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Praxis 13. Dezember 2005

Ein Zentrum setzt Akzente

Das Sozialmedizinische Zentrum im Grazer Stadtteil Liebenau ist nach wie vor ein gutes Beispiel für Gemeinschaftsordinationen von Ärzten, in die Berufe aus dem Gesundheits- und Sozialbereich eingebunden sind.

„Schon als Studenten wollten wir zum streng hierarchischen und patientenfernen Medizinbetrieb der 70-er Jahre mit der Umsetzung eines Gegenentwurfs beginnen“, berichtet die Physiotherapeutin Heilwig Possert-Lachnit. Sie wurde zu einer der Gründerinnen des Sozialmedizinischen Zentrums (SMZ) in Liebenau. Vorher waren aber teils heftige Widerstände, unter anderem von Ärztekammer, Gebietskrankenkasse, und auch die Skepsis von den niedergelassenen Ärzten der Region zu überwinden.
Im Oktober 1984 öffnete das SMZ mit drei Ärzten für Allgemeinmedizin, Physiotherapie und einer Beratungsstelle für psychische, rechtliche und soziale Fragen. Jetzt feierte das Zentrum sein 20-jähriges Bestehen – 45 Personen aus 15 Berufen sind heute dort tätig. Unter dem Dach des SMZ findet sich eine breite Vielfalt von Angeboten: Labor, Hauskrankenpflege, Logopädie, Sozialarbeit, Sexual- und Suchtberatung, Geburtsvorbereitungskurse, Familientherapie, Mediation, Altenhilfe, eine Laufgruppe, Selbsthilfegruppen und Sicherheitstraining für ältere Frauen.

Auch politisch engagiert

Das SMZ hat sich nicht nur als Anbieter und Vernetzer von Gesundheits- und Sozialdiensten etabliert, sondern engagiert sich kontinuierlich auch in der Gesundheitspolitik. Schwerpunkte sind diverse Vorträge, Workshops und Tagungen, Gesundheitskonferenzen sowie zahlreiche Projekte im Bereich der Gesundheitsförderung, beispielsweise in Schulen. Erstellt werden zudem verschiedenste Studien, etwa über die Gesundheitssituation der regionalen Bevölkerung mit Fokus auf Jugendliche, ältere Menschen und Frauen.
Auch vor Stellungnahmen zu aktuellen Trends im Gesundheits- und Sozialbereich hat das SMZ-Team keine Scheu, vor allem wenn es um eine Liberalisierung um jeden Preis geht. „Es ist schon absurd, wenn sich die Stadt mit gesunkenen Ausgaben im Sozialbereich brüstet und Gesundheits- sowie Sozialanbieter gleichzeitig ihre Leistungen reduzieren müssen“, berichtet Dr. Gustav Mittelbach, einer der beiden Partner in der Gemeinschaftspraxis, die ein Teil des SMZ ist.

Gruppenpraxis ist gesundheitspolitische Ausnahme

Derzeit geht es für das SMZ auch um die Frage, „wie die Zukunft des Zentrums nach unserer Pensionierung aussieht und wie sicher gestellt werden kann, dass die innovative Arbeit weitergeht“, so Mittelbach. Die vorhandenen Nachfolgemodelle würden derzeit wenig Perspektive bieten. „Wir waren damals unter den ersten Ärzten, die das Dasein als Einzelkämpfer nicht mehr hinnehmen wollten. Leider sind kooperative Modelle trotz aller Schritte in Richtung Gruppenpraxen nach wie vor eher die gesundheitspolitische Ausnahme“, bedauert der Allgemeinmediziner.
Das interdisziplinäre Team des SMZ begleitet Menschen durch alle Lebensphasen. „Genau diese Zusammenarbeit wäre auch in anderen Bereichen des Gesundheits- und Sozialsystems so wichtig“, ist Mittelbach überzeugt. Schon seit langem sind gemeinsame Fallkonferenzen zu Patienten im SMZ üblich, um nach Lösungen zu suchen und diese gemeinsam mit den Betroffenen schrittweise umzusetzen. „In den skandinavischen Ländern oder in Slowenien sind Einrichtungen im Bereich der Primary Health Care selbstverständlich. Dort arbeiten Ärzte, Sozialarbeiter und Pflegepersonal seit langem zusammen“, betont Mittelbach. Aus seiner Sicht ist es eine der Aufgaben von Allgemeinmedizinern, für die Vernetzung von Gesundheits- und Sozialangeboten vor Ort zu sorgen. Ärzte könnten ihre Kompetenz auch bei der Gründung oder dem Betrieb von Beratungsinstitutionen einbringen. „Es ist oft erstaunlich, wie einfach Geld aus verschiedenen Quellen für Projekte zur Gesundheitsförderung zu bekommen ist – auch für die Arbeitsleistung und die Kompetenz des Arztes“, berichtet Mittelbach. Er legt Hausärzten nahe, die Kooperation beispielsweise mit lokalen Sportverbänden, der „Gesunden Gemeinde“ oder diversen psychosozialen Einrichtungen zu suchen.

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