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© BahadirTanriover / Getty Images / iStock
Die Angst mancher Ärzte, dass sie durch eine Maschine ersetzt werden, sei es wegen einer KI oder eines Roboters, ist unberechtigt.
 
Praxis 29. September 2017

Neue Technologien verlangen nach aufgeschlossenen Ärzten

Digitalisierung. Mithilfe künstlicher Intelligenzen werden enorme Datenmengen für den Menschen interpretierbar. Wird es in der Folge aber dazu kommen, dass bildgebende Verfahren nur mehr von Computerprogrammen analysiert werden und Diagnosen stellen? Werden 80 Prozent der Ärzte bald nicht mehr benötigt? Dieser Beitrag will Klarheit schaffen.

Um mit den neuen Herausforderungen Schritt halten zu können, braucht es laut einem Beitrag im British Medical Journal Veränderungen (Mesko, 2015) – sowohl aufseiten der Patienten, als auch aufseiten der Ärzte. Ausschlaggebend wird zudem sein, wie wir unsere digitalen Kompetenzen nachhaltig verbessern werden.

Neue Technologien erfordern eine neue Strategie der Nutzung, deutlich wird das heute bereits mit den neuen Möglichkeiten im Bereich der Kommunikation. Nicht nur im niedergelassenen Bereich werden die Ärzte die Rolle eines Wegbereiters für Patienten übernehmen müssen, die im digitalen Umfeld zwischen all den Angeboten zur Verbesserung der Gesundheit Ihre Orientierung völlig verloren haben.

Sich früh darauf einstellen

Gerade aufgrund der vielen Professionen und der daraus resultierenden Vielzahl an unterschiedlichen Fragestellungen in einem Krankenhaus ist es wichtig, sich früh mit den neuen Technologien auseinanderzusetzen und diese zu evaluieren. Pfleger und zu Pflegende müssen dann wissen, welche Risiken sich durch die Nutzung der neuen Möglichkeiten ergeben und abwiegen können, ob die Vorteile gegenüber den Nachteilen überwiegen.

Es ist somit ein Prozess, bei dem die Patienten den Veränderungen offen gegenüberstehen und mehr Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen müssen (siehe Artikel zum Thema Health Literacy auf S. 16). Auch in Zukunft werden beispielsweise künstliche Intelligenzen (KI) die Arzt-Patienten-Beziehung nicht ersetzt, sondern noch mehr in den Mittelpunkt rückt. Die Innovationen helfen dabei die Qualität der Diagnosen und Pflege zu verbessern und machen diese auch weiterhin leistbar.

Hilfe bei der Dateninterpreten

Falls es zur Verlagerung von Pflege aus dem Spital hin in die eigenen vier Wänden kommt, dann wird es umso wichtiger sein, dass die Patienten Hoheit über Ihre eigenen gesundheitsrelevanten Daten haben und diese verstehen. Umso überraschender ist es, dass selbst heute noch immer nicht alle Krankenhäuser und Praxen über Krankenakte in elektronischer Form verfügen oder nicht damit vertraut sind, größere Datenmengen in geeigneter Weise zu verarbeiten.

Was würde heute beispielsweise passieren, wenn Sie als Patient die Aufzeichnungen Ihres Fitnesstrackers in Form von grafischen Darstellungen Ihrem behandelten Arzt vorlegen würden? Würde dieser auf Anhieb in der Lage sein, diese in den Behandlungsprozess einfließen zu lassen? Könnte dieser die wichtigen Informationen in die elektronische Gesundheitsakte übertragen? Einige ja, andere nein. In Zukunft ist aber damit zu rechnen, dass Patienten immer mehr unterschiedliche Geräte zur Aufzeichnung von Gesundheitsdaten verwenden und diese fallweise Ihrem Arzt vorlegen werden. Sollte von Expertenseite darauf verzichtet werden, da diese möglicherweise nicht als valide angesehen werden?

Hier wird keiner ersetzt

Wird es beispielsweise in Zukunft möglich sein, Radiologen durch Programme zu ersetzen die unter Verwendung einer künstlichen Intelligenz Röntgenbilder analysieren und interpretieren? Wohl kaum. Wer aber in der Lage sein wird, diese Programme richtig einzusetzen, wird am Ende ein besserer Radiologe sein und vielleicht einer sein, der einen Radiologen ersetzt, der keine computerunterstützten Diagnosen erstellt.

Nebenbei bemerkt soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, inwiefern die KI in diesem Bereich bereits eingesetzt wird. Experten von der Universität von Adelaide haben unter Verwendung von lernenden Algorithmen ein Programm entwickelt, dass aufgrund von CT-Scans mit einer 69 prozentigen Genauigkeit vorhersagen kann, welcher der Patienten innerhalb der nächsten fünf Jahre sterben wird. Es ist in etwa die gleiche Genauigkeit, die auch menschliche Diagnostiker haben.

Veränderungsansätze

Krankenhäuser von morgen, welchen Namen diese dann auch immer tragen werden, werden eine geringere Zimmeranzahl besitzen, dafür aber mehr Platz für Therapien bieten. Die gesamte Umgebung wird stärker als zuvor dazu einladen, sich sozial zu vernetzen und sich weniger alleine und verloren zu fühlen.

