zur Navigation zum Inhalt
© Willfried Gredler-Oxenbauer / picture alliance
Auf diesem Fresko in Hartberg schickt der Teufel Judas ins Höllenfeuer.
 
Praxis 22. September 2017

Teuflische Bürokratie

Generation Y. Immer weniger junge Ärzte wollen sich in die einst titulierte Verlässlichkeit eines Kassenvertrags begeben, der sie an die Ordi und eine Region „kettet“. Ein steirischer Jungmediziner sagt, welche „bürokratischen Absonderlichkeiten“ im System dafür verantwortlich sind.

Kassenärzte gehen – als Vertragspartner der Sozialversicherungen – viele Verpflichtungen bezüglich aller möglichen Regulativen ein. Die junge Ärztegeneration fragt sich, ob sie das überhaupt so will. Folge ist, dass es in Österreich für manche Kassenplanstellen überhaupt keine Bewerber mehr gibt und die Versorgungslage in einigen Regionen bereits prekär ist. Als eine der Hauptgründe für diese Entwicklung nennt Dr. Alexander Moussa, Kassenarzt in Hartberg seit 2015 und Obmann der Interessensgemeinschaft Niedergelassene Ärzte (IGNÄ) – sich verändernde Lebensmodelle: „Vor allem das häufige Fehlen motivierender Zusammenarbeitsformen und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Selbstständiger schrecken viele ab“, sagt Moussa, Vater von zwei kleinen Kindern. Neben rigiden Honorarsystemen mit Degressionen und Limitierungen, mit denen die Krankenkassen zum Teil das Versicherungsrisiko auf die Ärzteschaft abwälzen, seien es vor allem bürokratische und administrative Belastungen, die die Vertrags-Partnerschaft unattraktiv machen. Für die Ärzte Woche hat der junge Standesvertreter Beispiele für „bürokratische Absonderlichkeiten im System“ zusammengefasst.

ABS bremst ein

Die zeitintensivste und häufigste bürokratische Tätigkeit im kassenmedizinischen Bereich ist das Einholen von Bewilligungen für Medikamente beim ärztlichen Dienst der jeweiligen Krankenkassen. Hier wird auf meist elektronischem Wege über das eABS (elektronisches Arzneimittelbewilligungssystem geprüft, ob Medikamente den ökonomischen Richtlinien, welche im Erstattungskodex) festgehalten sind, entsprechen. Interessant wird es dann, wenn An- bzw. Verordnungen aus Krankenhäusern bzw. von Wahl-/Fachärzten durch den Hausarzt bewilligt werden sollen und man trotz schriftlicher Belege, meist wegen unzureichender regelkonformer Therapiebegründungen, keine Chefarztbewilligung erhält. Plötzlich steht man dann als betreuender Arzt im Spannungsfeld zwischen Patient, Erstverordner und Finanziers. Neben dem sich häufig bei den Hausärzten oder deren Teams entladenden Unverständnis der Patienten, kämpft man sich dann mit Argumenten und meist zusätzlich anzufordernden Spitals-/Facharztbefunden zeitaufwendig zur Bewilligung und hofft, dass einer der Kollegen am anderen Ende der Datenleitung beim dritten Versuch und nach Übermittlung aller hierfür eingescannten „vorläufigen“ Entlassungsbriefe Erbarmen mit einem hat.

