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Dr. Sven Pastoors

 

Helmut Ebert; Sven Pastoors

Respekt

Wie wir durch Empathie und wertschätzende Kommunikation im Leben gewinnen

Soft Cover 20,55 Euro

339 Seiten;

2017 Springer Verlag

ISBN 978-3-658-17236-7

 
Praxis 6. Oktober 2017

„Respekt mit Respekt verdienen“

Interview. Unsere Welt kommt nicht ohne respektvolle Kommunikation aus, erklärt Springer-Autor Dr. Sven Pastoors, Dozent für nachhaltige Innovation an der Fontys International Business School in Venlo, Niederlande, in seinem Buch „Respekt“. Im Interview erklärt er, warum man heutzutage immer wieder daran erinnern muss.

Ihr Buch „Respekt“ beginnt mit einem Zitat, das den scharfzüngigen Wahlkampf von US-Präsident Donald Trump kommentiert. Waren gesellschaftspolitische Beobachtungen die Treibkraft für Ihr Buch?

Dr. Sven Pastoors: Auslöser für unser Buch war die Schwemme an Ratgebern, die ihren Lesern suggerieren, sie müssten ein Schwein sein, um Karriere zu machen. Einerseits beklagen wir alle den Verfall der Sitten, andererseits rechtfertigt jeder von uns seine kleinen Schandtaten mit dem Argument „Das machen doch alle“. Dem wollten wir etwas entgegensetzen. Am Beispiel der Twitter-Sprache von US-Präsident Trump wollten wir zeigen, dass die jahrelange Entwicklung zu immer mehr Aggression im öffentlichen Raum inzwischen auch die gesellschaftliche Spitze erreicht hat und salonfähig geworden zu sein scheint. Treibende Kraft für unser Buch war aber die Beobachtung, dass der Homo oeconomicus keine Moral kennt, was auch die Flut der Ellenbogen-Ratgeber erklärt. Die Medien reagieren immer wieder empört auf die moralischen Verfehlungen, aber faktisch ändert sich nichts. Niemand hat sich bislang die Mühe gemacht, dem Einzelnen, der am Ende ganz allein mit seiner Verantwortung ist, zu zeigen, was er konkret tun kann, um moralisch seine Ziele zu erreichen. Genau diesen Menschen sagen wir: Du kannst dir Respekt mit Respekt verdienen.

Wie äußert sich die Mentalität im Sinne von „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt“ Ihrer Meinung nach in der Berufswelt?

Pastoors: Dieser Grundsatz ist zwar weit verbreitet, aber nicht besonders erfolgsversprechend. Langfristig merken sich unsere Mitmenschen, wenn wir sie hinters Licht führen, und dann gilt der Grundsatz: „Schwein sein, allein sein“.

Die Mentalität „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt“ äußert sich in der Berufswelt auf vielfältige Art und Weise. Um teure Abfindungen zu vermeiden, versuchen einige Unternehmen, Mitarbeiter durch Mobbing loszuwerden. Um Kandidaten für höhere Positionen „abzuschießen“, wird mit vergiftetem Lob gearbeitet.

Aber es ist nicht immer eine böse Absicht im Spiel. Häufig spielen stereotype Wahrnehmungen eine Rolle. So wird weibliche Bescheidenheit von Männern oft als Unterwerfung verstanden. Oder männliche Aggressivität für ein Zeichen von Kompetenz gehalten. Zudem werden bestehende Widersprüche in vielen Unternehmen und Konzernen nicht offen diskutiert. So werden zum Beispiel Ziele definiert, die ein Mitarbeiter nur erreichen kann, wenn er unmoralisch handelt.

Was ist schiefgelaufen? War früher alles besser, wie man so schön sagt?

