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Praxis 23. November 2005

Arzt und Mann: Zu viel des Guten?

Wie bin ich? Die Frage ist leicht gestellt, die Antwort vielleicht mehr gefällig als real. Die Auseinandersetzung mit dem männlichen Rollenbild ist in der Ärzteschaft eher unüblich, kann aber die gesamte Work-Life-Balance positiv beeinflussen.

In öffentlichen Bildern sind Ärzte sehr oft Männer. Sowohl in diesen „Images“ als auch in der Erwartungshaltung von PatientInnen werden Vorstellungen über die Fähigkeiten und Eigenschaften von Ärzten und oft klischeehafte Bilder vom Mann-Sein miteinander verknüpft. Dazu kommt das Selbstbild des Arztes und wie er seine Rolle als Mann im beruflichen Umfeld umsetzt. Öfters heißt es, im medizinischen Bereich dürfe es keinen Unterschied machen, welches Geschlecht der Behandler oder die Behandlerin hat. Doch die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle und Identität bzw. der Versuch, dieser ständig aus dem Weg zu gehen, bringt Konsequenzen für den Umgang mit MitarbeiterInnen und PatientInnen, mit der eigenen physischen und psychischen Gesundheit, mit der Balance zwischen Arbeit und dem „Rest des Lebens“. Der heuer erschienene Männergesundheitsbericht des Sozialministeriums bringt es wieder einmal auf den Punkt: Männer sterben nicht nur durchschnittlich sieben Jahre früher, sie liegen auch bei vielen physischen und psychischen Krankheiten an der „Spitze“. Das gilt für Krankenstandstage, Frühpensionierungen bzw. Konsequenzen für die Gesundheit im Alter.

Die „Stärken“ des Mannes

Offensichtlich hängt dies auch damit zusammen, dass sich Männer insgesamt weniger um die eigene Gesundheit im ganzheitlichen Sinn kümmern. Viele scheinen sich fast sklavisch an eine Liste zu halten, die der Psychologe Herb Goldbergs unter anderem aus der Analyse von Interviews mit Männern zusammengestellt hat: „Je weniger Schlaf ich benötige, je mehr Schmer-zen ich ertragen kann, je mehr Alkohol ich vertrage, je weniger ich mich darum kümmere, was ich esse, je weniger ich jemanden um Hilfe bitte und von jemandem abhängig bin, je mehr ich meine Gefühle kontrolliere und unterdrücke, je weniger ich auf meinen Körper achte – desto männlicher bin ich.“

Patienten-Bilder

Das kennen viele Ärzte und natürlich auch Ärztinnen: PatientInnen, die vom Gott in Weiß wahre Wunder erwarten, dass dieser einen Röntgenblick habe, Antwort auf alle Fragen weiß, ein Pülverchen oder eine Spritze für jedes Symptom kenne und natürlich rund um die Uhr und nicht nur in der Praxis oder im Spital zur Verfügung steht. Dazu kommen dann oft anzutreffende Erwartungen an das Mann-Sein: Immer stark, alles (allein) bewältigen können, immer bereit zu arbeiten und es nicht zu brauchen, über die eigene Befindlichkeit zu reden. Dies alles hat auch Konsequenzen für den Umgang mit den eigenen Grenzen, mit Arbeiten bis zur Erschöpfung und darüber hinaus, mit dem manchmal aufkommenden Gefühl, sich eigentlich nie wirklich erholen zu können. Burn-out ist dann nur eine der möglichen Konsequenzen, und sicher bei Ärzten ein wichtiges Thema. Ein Teil der Prophylaxe kann die Auseinandersetzung mit öffentlichen Bildern von Mann-Sein und damit verknüpften Erwartungen bzw. Umgangsarten sowie mit den eigenen Vorstellungen darüber sein, wie ein Mann mit seinem Berufsalltag und dem „Rest des Lebens“ umgeht. Denn Vereinbarkeit von Beruf und Leben ist auch ein Männerthema, ebenso wie die konkrete Gestaltung von Beziehungen im beruflichen und auch privaten Umfeld.

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