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Praxis 24. November 2005

Expertenforum beleuchtet Ärzte-GmbH: Als „Prestigeobjekt“ absolut untauglich

Die Praxis-GmbH ist in aller Munde. Die Ärztekammer will sie als mögliche Rechtsform für Ordinationen haben, da nicht einzusehen ist, dass einige Gesellschaftsformen nur anderen Freiberufler-Gruppen vorbehalten sind. Die Vor- und Nachteile von GmbHs als Organisationsform für Ordinationen waren auch Tagesordnungspunkt beim Monatstreffen von MEDTAX, dem Dachverband der österr. Ärztesteuerberater. PRAXIS & WIRTSCHAFT war dabei.

In der Rechtsform einer GmbH sind für Ärzte Konstellationen denkbar, bei denen ein starkes Übergewicht der Vorteile im Vergleich zur herkömmlichen Form als Einzelunternehmen oder Offener Erwerbs Gesellschaft (OEG) besteht, beispielsweise im boomenden Bereich ärztlicher Kooperationen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Ärzte-GmbH noch dieses Jahr grünes Licht bekommt, ist groß. Deshalb beschäftigen sich spezialisierte Unternehmens- und Steuerberater, wie jene der MEDTAX-Gruppe, schon seit einiger Zeit mit der Thematik, um dann bei konkreten Anfragen kompetent Auskunft geben zu können.

Mag. Wolfgang Leonhart
Leonhart und Leonhart Wirtschaftstreuhand, Wien
Für den Betrieb einer Arztpraxis als GmbH würden einige Aspekte sprechen. So gäbe es eine zivilrechtliche Haftungsbeschränkung und keine wechselweise Haftung für Behandlungsfehler bei mehreren Partnern. Weiters ist eine erleichterte Innenfinanzierung durch Gewinneinbehaltung möglich. Eine GmbH könnte auch einen „Markennamen“ schaffen. Unter Umständen kann auch eine verbesserte Ausnützung von Ressourcen durch erleichterte gemeinsame Nutzung argumentiert werden.
Auch steuerlich besteht zumindest theoretisch Spielraum. Die laufende Besteuerung würde große GmbHs mit Gewinnen über 150.000 Euro bevorteilen. Außerdem wirkt die aktuelle Gesetzeslage mit einem ähnlichen Effekt wie eine Stiftung: Die Vermögensanlage kann innerhalb der betrieblichen Sphäre aus dem Gewinn vor KESt erfolgen. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Eine GmbH-Buchhaltung ist wesentlich aufwändiger und teuerer als die Einnahmen-Ausgabenrechnung in der Arztpraxis. Bei der Umgründung findet ein Wechsel der Gewinnermittlung statt, daher ist im Regelfall eine zusätzliche Steuerlast zu erwarten. Durch die aufwändigere Buchhaltung hat der Fiskus natürlich auch bei Betriebsprüfungen mehr Informationen. Die Abhängigkeit von externen Beratern ist größer, für den Arzt ist alles wesentlich weniger leicht im Griff zu halten.

Dr. Gottfried Scholler
Dr. Scholler & Partner Wirtschaftstreuhand, Wien
Die Haftung des Arztes stellt ein immer größeres Problem dar, da man sich auch in Österreich immer mehr in Richtung der so genannten „amerikanischen Verhältnisse“ bewegt, bei denen Patienten sehr oft versuchen, materielle Vorteile aus einer mehr oder weniger erfolgreichen Behandlung durch den Arzt zu schlagen. Teilweise wird absurdesten Klagen von Patienten durch fragwürdige Urteile entsprochen.
Es wäre daher aus meiner Sicht sinnvoll, dass den einzelnen behandelnden Arzt in Zukunft die Haftung nicht direkt trifft. Durch ungerechtfertigtes Ausnutzen von Gesetzen und Richtersprüchen seitens der Patienten kann eine Schädigung des Arztes erfolgen, die ihn auch wirtschaftlich ruinieren kann. Ein weiterer Anwendungsbereich für die Etablierung von Ärzte-GmbHs ergibt sich durch das Problem der Nachfolge. Die Ordinationsübergabe wäre durch die Errichtung einer GmbH oft wesentlich einfacher zu lösen, da ein möglicher Übernehmer schon im Vorfeld relativ einfach in die Gesellschaft integriert werden könnte. Ein wirtschaftlich sinnvoller reibungsloser Übergang von einem Arzt auf den anderen, bei dem der neu beitretende Arzt langsam den Patienten vertraut gemacht werden kann, wäre so gewährleistet.
Es erscheint unverständlich, dass Ärzte von der Möglichkeit, eine GmbH zu gründen, ausgeschlossen werden, da dies fast alle Freiberufler mit Ausnahme der Tierärzte und der Notare tun können. GmbHs sind bei Wirtschaftstreuhändern, Rechtsanwälten und Architekten oder Ziviltechnikern eine mögliche Gesellschaftsform und werden von diesen Freiberuflern auch häufig gewählt. Dass der Arzt in dieser Gesellschaftsform nicht auftreten darf, scheint gegen den Gleichheitsgrundsatz zu verstoßen. Generell gibt es genügend zivilrechtliche und betriebswirtschaftliche Gründe, die für die Gründung einer GmbH beim Arzt sprechen.

