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Praxis 29. März 2006

Jeder Arzt muss sich selbst schützen

Der tragische Fall eines Kindes, das nach einer Blinddarmoperation zum Pflegefall wurde, steht exemplarisch für die möglichen Folgen einer Außerachtlassung der nötigen Sorgfalt bei der Übernahme einer ärztlichen Tätigkeit.

„In Zeiten explodierender Gesundheitsbudgets, steigender Patientenzahlen, drastischer Sparmaßnahmen und ergo überlasteter Spitalsärzte erlangen die etwas sperrigen Begriffe Übernahmefahrlässigkeit und Organisationsverschulden immer wieder Bedeutung und sind regelmäßig auch in gerichtlichen Auseinandersetzungen ein Thema“, weiß Dir. Wilhelm Zieger vom Basler Ärztedienst. In einer etwas angegrauten, nach wie vor aber aktuellen Entscheidung des Obersten Gerichtshofes hatte man sich mit folgendem Sachverhalt zu beschäftigen: Eine seit zwei Monaten in Ausbildung befindliche Anästhesistin wurde zu einer Blinddarm-Not-operation eines Kindes gerufen, um die Narkose einzuleiten. Die Operation verlief bis fünf Minuten vor Ende komplikationslos. Dann gelangte Magensaft in die Lunge des Kindes, worauf es in der Folge zu einem Krampf der Bronchialmuskulatur und zu einem Herzstillstand kam. Das Kind konnte reanimiert werden, die eilig herbeigerufene Anästhesie-Oberärztin nahm eine sofortige Umintubation, Lungenspülung und endotrachiale Absaugung vor. Hätte die Anästhesistin das Kind nicht erst nach Auftreten des Kreislaufstillstandes intubiert, hätten die drastischen Folgen mit großer Wahrscheinlichkeit vermieden werden können. Die kleine Patientin wurde durch den Kreislaufstillstand schwer geschädigt und wird ein lebenslanger Pflegefall sein.

Arzt und Spital geklagt

Von den Eltern des Kindes wurde daraufhin Klage gegen das Krankenhaus und die Ärztin eingebracht. Dieser Klage wurde stattgegeben, sowohl der Krankenhausträger als auch die Ärztin wurden für diesen Vorfall haftbar gemacht. Der Oberste Gerichtshof argumentierte hierbei folgendermaßen: Der jungen Anästhesistin wurde ein Verschulden an diesem Schadenereignis angelastet, da sie nach den bestehenden Dienstanweisungen wegen ihrer kurzen Ausbildungszeit zur selbständigen Vornahme einer Narkose noch nicht befugt und auch nicht befähigt gewesen sei. Sie hätte sich vor der Einleitung der Narkose an den Anästhesie-Hauptdienst wenden müssen. Der Rechtsträger des Krankenhauses wurde aufgrund des mit ihm und der Patientin bestehenden Behandlungsvertrages haftbar gemacht.

Arzt hätte mangelhafte Ausbildung erkennen müssen

Die Anästhesistin hätte daher erkennen müssen, dass sie nach kaum zweimonatiger Ausbildung noch keinesfalls in der Lage sein werde, bei Auftreten von Komplikationen gleich einem jahrelang ausgebildeten Anästhesisten zu reagieren. Sie hat daher durch die Außerachtlassung der nötigen Sorgfalt bei der Übernahme der ärztlichen Tätigkeit und damit auch immer der Übernahme einer gewissen Gefahr einen offenkundigen Behandlungsfehler zu vertreten. Hin und wieder fällt laut Zieger auch der Begriff der „Einlassungsfahrlässigkeit“, womit mehr oder weniger dasselbe gemeint ist. Man lässt sich auf eine bestimmte Situation ein, wobei man bereits im Vornhinein weiß, dass man ihr aufgrund seiner Ausbildung, seiner Fähigkeiten oder momentanen körperlichen Verfassung möglicherweise nicht gewachsen sein wird.

Gefährliche Übermüdung

Ähnliches könnte auch einem Arzt passieren, der infolge überlanger Dienstzeiten übermüdet ist und einen Fehler begeht. Er lässt sich im Wissen, dass er aufgrund seiner körperlichen Verfassung nicht mehr optimal agieren und reagieren kann, in eine Situation ein, aus der einem Patienten Schaden entstehen könnte. Nun stellt sich wahrscheinlich für einige die Frage, was man da-gegen tun kann. Muss man als Spitalsarzt aufgrund der von oben verordneten Dienstzeiten vielleicht sogar eine strafrechtliche Verurteilung riskieren? Die Frage ist laut Zieger prinzipiell zu verneinen. Erstens bestehen zwingende gesetzliche und kollektivvertragliche Regelungen zur täglichen und wöchentlichen Arbeitszeit. Diese mögen zwar manchmal nur theoretischen Wert besitzen und einigen Ärzten ein müdes Lächeln kosten. „Letztlich muss aber jeder für sich selbst entscheiden“, so Zieger, „ab wann er seinen Dienst nicht mehr ordnungsgemäß versehen kann.“ Bei medizinischen Behandlungsfehlern steht auch immer wieder eine Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung oder fahrlässiger Tötung im Raum. Seit heuer kann nicht nur der behandelnde Arzt, sondern unter bestimmten Voraussetzungen auch das Krankenhaus bzw. dessen Rechtsträger strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Mehr dazu in der nächsten Ausgabe.

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