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Praxis 9. Mai 2006

Was ist der Arztberuf wert?

Im benachbarten Deutschland gehen schon seit Wochen die Wogen hoch. Neben vielen anderen Missständen wird von den Ärzten vor allem die angeblich miserable Bezahlung angeführt. PRAXIS & WIRTSCHAFT wagt einen Einkommensvergleich von Spitalsarzt und Praxisinhaber mit Kassenvertrag.

Aufruhr im deutschen Gesundheitssystem: Im niedergelassenen Bereich gibt es bereits Gebiete, für die sich kein Arzt mehr finden lässt. Kassenärzte wehren sich gegen die Bonus-Malus-Regelung für Arzneimittelkosten. Auch die angestellte Ärzteschaft ist anhaltend zu Protesten auf der Straße, Einkommensanpassungen von 30 Prozent und mehr werden gefordert. Wie ist die Situation in Österreich? Das lässt sich natürlich nicht generell sagen, was für viele Fragestellungen gilt. Der Versuch eines Einkommensvergleichs Spitalsarzt und Kassenarzt ist dennoch legitim. Klinikärzte vom Oberarzt aufwärts kommen durchschnittlich in einen Einkommensbereich zwischen 4.000 und 5.000 Euro netto 14 Mal pro Jahr. Dies ist natürlich abhängig vom Dienstgeber und von der Berufserfahrung, aber auch von der Anzahl der Dienste und dem Volumen der Klassegelder.

Was ist „angemessen“?

Ob dieses Volumen im Vergleich zu anderen Berufsgruppen unter den Prämissen Ausbildung und Verantwortung richtig dimensioniert ist, kann durchaus diskutiert werden. Von größerer Bedeutung ist allerdings der Vergleich zwischen Klinikärzten und niedergelassenen Ärzten. Unsere Analyse nimmt einerseits den öffentlichen Dienst, also nicht private Spitäler, und andererseits den niedergelassenen Bereich mit Kassenvertrag als Grundlage. Die Ausbildung ist vergleichbar, die Verantwortung für den Patienten ebenfalls. Beim Spitalsarzt fällt die wirtschaftliche Verantwortung weg, die soziale Absicherung, etwa bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit, ist deutlich besser.

5.000 Euro netto pro Monat

Als Basis unserer Kalkulation können daher für einen etablierten Klinikarzt 5.000 Euro netto pro Monat als Untergrenze für eine angemessene Bezahlung angesetzt werden. Somit ergibt sich ein Nettoeinkommen von 70.000 Euro pro Jahr (Ärztekammerabgaben bereits geleistet). Der Aufwand auf Dienstgeberseite beträgt für diesen Arzt insgesamt etwa 160.000 Euro. Nachdem das Steuersystem in Österreich progressiv gestaltet ist, muss man in dieser Einkommenskategorie zwar den Spitzensteuersatz von 50 Prozent leisten, durch die niedrigeren Progressionsstufen spart man sich auf dem Weg dorthin aber etwa 8.000 Euro. Die „Milchmädchen-Formel“ für die Steuerberechnung lautet daher Gewinn geteilt durch 2 minus 8.000 Euro. Das ergibt rein rechnerisch folgenden Zusammenhang: Bei einem Einkommen von 70.000 Euro netto jährlich sind 54.000 Euro Steuer zu zahlen (70.000 minus 16.000). Der notwendige Gewinn ergibt sich aus 70.000 Euro Nettoeinkommen plus 54.000 Euro Steuer, also 124.000 Euro. Um ein mit einem Spitalsarzt vergleichbares Einkommen zu erzielen, muss beim niedergelassenen Kassenarzt also ein Gewinn vor Steuer von 124.000 Euro her.

Faktor Betriebskosten

Der Gewinn ist jedoch nur das, das zum Schluss übrig bleibt. Vom Umsatz (Überweisungen der Gebietskrankenkasse, kleinen Kassen und Privatpatienten) müssen vorher noch die Betriebskosten bedient werden: Zinsen und Abschreibung der Investitionskosten, Ärztekammerumlage, Wohlfahrtsfondsbeiträge und Sozialversicherung, etwa 20 Prozent Personalkosten; letztere mit steigender Tendenz durch die überbordende Verwaltung. Ganz abgesehen von den Kosten für EDV, Wartung und Telekomprovider für die e-Card. Summa summarum kann man beispielsweise von einer gut geführten Ordination eines Allgemeinmediziners sprechen, wenn vom Umsatz die Hälfte als Gewinn übrig bleibt. So wäre bei unserem Rechenbeispiel ein bereits stolzer Umsatz von 248.000 Euro notwendig. Ein durchschnittlicher Kassenarzt bleibt hier schon weit darunter. Wer bei einem Scheinschnitt von 45 Euro und 1.000 Scheinen pro Quartal hält, erreicht bei Zurechnung von etwa zehn Prozent Umsatz pauschal aus den kleinen Kassen und Privatpatienten eine Umsatzgrößenordnung von etwa 200.000 Euro für ein Jahr. Das geht sich für knapp 4.100 Euro Nettoeinkommen monatlich aus. Bleibt schließlich noch die Berechnung der Relation Umsatz bzw. Einkommen zu Arbeitszeit. Pro Jahr stehen 52 Arbeitswochen zur Verfügung. Bei „normaler“ Gebarung in Sachen Urlaub, Fortbildung, Feiertage und Krankenstand bleiben 40 Arbeitswochen übrig.

Nicht alle Praxisstunden sind auch „verkaufbar“

Zieht man von den deutlich mehr als 50 Wochenstunden die Zeit für interne Verwaltung, unbezahlte Administrationszeit für die Sozialversicherungen, Abrechnung und unternehmerische Tätigkeit wie Personal- und Investitionsentscheidung oder unbezahlte Bereitschaftszeit ab, bleiben etwa 35 Stunden „bezahlte Tätigkeit am Patienten“. So ergeben sich 1.400 „verkaufbare“ Arbeitsstunden pro Jahr. Um damit ein Nettoeinkommen von 5.000 Euro zu erwirtschaften, sind etwa 175 Euro Umsatz pro Stunde erforderlich. Für einen durchschnittlichen Monatslohn von 4.100 Euro sind beim gleichen Zeitaufwand 140 Euro pro Stunde notwendig.

175 Euro Umsatz pro Stunde

Streng kalkuliert ergibt sich ein deutliches Ergebnis: Um ein Mindestmaß an Einkommen unter Berücksichtigung der Ausbildung, Verantwortung und zeitlichen Arbeitsleistung eines Allgemeinmediziners mit Kassenvertrag zu erreichen und die immer umfangreicher werdenden unbezahlten Verwaltungs- und Administrationstätigkeiten abzugelten, ist ein Stundenumsatz von 175 Euro in einer Kassenpraxis notwendig. Wir haben auch für alle Bundesländer anhand zweier Beispiele die Honorare der Gebietskrankenkasse mit dem dafür notwendigen Zeitaufwand in Relation gesetzt. In der nächsten Ausgabe der ÄRZTE WOCHE erfahren Sie, ob diese Kassenhonorare wirklich kostendeckend sind.

 Kennzahlen für Kassenpraxis Allgemeinmedizin

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