PPP ist nicht immer ein Gewinn

Nächstes interessantes Beispiel ist das PPP: das „Patienten-Ping-Pong“ zwischen vor allem chirurgischen Abteilungen und den Hausärzten betreffend radiologischer Untersuchungen (z. B. Knie-MRT) nach folgendem Schema: Patient kommt zum Hausarzt und beschreibt schlüssig ein weiter abklärungsbedürftiges Zustandsbild. Es wird eine Überweisung für eine diagnostische radiologische Untersuchung zur Bewilligung an den jeweiligen Ärztlichen Dienst der Krankenversicherung übermittelt. Daraufhin erhält man mitunter Bescheid, dass ein Facharztbefund für eine Bewilligung erforderlich sei. Der Patient wird somit natürlich in einer entsprechenden Fachambulanz oder natürlich vorzugsweise zeitnah beim niedergelassenen Facharzt vorgestellt, wo zumeist die Verdachtsdiagnose bestätigt wird. War der Patient in einer Fachambulanz, so ist der Weg in die hausärztliche Ordination notwendig, damit wiederum eine Bewilligung, mit dem meist vom Turnus- oder Assistenzarzt verfassten Befund der Fachabteilung für die entsprechende Untersuchung, eingeholt werden kann. Der Patient muss allerdings meist bis zur Bearbeitung am nächsten Tag noch einmal kommen, damit er die bewilligte Verordnung abholen und erst dann endlich ordnungsgemäß einen Termin beim Radiologen vereinbaren kann. Zur Befundbesprechung kommt er dann meist wieder zum Hausarzt, welcher ihn bei Bedarf zur weiteren Therapie wieder ins Spital schickt.

Ein Hoch auf die Zettelwirtschaft

Als Vertragspartner aller Kassen kann man sich glücklich schätzen. Immerhin darf man dann im Gegensatz zu den Wahlärzten auf die Drucksorten und Formulare des jeweiligen Sozialversicherungsträgers zurückgreifen. Bevor man jedoch losdrucken kann, sollte man sich für einen reibungslosen Ordinationsablauf rasch um adäquate Hardware umsehen. Also was wird benötigt? Druckmöglichkeit für Überweisungsscheine für GKK, BVA, SVA, VAEB, KFA, zusätzlich je ein Schacht für Transportanträge, Verordnungen, Rezepte und Laborausdrucke. Bedarfsweise sollte man noch Kuranträge, Psychotherapie-Verordnung, Bestätigungen und Atteste rasch ausdrucken können. Neuerdings kommt noch die Registrierkasse bzw. Belegerteilungspflicht und somit ein Bon-Drucker dazu. Wer seine Blutröhrchen oder Abstriche qualitätsgesichert zuordenbar beschriften möchte, schafft sich dann auch noch einen Etikettendrucker an. Wenn man alles zusammenzählt, kommt da schon einiges zusammen und den Platz für so viele Drucker und die dementsprechende IT-Infrastruktur (aber das ist eine eigene Geschichte) ist eine Herausforderung.

Benachteiligte Kassenpraxen

Bei Wahlärzten besteht die Möglichkeit, dass man Kollegen anstellt. In der Kassenordination ist das verboten. In manchen Bundesländern gibt es bis zum heutigen Tage sogar noch ein Verbot der Zusammenarbeit am gleichen Ort zur selben Zeit! Dort wo Jobsharing-Verträge möglich sind, wird die Zusammenarbeit und das eventuelle Mehr an Zeit für die individuelle Betreuung der Patienten zusätzlich zu den meist schon degressiven und limitierten Kassenleistungen mit Abschlägen auf das Honorar „belohnt“. Gruppenpraxisverträge unterliegen in einigen Bundesländern ebenfalls Abschlägen bei häufig sowieso nur einstelligen Brutto-Honorarpositionen. Das Gesetz zur Ärzte-GmbH ist so ausgestaltet worden, dass man auf Basis der österreichischen Ärztehonorarstatistik diese Variante der Zusammenarbeit oft nur virtuell, aber wirtschaftlich im wahren Leben nicht umsetzen kann.

Insgesamt fehlen, so Moussa, Anreize für die Generation Y, in den gesundheitsökonomisch wichtigen niedergelassenen Bereich zu wechseln: „Abgesehen von Möglichkeiten der ärztlichen Zusammenarbeit und der Anpassung der Honorarordnungen braucht es vor allem die Entlastung von Bürokratie und Regulativen“, resümiert er, „damit die Kassenmedizin wieder an Attraktivität gewinnt.“

Isabella Csokai
, Ärzte Woche 39/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben