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Praxis 18. Juli 2006

Sommerinventur der Praxisentwicklung

Der Sommer ist endlich da. Zeit für Urlaub und Erholung, aber auch Gelegenheit, das erste Halbjahr Revue passieren zu lassen und die wirtschaftliche Zukunft der Ordination genauer unter die Lupe zu nehmen.

Viele Kassenpraxen leiden unter den Auswirkungen der jüngsten Entwicklungen in der Gesundheitspolitik: Erschwernisse in Administration und Verwaltung, Zusatzkosten, beispielsweise durch die e-Card, sowie ein Rückgang des Kassenumsatzes durch geringere Scheinzahl. Alle Kassenärzte sind von den Problemen in mehr oder weniger starkem Ausmaß betroffen. Die Größenordnung ist unterschiedlich, geht allerdings bei manchem Arzt in Richtung Gefährdung der wirtschaftlichen Existenz.

Einkommensoptimierung über den Umsatz?

Was kann man dagegen tun? Hoffnung auf einen Gesinnungswandel in der Gesundheitspolitik ist ein denkbarer Ansatz, bringt aber, kurzfristig betrachtet, eine Ordination nicht weiter. Wirtschaftliche Optimierung an allen Fronten in der Ordination ist der bessere Ratgeber. Schließlich ist die Zukunft des Gesundheitswesens nicht unbedingt rosig, weitere Verschlechterungen sind eher realistisch als ökonomische Verbesserungen im Sinne der Ärzte. Somit lautet das Gebot der Stunde Einkommensoptimierung. Der Weg über den Umsatz wäre wünschenswert, doch viele Kollegen stöhnen ohnehin schon unter dem überdurchschnittlichen Einsatz, der mitunter über das gesunde Maß hinausgeht. Wer kann, sollte den Umsatz „diversifizieren“. Die Kassenmedizin bringt nur über die Quantität das erforderliche Einkommen, kostet aber eine Menge Geld durch die notwendige Infrastruktur. Theoretisch kann es also Vorteile bringen, den Kassenumsatz zugunsten anderer Verdienstmöglichkeiten etwas zu reduzieren. Aber alle Theorie ist bekanntlich grau. Es wird wohl den meisten Ärzten nichts anderes übrig bleiben, als die Optimierungsmöglichkeiten auf der Kostenseite zu suchen.

Brach liegende Ressourcen

Eigentlich ist die Situation grotesk: Arbeit gibt es genug, die Bezahlung ist nicht leistungsorientiert und oft mit Deckelungen oder Limitierungen versehen. Zugleich beansprucht der Patient zeitgemäße medizinische Leistungen in einem Umfeld mit Geräten und Einrichtungen neuestens Standes. Ordi-nationen werden auch demgemäß eingerichtet und unterhalten, zum überwiegenden Teil aber immer noch für nur einen Arzt. Das schreit förmlich nach Optimierung. Kooperationsmodelle für Kassenärzte sind zwar bei weitem noch nicht flächendeckend im Sinne der Ärzte- und Patientenschaft vorhanden, bestehende Ansätze bieten aber gute Möglich-keiten. Die Grundgedanken liegen auf der Hand: Wie kann man unter Beteiligung eines oder mehrerer Ärzte die Infrastruktur der Ordination besser nutzen und gleichzeitig das Leistungsangebot für die Patienten verbessern? Zahlreiche Kooperationsmodelle zwischen Kassen- und Wahlärzten sind bereits in allen Bundesländern etabliert, und zwar in allen erdenklichen Konstellationen. Ein Klassiker ist sicher die Kooperation zwischen Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag und Wahlarzt eines „nicht konkurrenzierenden“ Faches. Gerade am Land kann bei geschickter Konstellation, beispielsweise mit einem Gynäkologen, das medizinische Dienstleistungsan-gebot erheblich verbessert werden. Deutliche Einsparungsmöglichkeiten durch bessere Auslastung sind quasi ein Nebeneffekt.

Win-win-win-win-Situation

Auch Kooperationen mit einem latenten Mitbewerber sind immer weniger ein Tabu. Was spricht gegen einen Wahlarzt für Allgemeinmedizin, der bestimmte Privatleistungen wie etwa Manualtherapie anbietet und zusätzlich einen Teil des üblicherweise unerschöpflichen Reservoirs an Kandidaten für eine Gesundenuntersuchung aus der Kassenpraxis versorgt? In diesem Falle lässt sich eine Win-win-win-win-Situation erzeugen. Der Kassenarzt profitiert von der besseren Auslastung, der Wahlarzt kann etwa eine zeit- oder umsatzabhängige Nutzungsgebühr für die Ordination an den Besitzer bezahlen. Der Wahlarzt profitiert von einer Infrastruktur, die in dieser Preis-lage kein Alternativmodell bietet. Außerdem kann er auch mit geringerem Arbeitsvolumen ein gutes Einkommen erzielen. Einzelkämpfer-Wahlarztordinationen beginnen üblicherweise erst ab einem Umsatz von 100.000 Euro mit einer Kostendeckung, von Gewinn oder Nettoeinkommen ganz zu schweigen.

Qualitätsfaktor Zeit

Von derartigen Kooperationen profitieren auch die Patienten. Erstens kann der Patient vor Ort auch einen anderen Arzt konsultieren, und die Ärzte haben aufgrund der geschickten Konstellation weniger Zeitdruck bei der Betreuung. Ein Kassenarzt mit mehr als 100 Euro Ordinationskosten pro Stunde muss natürlich seinen Umsatz über die Zeitschiene machen. Letzter Nutznießer ist das System, da durch verstärkte Prävention zumindest kurz- bis mittelfristig die Folgekosten reduziert werden. An Möglichkeiten im Bereich ärztlicher Kooperationen abseits des Kassenvertrages besteht jedenfalls kein Mangel.

Betriebskosten senken?

Für den Arzt als Unternehmer kommt als Gegenmaßnahme zu einer ökonomisch bedenklichen Entwicklung schließlich eine Senkung der Betriebskosten in Frage. Wer Umsatzrückgänge nicht kompensieren kann, muss deshalb auch an die Möglichkeit von Personalreduktion denken. Vorsicht sollte bei geplanten Investitionen walten. Das KMU-Förderungsgesetz bringt in diesem Zusammenhang eine interessante Neuerung. Der Freibetrag für investierte Gewinne ab 2007 sollte dafür sorgen, dass Investitionen heuer nicht mehr schnellschussartig im Herbst erfolgen, sondern gemächlich und überdacht erst im Jahr 2007 (siehe Beitrag auf S. 20). Dieses finanzpolitische Steuerungsinstrument unterstützt somit genau jene Empfehlung, die aus Budgetgründen gar nicht oft genug genannt werden kann: Nämlich dass unüberlegte Investitionen, die oft aus rein steuerlichen Überlegungen getätigt werden, Gift für eine angespannte Finanzlage in genau diesen Zeiten sind.

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