Raimund Eller
Steuerberatung Jünger, Innsbruck
Vorweg kann gesagt werden, dass die Ärzte-GmbH ein vielschichtigeres Thema ist, als es bei oberflächlicher Betrachtung zu sein scheint. Wer nämlich bei diesem Stichwort sofort und ausschließlich assoziiert, dass Ärzten endlich wie anderen Freiberuflern und allen Gewerbetreibenden die GmbH als „Steuerparadies“ mit seit 1. Jänner 2005 nur 25 Prozent Körperschaftssteuer offen stehen soll, der wird dem Thema nicht wirklich gerecht. Natürlich ist es so, dass bei bestimmten Konstellationen Praxen mit Jahresgewinnen zwischen 150.000 und 200.000 Euro aufwärts auch steuerliche Vorteile durch diese Rechtsform hätten. Dem stehen allerdings durchaus erhöhte bürokratische Anforderungen, wie beispielsweise Gründungskosten, doppelte Buchführungspflicht, Bilanzierungspflicht oder Offenlegungspflicht des Jahresabschlusses im Firmenbuch, gegenüber.
Nach geltendem Recht hindert grundsätzlich niemand Ärzte daran, GmbHs zu gründen und beispielsweise als Ordinations- und ApparatevermietungsgmbH zu führen. Das heißt, die GmbH erwirbt oder mietet die Praxisräumlichkeiten und die Praxiseinrichtung und -ausstattung und vermietet diese an einen oder mehrere Ärzte. In bestimmten, allerdings eher seltenen Konstellationen lassen sich dadurch steuerliche Vorteile erzielen. Den Betreibern steht der Vorsteuerabzug für die angeschafften Investitionen zu, allerdings ist auch Umsatzsteuer von der „Miete“ zu zahlen. Der seit der Steuerreform in aller Munde genommene Vorteil aus 50 Prozent Einkommen- zu 25 Prozent Körperschaftssteuersatz lässt sich mit dieser Konstruktion aber ebensowenig erzielen wie mit den allenthalben in Publikationen empfohlenen Kontaktlinsen-GmbHs für Augenärzte, Ernährungsberatungs-GmbHs für Allgemeinmediziner oder Kosmetik-GmbHs für Dermatologen. Dies ganz einfach deshalb, weil sich die Gewinne aus der ärztlichen Tätigkeit nicht in die GmbH „verlagern“ lassen. Das bedeutet, dass dann immer noch vom hohen Einkommen 50 Prozent Einkommensteuer und von den Mikrogewinnen in der GmbH teuer erkaufte 43,75 Prozent Gesamtsteuer nach Gewinnausschüttung anfallen. Das kommt wohl einem Schildbürgerstreich gleich. Der Grund dafür, dass Ärzte derzeit vom Steuerzuckerl GmbH weitgehend nicht profitieren können, ist die Einschränkung, dass die Ausübung der ärztlichen Tätigkeit nach dem Ärztegesetz nur im Rahmen einer Einzelpraxis oder einer Gruppenpraxis-OEG zulässig ist. Daher ist verständlich, dass die Ärztekammer schon seit Jahren vom Gesetzgeber die Zulassung der ärztlichen Berufsausübung in der Rechtsform einer GmbH fordert. Im Vordergrund stehen hierbei nicht die möglichen Steuervorteile, zumal nur eine Minderheit von Ärzten wirklich davon profitieren würde. Was aber in Zeiten der zunehmenden Haftungsproblematiken wirklich schwer wiegt, ist die dringend gebotene existenzielle Absicherung der Ärzteschaft durch die beschränkte Haftung einer GmbH. Eine weitere Möglichkeit - zumindest für Apparate-intensive Fächer -, ist, einmal erteilte Bewilligungen personenunabhängig zu übertragen. Die GmbH als Rechtsform würde auch das große Hindernis bei der Gruppenpraxis, nämlich die OEG-immanente unbeschränkte Gesamthaftung aller Gesellschafter, beseitigen. Überhaupt bietet die GmbH einen nicht unbeträchtlichen Phantasiespielraum in Bezug auf ärztliche Kooperationsmodelle, die absolut ein Gebot der Stunde darstellen. Schließlich bleibt zu sagen, dass der Ärzteschaft zunehmend eine wirtschaftlich und betriebswirtschaftlich orientierte Praxisführung abverlangt wird. Schon unter diesem Gesichtspunkt darf die Verwehrung von Gestaltungsmöglichkeiten, die nahezu allen anderen Berufsgruppen offen stehen, nicht weiter aufrecht erhalten bleiben.

