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Praxis 14. Juni 2006

Auf in den wohlverdienten Ruhestand!

Geht es nach den Vorstellungen vieler Praxisinhaber, so vollzieht sich der Wechsel in den Ruhestand automatisch und zu einem bestimmten Zeitpunkt. Das sind jedoch nur Wunschvorstellungen, zu umfangreich sind die bestehenden Möglichkeiten rund um eine Praxisschließung.

Grundsätzlich kann jeder Arzt den Zeitpunkt der Praxisniederlegung frei wählen, lediglich die mögliche Anwartschaft von staatlicher Pension oder Wohlfahrtsfonds sind ein Anhaltspunkt. Es kann aber auch gute Gründe geben, entweder früher oder später in den Ruhestand zu gehen. Je nachdem sind zahlreiche Entscheidungen zu treffen, die in nicht unerheblichem Maß über das finanzielle Wohlbefinden entscheiden.

Finanzielle Aussichten rechtzeitig prüfen

Sich erst mit 60 Jahren Gedanken zu machen, ist sicher der falsche Ansatz. Strategische Entscheidungen treffen kann nur ein Arzt, der spätestens ab Mitte 50 mit der Planung beginnt. Einerseits sind die Auswirkungen von etwaigen noch zu tätigenden Investitionen weit reichend, andererseits Pläne hinsichtlich Wohlfahrtsfonds und Pensionskasse angezeigt. Durch rechtzeitige private Veranlagungen lässt sich eine Unterdeckung bei der Lebenshaltung vermeiden. Allein dieser Finanzbereich weist zahlreiche Aspekte auf, die geklärt werden sollten. So lässt sich einige Jahre vor Praxisniederlegung gut abschätzen, ob die Entwicklung der Verbindlichkeiten betrieblich und privat den seinerzeitigen Vorstellungen entspricht. Sind Tilgungsträger im erforderlichen Ausmaß vorhanden und werden sie zum gewünschten Zeitpunkt genügend Kapital aufweisen? Vorsicht ist bei Fremdwährungskrediten geboten. Werden voraussichtlich Kursgewinne oder -verluste realisiert? Das hat eventuell auch unangenehme steuerliche und damit liquiditätswirksame Konsequenzen, die im Vorfeld eingeplant werden müssen.

Schwarzes Loch Girokonto

Vorrangig stehen einige Fragen zur Beantwortung an: Wie sieht es auf dem Girokonto der Ordination aus? Ist der Liquiditätsbedarf durch das Konto gedeckt oder gibt es einen „versteckten“ Refinanzierungsbedarf? Wie schaut der Abfertigungsanspruch der Mitarbeiter aus dem alten System aus? Sind die Zahlungen gedeckt? Erstrebenswert ist natürlich, einen Nachfolger für die Ordination zu finden. Einerseits um einen möglichst nahtlosen Übergang zu gewährleisten, andererseits aber auch, um eventuell einen Teil der Wirtschaftsgüter der Ordination veräußern zu können. Dies ist derzeit in vielen Bundesländern aufgrund der unterschiedlichen Niederlassungsrichtlinien kaum möglich. Einige Bundesländer haben schon Nachfolge- und Ablösemodelle eingeführt. Diese sind zwar teilweise umstritten, bieten aber auf Basis der Freiwilligkeit möglicherweise eine gute Option. In anderen Bundesländern sind solche Alternativen in Vorbereitung. Angehende Praxisschließer sollten sich daher auf jeden Fall mit der zuständigen Ärztekammer in Verbindung setzen und Möglichkeiten einer geregelten Praxisübergabe prüfen. Im Zweifelsfall kann es sich sogar auszahlen, die Zwischenzeit bis zur Umsetzung einer bereits angestrebten Regelung abzuwarten.

Strategische Planung eines „Ungefähr“-Termins

Bereits an diesen Teilaspekten ist die Notwendigkeit einer stra-tegischen Planung der Praxis-niederlegung klar erkennbar. So kristallisiert sich durch Prüfung aller Umstände ein „Ungefähr-Termin“ heraus, auf den der Arzt hinarbeiten kann. Einige Jahre vor diesem geplanten Termin ist es an der Zeit, alle in der Ordination vorhandenen Verträge im Detail zu prüfen. Kredit- und Dienstverträge sind selbstverständlich, da Kündigungsfristen zum Tragen kommen. Aber auch auf Versicherungs- und Mietverträge muss aufgepasst werden. Die steuerliche Auswirkung ist ein nicht zu unterschätzender Punkt, der vor einer Praxisniederlegung vorausgeplant werden sollte. Speziell bei Verkauf von Immobilie und Inventar kommen leicht große Summen zusammen.