Pastoors: Gerade wenn wir über das Thema Diskriminierung sprechen, hat sich in den vergangenen Jahren auch vieles zum Guten verändert. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Zudem können wir seit einigen Jahren auch ein Rollback erkennen, bei dem vor allem weiße Männer versuchen, ihre Privilegien zu verteidigen. Früher war der Einzelne stärker eingebunden und „geschützt“ durch unterschiedliche Gruppen, Verbände, Unternehmen. Neu ist, dass in Folge der Digitalisierung und der Globalisierung eine Mentalitätskrise sichtbar wird, die sich in einer Verrohung der guten Sitten durch eine „Wertschöpfung ohne Wert“ äußert. Zudem ermöglicht uns die Anonymität des Internets unmoralisches Handeln, ohne irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen. Respekt und Anstand sind so zur Mangelware geworden. Außerdem wird zu oft derjenige belohnt, der blind vorgegebenen Kennzahlen folgt. Für ein Innehalten, für eine Stunde Nachdenken haben viele in der Alltagshektik keine Zeit mehr.

Gefühle, Empathie und alles, was sich nicht mit Vorstellungen von Rationalität vereinen lässt, wird allgemein als Schwäche abgetan. Zudem hat sich Darwins Evolutionstheorie vom Überleben des Stärksten in den Köpfen eingebrannt. Wo liegt hier der Denkfehler?

Pastoors: Noch immer haben wir es mit einem verkürzten Verständnis von Rationalität zu tun. Ein Leitbild ist für viele Manager die Figur des Mr. Spock aus der amerikanischen Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“: der kühl berechnende Entscheider. Dem liegen mehrere Denkfehler zugrunde. Zum einen wissen wir heute, dass es keine Entscheidungen ohne Emotionalität gibt. Meist haben wir auch emotional längst entschieden und begründen unsere emotional-intuitive Entscheidung nur im Nachhinein und nur scheinbar rational. Zum anderen meinte der Ausdruck „fit“ bei Darwin nicht „der Stärkste“, sondern die am besten an ihre Umwelt angepasste Art. Und wenn wir das auf die Steinzeit übertragen, war dies nicht der schnellste Läufer, sondern derjenige, der sich dem Säbelzahntiger in den Weg gestellt hat, um seine Familie zu retten.

Inwieweit profitieren Arbeitnehmer davon, wenn sie ihre Ellenbogen im Job einziehen und stattdessen dem zwischenmenschlichen Miteinander mehr Raum geben?

Pastoors: Vertrauen ist die zentrale Voraussetzung für den beruflichen Erfolg. Sie bekommen mehr und bessere Informationen. Teams beginnen sich zu öffnen. Die Kommunikation und damit auch die Qualität von Problemlösungen wird besser. Zudem wird den Mitarbeitern auch mehr Respekt entgegengebracht. Und dies fördert wiederum die Gesundheit der Arbeitnehmer. Man muss sich nur mal klarmachen, wie viele Mitarbeiter bei VW mehr oder weniger gezwungen waren, ganz bewusst die Kunden zu täuschen.

Glauben Sie, dass Respekt unsere ganze Welt zum Positiven verändern könnte? Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?

Pastoors: Ja, Respekt kann die ganze Welt zum Positiven verändern. Man kann die ganze Evolution als eine Entwicklung hin zu mehr Empathie und Respekt verstehen – trotz aller Rückschläge. Es gibt niemanden, der nicht respektiert werden will.

Unser Wunsch für die Zukunft: dass wir aufhören, immer nur alles Schwarz/Weiß zu malen. Wir neigen dazu, entweder rumzujammern oder alles schönzureden. Stattdessen müssen wir uns endlich den Herausforderungen unserer Zeit stellen. Dafür müssen wir zuerst eine kritische Bestandsaufnahme erstellen. Wenn jeder von uns die Möglichkeit erhält, seine Talente einzubringen, nützt dies allen.

Respekt und Freiheit bedingen sich gegenseitig. Wir müssen uns entscheiden: Wollen wir lieber in einem Land leben, wo alles bis ins letzte Detail geregelt ist? Oder setzen wir auf ein respektvolles Miteinander, indem wir auch ohne Regeln vertrauensvoll zusammenarbeiten können?

Quelle: springerprofessional.de

Dr. Sven Pastoors ist Dozent für Sustainable Innovation an der Fontys International Business School, Venlo (NL), zudem – unter anderem – Gründer und Kommunikationsmanager des IdeenPaten–Netzwerks für Innovation und Kommunikation.

Johanna Leitherer Sven Pastoors
, Ärzte Woche 41/2017

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