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Praxis 25. April 2006

Wie viel Privatbudget ist drin?

Insider schätzen, dass ein zweistelliger Prozentsatz der Kassenärzte einen vertragslosen Zustand finanziell nicht überleben würde. Als Grund dafür wird vor allem die falsche Einschätzung der Einkommenssituation angeführt.

Die Skepsis von Unternehmensberatern in Bezug auf die Auswirkungen einer Zeit ohne gültigen Kassenvertrag ist einfach erklärt: Einerseits wären Honorarrückgänge nicht zu verkraften, andererseits würde der Verzicht auf die regelmäßige Vorauszahlung erhebliche Liquiditätsprobleme mit sich bringen. Berechtigt ist die Frage nach den Gründen. Schließlich verdienen Ärzte im Schnitt immer noch weit besser als Durchschnittsbürger, was in der Realität aber nicht per se Schutz vor einem unliebsamen Finanzkollaps bedeutet. Ein Hauptproblem ist wohl die weithin anzutreffende mangelnde Übersicht der tatsächlichen Einkommensverhältnisse. Während Otto-Normalangestellter von seinem Gehaltszettel ganz genau die verfügbare Eurosumme ablesen kann, orientieren sich Ärzte oft am „gefühlten“ Einkommen. Wie beim Wetter kann die „gefühlte“ Temperatur von der tatsächlich gemessenen Temperatur allerdings erheblich abweichen.

Theorie und Praxis

Theoretisch wäre das Nettoeinkommen eines niedergelassenen Arztes mit Einnahmen-/Ausgabenrechnung und Steuererklärung genau ablesbar. Aber eben nur theoretisch, denn der Steuerbescheid für ein Jahr mit den handfesten Zahlen kommt immer erst im Nachhinein. Würden 80 Prozent des Nettoeinkommens für den Privatverbrauch verwendet und 20 Prozent für Eventualitäten angespart, blieben Liquiditätsprobleme ausgeschlossen. Leider ignorieren aber viele Ärzte diese Milchmädchenrechnung und halten sich an das gefühlte Einkommen, nämlich die Bewegungen auf den Bankkonten. Schwanken diese im Jahresmittel um den Nullpunkt, ist es in Ordnung. Ist dies nicht der Fall, wird die Bank den Überziehungsrahmen schon zur Verfügung stellen. Leider rechnen viele Ärzte nicht mit einem Phänomen, das durch möglicherweise steuerlich geschickt eingefädelte, in Ärztekreisen durchaus populäre Finanzierungsmodelle auftritt. Annähernd jeder Arzt hat Schulden, die er im Laufe seines Lebens durch die Anschaffung von Immobilien, vor allem aber durch die Finanzierung der Ordinationsinfrastruktur aufgebaut hat. Um bei Finanzierungen möglichst große steuerliche Vorteile zu genießen, werden so genannte endfällige Modelle verwendet, gegen die von vornherein nichts Schlechtes zu sagen ist. Endfälligkeit bedeutet, dass der jeweilige Kredit bis zum Tilgungszeitpunkt in der ursprünglichen Größenordnung erhalten bleibt und das Kapital zur Tilgung bis zu diesem Zeitpunkt angespart wird.

Mit Faktor „Zeit“ kalkulieren

Solche Modelle bergen einige Vorteile, schließlich sind die anfallenden Zinsen steuerlich absetzbar. Sie rechnen sich aber umso besser, je langfristiger sie angelegt werden. Längere Dauer sorgt für einen längeren Zeitraum der steuerlichen Absetzbarkeit, vor allem aber für einen entsprechenden Aufbau der so genannten Tilgungsträger. Das führt in der Praxis dazu, dass häufig Finanzierungszeiträume gewählt werden, die mit der Lebens- oder Abschreibungsdauer der entsprechenden Wirtschaftsgüter nicht mehr viel zu tun haben. Dazu ein Beispiel: 300.000 Euro für Ordinationsumbau werden investiert, davon 100.000 Euro für Geräte und 200.000 für Einrichtung. Der Kredit wird auf 15 Jahre endfällig finanziert. Die „gefühlte“ Belastung durch die Raten für die Besparung des Tilgungsträgers liegt bei etwa 14.000 Euro pro Jahr oder 1.170 Euro pro Monat.

„Echte“ Investitionskosten

Die „echten“ Kosten dieser Investition werden durch die Abschreibung ersichtlich. In den ersten fünf Jahren sind jährlich 40.000 Euro an Abschreibungen aus dieser Investition errechenbar. Dadurch sinkt das echte Einkommen auch um 40.000 Euro, genauso aber die Steuerbelastung um 20.000 Euro. Wer sich in dieser Phase auf sein „gefühltes“ Einkommen verlässt, spürt durch die Investition sogar einen Einkommenszuwachs. Nämlich 20.000 Euro weniger Steuer, aber nur 14.000 Euro an Zusatzbelastung. Die Wahrheit kommt ab dem fünften Laufjahr zum Tragen. Durch die Reduktion der Abschreibungen auf 20.000 Euro – die Geräte sind dann komplett abgeschrieben – sinkt der Steuervorteil auf 10.000 Euro. Dadurch kommt es möglicherweise schon zu einer leichten Anspannung der finan-ziellen Situation. Nach zehn Jahren droht schließlich das dicke Ende. Die Schulden sind noch da, die Geräte allerdings schon abgeschrieben, also steuerlich nichts mehr wert. Im besten Fall sind sie noch zu gebrauchen. Das hält viele Ärzte in solchen Situationen aber nicht vor fremdfinanzierten Folgeinvestitionen ab, weil sich dadurch das „gefühlte“ Einkommen wieder erhöht. Somit wird jener Teufelskreis geboren, in dem sich zahlreiche niedergelassene Ärzte offenbar schon befinden.

Fakten vom Steuerberater

Als mögliche Lösung nützt oft allein die Erkenntnis, dass Investitionen wohl kaum in der Lage sind, finanzielle Engpässe zu beseitigen. Ein Blick auf die „echte“ Finanzsituation und Limitierung des Privatbudgets auf das „echte“ anstatt „gefühlte“ Einkommen schützt vor finanziellem Schiffbruch. Entschuldigung gibt es keine: Wer es selbst nicht kann, sollte von seinem Steuerberater das Nettoeinkommen berechnen lassen – der muss es können. Ein Verzicht auf Steuer schonende, endfällige Kredite ist nicht vonnöten. Das „gesparte“ Geld muss nur in einen „Vorsorgetopf“ wandern, anstatt privat verbraucht zu werden. Denn dieser Topf wird sicher gebraucht - spätestens nach der Abschreibezeit der angeschafften Anlagegüter.

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