Aufteilung des Gewinns

Bei einer Niederlegung erfolgt zunächst eine Aufteilung des steuerlichen Gewinns in drei Teile. Der laufende Gewinn wird mit der bisher in der Ordination an-gewendeten Methode ermittelt, wobei es sich oft um ein verkürztes Wirtschaftsjahr handelt. Es kann sogar Sinn machen, den genauen Schließungszeitpunkt innerhalb eines gewünschten Jahres „taktisch“ zu wählen. Beim Übergangsgewinn wird jener Gewinn ermittelt, der auf die Schließung der Arztpraxis zurückzuführen ist. Zu diesem Zweck wird die üblicherweise in Ordinationen verwendete Einnahmen-/Ausgabenrechnung in eine Bilanzierung abgeändert. Zusätzlich wird auch der Veräußerungsgewinn ermittelt. Hierbei spielt es keine Rolle, ob Vermögensgegenstände tatsächlich verkauft oder nur ins Privatvermögen überführt werden. Es gelten jene Werte, die bei einem Verkauf erzielbar wären - auch wenn man die betreffenden Dinge von nun an privat nutzt.

Hälftesteuersatz nutzen

Das Einkommensteuergesetz kennt einige Begünstigungen für Übergangs- und Veräußerungsgewinne. Aus diesem Grund kann eine genaue Planung der letzten Einnahmen und Ausgaben zu einer steuerlichen Optimierung führen. Neben Freibeträgen und Aufteilungsmöglichkeiten ist in diesem Zusammenhang der „Hälftesteuersatz“ von großer Bedeutung.

Auflagen für Vergünstigung

An diese Vergünstigung sind bestimmte Bedingungen gebunden. Der „Hälftesteuersatz“ kommt zum Tragen, wenn der Steuerpflichtige gestorben oder erwerbsunfähig ist oder das 60. Lebensjahr vollendet hat und seine Erwerbstätigkeit einstellt. In diesem Fall ermäßigt er sich für Übergangs- und Veräußerungsgewinne auf die Hälfte des auf das gesamte Einkommen entfallenden Durchschnittssteuersatzes. Da sind beträchtliche Summen drin. Die „unschädlichen Grenzen“ für eine weitere Nebentätigkeit, beispielsweise als Wahlarzt, sind mit 22.000 Euro Umsatz und 730 Euro Jahresgewinn leider extrem niedrig angesetzt. Als Faustregel sollte bei Aufgabe der Ordination versucht werden, den laufenden Gewinn des Jahres niedrig zu halten und im Gegenzug dazu einen möglichst hohen steuerlich begünstigten Übergangs- und Veräußerungsgewinn zu erwirtschaften.

Hauptwohnsitz-Befreiung

Eine Ausnahme beim Gebäude gibt es mit der so genannten Hauptwohnsitz-Befreiung. Wenn das Ordinationsgebäude bis zur Pensionierung auch als Hauptwohnsitz gedient hat, bleibt der gesamte Veräußerungsgewinn aus dem Gebäude auf Antrag außer Ansatz. Die Berechnung der Alternativen ist allerdings so umfangreich, schwierig und vor allem individuell, dass wir uns in diesem Beitrag nicht mit diesbezüglichen Details befassen. Gute rechtzeitige steuerliche Betreuung ist jedenfalls eine Grundvoraussetzung, genauso wie die Eigeninitiative des Arztes. Man darf nicht erwarten, dass auf einmal ein Berater in der Blüte des Lebens auftaucht, um über die bevorstehende Pensionierung zu sprechen. Auch die Industrie und z.B. Anlageberater haben an der Zielgruppe Praxisschließer wenig In-teresse, weil diese kaum Ansatzpunkte für neue Geschäftsabschlüsse bieten. Summa summarum geht es bei einer Praxisschließung nicht selten um mehr Geld als bei einer Gründung. Geld, das man bei schlechter Planung zum Teil un-nötigerweise verlieren kann.

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