Altbekanntes umsetzen

Bereits seit der 1984 im Journal Science veröffentlichen Studie ist bekannt, dass Patienten, die bei einem Blick aus dem Fenster Bäume sehen, mit wesentlich weniger post-operativen Komplikationen zu rechnen haben, als bei Patienten, die nur Betonwände zu sehen bekommen. Es wird Zeit, dieses theoretische Wissen Realität werden zu lassen.

Neue Innovationen werden altbekannte und lieb gewonnene Muster verdrängen und Platz für Neues schaffen. Brillen, mit Hilfe derer virtuelle Realitäten dargestellt werden, 3D-Drucker, Telemedizin und der Einsatz von Robotern, die Kosten sparen und gleichzeitig effizienter arbeiten, sind vielfach noch Science-Fiction aber schon morgen Realität.

Die Kommunikation zwischen den verwendeten Geräten wird ausschließlich kabellos und in Echtzeit erfolgen. Kognitive Computersysteme tragen dazu bei, Wartezeiten zu reduzieren und Patientenströme zu optimieren. Autonom agierende Roboter im Krankenhausgelände, im Reinigungsdienst und Behandlungsprozess werden eine Selbstverständigkeit darstellen.

Flat-Screens zum Informieren

In den Patientenzimmern werden die vorhandenen Flat-Screens nicht mehr nur der Unterhaltung vorbehalten sein, sondern werden auch unter anderem dazu dienen, die Patienten mit allen wichtigen Informationen zu versorgen. Die Gesundheitsexperten können im Zuge der Visite relevante Patientendaten für den Patienten und seiner Angehörigen zur Förderung des besseren Verständnisses visuell darstellen. Auf Tabletts werden Patienten ihre auftretenden Schmerzen oder Symptome protokollieren und Kontakt zum Krankenhauspersonal aufnehmen.

Den Sozialräumen für Mitarbeiter in medizinischen Versorgungszentren muss in Zukunft ebenfalls mehr Beachtung geschenkt werden. Neben der Erholung dienen diese nicht unwesentlich dem Erfahrungsaustausch zwischen den unterschiedlichen Berufsgruppen.

Nur wenige wissen, dass genau das der Ort ist, an dem die besten Ideen geboren werden. Statistisch gesehen werden rund 80 Prozent aller wissenschaftlichen Durchbrüche nicht am Schreibtisch, sondern in einem sozialen Setting erzielt (The Medical Futurist, 2017).

Ausgeruhte Mitarbeiter sind leistungsfähiger und neigen zu weniger Fehlern. Eine Feststellung, die heute und vermutlich auch 2030 ihre Gültigkeit haben wird.

Fazit für die Praxis

Vernetzte Sensoren, virtuelle Realitäten und künstliche Intelligenz sind heute vielfach noch Schlagworte von technikaffinen Personen. Diese disruptiven Technologien werden es aber sein, die das Handeln und Denken von Patienten und Ärzten im Gesundheitsbereich grundlegend ändern werden.

Kritische Stimmen wie beispielsweise der bekannte Silicon Valley Investor Vinod Khosla sind der Meinung, dass die technologischen Möglichkeiten dazu führen werden, dass rund 80 Prozent der Ärzte eingespart werden können. Eine Aussage, der ich keinesfalls zustimmen kann, vielmehr wird die Technologie dazu beitragen, aus Ärzten noch bessere Diagnostiker und Behandler mit mehr Zeit für den Patienten zu machen.

Alexander Riegler, MPH, ist als Coach tätig und bietet Gesundheitskompetenz- Coaching an.

www.alexanderriegler.at

Die Literaturhinweise zu diesem Artikel finden Sie auf www.springermedizin.at

Literatur

1. Bernaert, A. (16. November 2016). Forbes. Abgerufen am 26. Juni 2017 von We Need To Stop Paying Doctors For Treating Us And Start Paying Them For Healing Us -- Here’s Why: https://www.forbes.com/sites/worldeconomicforum/2016/11/16/we-need-to-stop-paying-doctors-for-treating-us-and-start-paying-them-for-healing-us-here-is-why/#758acd835b08

2. Galeon, D. (21. April 2017). Expert: Human Immortality Could Be Acquired Through AI. Abgerufen am 4. Juli 2017 von Futurism: www.futurism.com/expert-human-immoortality-could-be-acquired-through-ai/

3. Mesko, B. (2015). Commentary: we need to be better prepared for a technological future. BMJ(350), S. h279. doi:10.1136/bmj.h279

4. Nasca, T. J., & Thomas, C. W. (März 2015). Medicine in 2035: Selected Insights From ACGME´s Scenario Planning. Journal of Gradate Medical Education, S. 139-142.

5. The Medical Futurist. (2017). Abgerufen am 2017. Juni 24 von Peek into the Future of Hospitals: Smart Design, Technologies and Our Homes: http://medicalfuturist.com/peek-into-the-future-of-hospitals/

Alexander Riegler
, Ärzte Woche 40/2017

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