen.“ Wenn die geäußerten Zweifel, ob der Finanzminister mitspielt, und die Spesenfrage eindeutig positiv geklärt sind, ist das Modell aus Sicht von Jünger eine „innovative Sache“. Andernfalls habe es auf dem Markt schon jetzt Konkurrenten, „die besser sind“.

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