Dr. Karl Braunschmid
ÄRZTETREUHAND Dr. Braunschmid, Linz
Die Wahl der Rechtsform hat auf ein Unternehmen in vielerlei Hinsicht Auswirkungen, so dass sie mit größter Sorgfalt vorgenommen werden muss und die verschiedenen Auswirkungen gut zu überlegen sind. Eine selbständige Arztpraxis kann nach derzeitiger Rechtslage im Wesentlichen nur in Form eines Einzelunternehmens oder einer Offenen Erwerbsgesellschaft geführt werden. Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung steht den Ärzten für die Ausübung der ärztlichen Tätigkeit außerhalb einer Krankenanstalt nicht zur Verfügung.
Seitdem der Körperschaftssteuersatz für GmbHs gesenkt wurde, ist sie in vieler Munde. Als ganzheitlicher Berater für meine Klienten beziehe ich die verschiedensten Auswirkungen einer GmbH in meine Überlegungen ein und teile daher die mancherorts herrschende Euphorie für die Arzt-GmbH nicht. Natürlich kann die GmbH in manchen Fällen eine geeignete Rechtsform darstellen, im Vergleich zur Gesamtzahl der selbständigen Arztpraxen aber eben nur in manchen Fällen. Es können Haftungsgründe, bei sehr hohen Gewinnsituationen steuerliche oder aber auch andere Gründe vorliegen, die die GmbH als empfehlenswert erscheinen lassen. Daher soll diese Rechtsform auch Ärzten zur Verfügung stehen. Meines Erachtens würde es aus mehreren Gründen aber zu keinem Boom von Ärzte-GmbHs kommen. Die von vielen Medien strapazierte steuerliche Besserstellung ist nämlich zu relativieren. Der so oft zitierte Körperschaftssteuersatz von 25 Prozent gilt nur für Gewinne, die in der GmbH belassen werden, also dem Gesellschafter für private Zwecke nicht zur Verfügung stehen. Braucht der Arzt-Gesellschafter in seinem Privatbereich Geld, muss er dieses aus der GmbH durch so genannte Ausschüttungen holen. In diesem Fall beträgt der Steuersatz aber ohnehin bereits 43,75 Prozent im Vergleich zu 50 Prozent Höchststeuersatz beim Einzelunternehmer. Ganz abgesehen von Problemen mit dem Finanzamt, betreffend verdeckte Einlagen und Gesellschaftsteuer sowie Mindestkörperschaftssteuer auch in Verlustjahren und Lohnnebenkosten für die Geschäftsführergehälter.
Die GmbH lässt weiters die gewohnte Einnahmen-Ausgaben-Rechnung nicht zu. Es muss eine so genannte doppelte Buchhaltung geführt werden sowie ein lückenloses Kassabuch, nicht nur mit den betrieblichen Bareinnahmen und Barausgaben, sondern mit absolut allen Bargeldbewegungen eines Jahres. Das bringt in der Praxis häufig Probleme mit sich und ist daher oft Gegenstand von Betriebs­prüfungen. Der Jahresabschluss einer GmbH ist, wenn auch in verkürzter Form, beim Firmenbuch einzureichen und damit für jedermann einsehbar.
Mit den genannten Vorschriften sind nicht unwesentliche Mehrkosten für die Aufzeichnungen in der Ordination, für die Buchhaltung, für den Jahresabschluss und die Steuererklärungen sowie für Gebühren beim Firmenbuch verbunden. Der Einzelunternehmer Arzt ist gewohnt, über sein Unternehmen autonom zu verfügen und Gewinne zu entnehmen, ohne formale Beschlüsse fassen und sonstige Beschränkungen erfüllen zu müssen. Der Arzt als Gesellschafter einer GmbH muss diese Formalia jedoch erfüllen, auch wenn ihm seine GmbH zu 100 Prozent gehört. Das Geschäftsführergehalt kann nicht willkürlich verändert werden, sondern muss mit steuerlichen und sonstigen Begleitüberlegungen gewählt werden. Auch den Ärzten sollte die GmbH natürlich als Gesellschaftsform offen stehen, weil Gründe vorliegen können, welche die Errichtung einer GmbH in manchen Fällen sinnvoll erscheinen lassen. Euphorie ist aber sicher nicht angebracht. Es müssen alle Einflussfaktoren für die Rechtsformwahl eingehend besprochen und vor allem auch verständlich erklärt werden, bevor eine GmbH-Gründung ins Auge gefasst wird.

