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Praxis 7. Juni 2006

Die e-Card war offenbar zu teuer

Einer Pressemeldung vom 30. Mai war zu entnehmen, dass der Rechnungshof jene rund 130 Millionen Euro kritisiert, die für das Projekt e-Card von den Sozialversicherungen ausgegeben wurden. Auch die Ärzte bekamen ihr Fett ab, obwohl viele hohe Investitionen tätigen mussten bzw. jährlich laufende Kosten anfallen.

Hauptkritikpunkte der Rechnungshofprüfer waren einerseits die teuren Eigenentwicklungen im technischen Bereich, andererseits die Doppelgleisigkeit im Managementbereich. Kritisiert wurden aber auch jene etwa 9,2 Millionen Euro, die der Ärzteschaft mit der Begründung bezahlt wurden, sie zum Umstieg auf die e-Card zu bewegen – obwohl diese doch die eigentlichen Nutznießer des Systems seien. Logische Konsequenz aus Sicht des Rechnungshofes sei daher eine zukünftige „Einschränkung des Vertragspartnerrechts“ bei drohender Behinderung von gesundheitspolitischen Entwicklungen. Die in Folge veröffentlichten Pressemeldungen vermitteln durchwegs wieder einmal das Bild vom geldgierigen Arzt, der sich seinen angeblich großen Vorteil auch noch großzügig abgelten lässt. Dies ist teilweise auch Kommentaren in Zeitungen zu entnehmen, deren Autoren offenbar keine Ahnung von der täglichen Praxis in den Ordinationen haben.

Reaktionen der Ärztekammer, aber ohne konkrete Zahlen

Die Ärztekammern reagieren verhalten. „Offensichtlich ist der Rechnungshof über den Sachverhalt und die betriebswirtschaft-liche Situation der Ordinationen uninformiert“, so Dr. Reiner Brettenthaler, Präsident der Österreichischen Ärztekammer. „Die durch stagnierende Honorare bedingte abnehmende wirtschaftliche Ertragskraft der Kassenordinationen macht größere Investitionen, wie etwa bei der Einführung der e-Card, zu einem wesentlichen finanziellen Problem. Zusätzlich führt das System zu einer Steigerung des laufenden Aufwandes.“ Lediglich aus Wien kamen etwas schärfere Worte. Für den Obmann der niedergelassenen Ärzte und Vizepräsidenten der Ärztekammer für Wien, Dr. Johannes Steinhart, habe die e-Card der Ärzteschaft bislang nur Kosten verursacht: „Es ist ein Skandal, unwahre Behauptungen einfach so in der Öffentlichkeit aufzustellen.“ Von Entkräftung der Zahlen war aber auch hier keine Rede.

800 Euro jährlich pro Arzt

Dieses Manko nahm PRAXIS & WIRTSCHAFT zum Anlass, aus einigen Telefonaten mit Ärzten und EDV-Firmen eine einfache Schätzung der Kostenbelastung durch die e-Card vorzunehmen. So fallen allein durch Providergebühren, Mieten und die durch den e-Card-bedingten Zusatzaufwand beim EDV-Service rund 800 Euro jährlich pro Ordination an. Das sind in Summe aller Kassenpraxen rund 9 Millionen Euro pro Jahr. Das ist aber noch nicht alles. Die angeblichen Vorteile für die Ärzte gestalten sich durch die zwangsweise „Just in time-Abarbeitung“ der Patientendaten als sehr zeitaufwändig. Früher wurden die Krankenscheine auf einen Schwung in etwas ruhigeren Ordinationsphasen quasi „nebenher“ verwaltet. Einmal pro Quartal war ein zeitlicher Zusatzaufwand von einigen Stunden für die Abrechnung einzukalkulieren.

Zusätzliche Personalkosten

Heute kommen in durchschnittlichen Ordinationen leicht einmal mehr als 60 Minuten pro Tag an „Steckzeit“ dazu. Auch Schulungsaufwand und Zeitverlust durch auftretende Probleme, wie sie seit Einführung der e-Card immer wieder vorkommen, sind zu berücksichtigen. Eine Hochrechnung dieses durch die e-Card laufend notwendigen zusätzlichen Personalaufwandes ergibt etwa 47 Millionen Euro pro Jahr. Insgesamt schlagen somit in Summe 56 Millionen Euro jährlich als zusätzliche laufende Kosten zu Buche. Im Vergleich zu diesen Zahlen sind Schätzungen für die Erstinvestition geradezu vernachlässigbar. Das Modul der Softwarefirma und die Installation des notwendigen Anschlusses schlugen gerade noch mit einer dreistelligen Summe pro Ordination zu Buche, wenn keine Probleme auftraten. Zusätzliche Personalschulungen waren sicher auch eine vernachlässigbare Größe. Die meisten Ärzte mussten jedoch einzelne Arbeitsstationen vom an sich noch brauchbaren System adaptieren, um sie für die hohen technischen Anforderungen der e-Card, die selbst gar nichts kann, aufzurüsten. Laut Schätzung von Branchenkennern wurden etwa 20 Prozent der Kassenärzte durch die e-Card sogar dazu genötigt, an sich noch gut brauchbare Systeme zum Großteil oder zur Gänze zu ersetzen. Dafür waren nicht selten fünfstellige Euro-Summen notwendig. Eine simple Hochrechnung mit Durchschnittswerten liefert die Summe von 52 Millionen Euro für Einmalinvestitionen im Zuge der e-Card auf Seiten der Ärzte. Das wäre noch zu verkraften, ließe sich argumentieren, schließlich stünde dann ein neues System zur Verfügung, wenngleich dieses ohne e-Card nicht notwendig gewesen wäre.

Ärzteaufwand bis Ende 2006

Als „nicht verkraftbar“ kann jedoch die laufende Zusatzbelastung ohne Abgeltung gewertet werden. In Summe wird die Ärzteschaft bereits Ende 2006 mehr Geld für die e-Card ausgegeben haben als der Hauptverband mit dem ganzen, vom Rechnungshof gerügten Projekt in Summe. Der Nutzen des Projekts liegt in erster Linie auf Seiten der Sozialversicherungsträger und nicht auf jener der Ärzte, die aufgrund der Rechnungshofkritik allerdings öffentlich als „Nutznießer, die auch noch Geld wollen“ beschimpft werden. Ein unaufhörlicher Protest der Ärztekammer gegen diese Folgen der e-Card wäre angebracht (siehe Kommentar nebenan).

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