Mag. Manfred Kenda
Die Steuerberater, Klagenfurt
Sicherlich spricht Etliches für die GmbH, vor allem der Ausgleich der Ungerechtigkeit des Steuersatzes gegenüber anderen Unternehmensformen. Nach Entnahme ist der Steuersatz in der GmbH doch um einiges geringer als im Einzelunternehmen Arztpraxis. Die Besonderheit der Arztpraxis ist natürlich die persönliche Haftung des Arztes für seine erbrachten Leistungen. Diese müssten in der GmbH ebenfalls sichergestellt werden. Wenn wir uns die finanzielle Seite ansehen, so kommt die GmbH nicht für jede Arztpraxis in Frage. Erst ab einem steuerlichen Gewinn von etwa 150.000 Euro ist es sinnvoll, sich Gedanken über diese Rechtsform zu machen. Wichtig bei der Betrachtung sind die zusätzlichen Kosten, die für die Gründung, vor allem aber für die laufende Administration aufgewendet werden müssen. Eine doppelte Buchhaltung ist erforderlich und am Jahresende muss eine Bilanz erstellt werden. Und zwar mit allem, was dazugehört. Das erfordert eine exakte Organisation der Belege, und das ist nicht immer leicht zu bewerkstelligen.
Aus rein wirtschaftlichen Gründen wird also die GmbH erst ab einem Umsatz in Höhe von 300.000 Euro und einem Gewinn von 150.000 bis 200.000 Euro überhaupt in Frage kommen. Ein weiteres Thema ist die Anstellung von Ärzten. Inwieweit sollen hier die Bestimmungen gelockert werden? Besteht ein Kassenvertrag und wird die Anstellung von Ärzten in der GmbH zugelassen, kann es schon sein, dass der Inhaber sich einen Pool von Mitarbeitern anstellt, um selbst nur noch administrative Tätigkeiten zu leisten. Selbstverständlich könnte dadurch auch der gesamte nichtkassenärztliche Bereich abgedeckt werden, was wiederum für einzelne niedergelassene Wahlärzte ein Problem darstellen könnte. Nach wie vor sehen viele Unternehmer in einer GmbH eine Art „Prestigeobjekt“, das man genauso besitzen sollte wie ein Auto oder ein Haus. Hier muss insofern Aufklärungsarbeit geleistet werden, als es notwendig ist, genau zu analysieren, ob die GmbH im individuellen Fall sinnvoll ist oder nicht.

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