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Praxis 23. November 2005

Die One-Man-Show des Dr.W.

Der Allgemeinmediziner Dr.W. kann Arbeiten höchstens an seine Patienten delegieren; er beschäftigt weder Helferinnen noch eine Bedienerin. Und ist damit seit mehreren Jahren außerordentlich glücklich und zufrieden.

„Rufen Sie bitte in fünf Minuten noch einmal an, ich schreib' gerade ein EKG.“ Um einen Termin zu vereinbaren, sind die Patienten von Dr. W. gewohnt, es häufiger zu probieren. Kooperationen, Netzwerke, medizinische Versorgungszentren – diese Schlagworte interessieren Dr. W. nicht mehr. „Ich habe früher schon Kooperationsformen ausprobiert und gelernt, dass mir das nichts bringt“, erzählt er und erinnert sich an die Zeit, in der er in seiner großen und schnell florierenden Praxis zeitweise zwei Vertreter und drei Helferinnen beschäftigte. Mit den Psycho- und den Physiotherapeuten im Haus wurden wöchentliche Treffen zum Austausch und zur Fortbildung gepflegt. „Das war schon interessant“, sagt Dr. W., aber auf der anderen Seite der Bilanz standen eine Arbeitswoche von 60 bis 70 Stunden sowie immens hohe Personalkosten, die Quartal für Quartal eingespielt werden mussten.

EDV konsequent nutzen

Der Einsatz von EDV hatte ihn schon immer interessiert. Zwar dauerte es einige Jahre, bis er die Feinheiten der Praxisprogramme erlernt hatte, dafür war seine Praxis eine der ersten in seiner Gegend, die weitgehend papierlos arbeiteten. „Eine Praxis ohne Mitarbeiter kann nur funktionieren, wenn der Arzt die EDV vollkommen beherrscht und alle Funktionen konsequent zum Einsatz bringt“, betont der Allgemeinmediziner. Vor sechs Jahren jedenfalls glaubte Dr. W. die EDV so gut zu kennen, dass er auch ohne Helferinnen eine Praxis führen könne, und verkaufte die alte Ordination. Einige Monate später eröffnete er in einem eigens dafür errichteten 55 Quadratmeter großen Anbau an seinem Wohnhaus die neue Praxis. Die anfängliche Befürchtung, dass Patienten den Weg zu dem etwas abgelegenen Standort nicht finden oder scheuen würden, erwies sich als unberechtigt. Schon früher auf Schmerzakupunktur-Behandlung spezialisiert, blieben unserem Kollegen einige Patienten treu. Das gemütliche Ambiente der Praxis ohne teuren oder supermodernen Schnickschnack scheint auch Privatpatienten anzusprechen. Der Umsatz aus der privatärztlichen Tätigkeit ist deutlich höher als jener der „kleinen Kassen“, verrät Dr. W., räumt zugleich aber ein, dass er mit der großen Praxis mehr verdient hat. Doch heute hat er genug und arbeitet dafür umgerechnet viel weniger als früher – worüber sich auch seine Familie freut.

Kollege W. lässt seine Patienten arbeiten

Ein Anruf unterbricht unser Gespräch. Dr. W. macht den Patienten darauf aufmerksam, dass dieser außerhalb der Sprechstunde anruft. „Ich kann Ihnen aber schon sagen, dass mir das Krankenhaus den falschen Befund geschickt hat. Bitte kümmern Sie sich darum und rufen mich dann wieder während der Sprechstunde an“, lauten die Anweisungen des Arztes. In einer anderen Praxis hätte wohl eine Helferin die Arbeit übernommen, den richtigen Befund anzufordern. So gesehen delegiert Dr. W. auch Aufgaben an seine Patienten. Die Ordination ist 20 Stunden pro Woche geöffnet. Gar nicht so wenig im Vergleich zu Kassenpraxen. Aber wegen minimaler Verwaltungsaufgaben und Hausbesuchen summiert sich die gesamte Arbeitszeit auf etwa 32 Stunden pro Woche. Außerhalb der Sprechstunden werden Anrufe vom Anrufbeantworter entgegengenommen, allerdings ist der Arzt für seine Patienten auf dem Handy erreichbar. „Die Hemmschwelle, auf dem Handy anzurufen, ist größer, da ja auch teurer. Nur ein- bis zweimal die Woche nutzen Patienten diese Möglichkeit“, erklärt Dr. W. Einmal in der Woche nimmt unser Allgemeinmediziner den Staubsauger selbst in die Hand, denn eine Bedienerin gibt es ebenfalls nicht. Einzige Fremdleistung: Seine Frau wischt die Praxisräume einmal wöchentlich feucht durch. „Dafür mache ich andere Sachen für meine Frau“, meint er augenzwinkernd. Selbst eine Teilzeitkraft, die er früher noch beschäftigte, wurde wegrationalisiert. So geht er nun auch seine Briefmarken selber holen.

150 Patienten pro Quartal für das Gehalt einer Assistentin

In anderen Ländern ist die Einmann-Praxis ohne Helferin gar nicht unüblich, weiß Dr. W. und rät seinen Kollegen ebenfalls zum Abspecken. Schließlich muss man, nur um eine Helferin bezahlen zu können, bei einem durchschnittlichen Scheinwert von 30 bis 40 Euro mindestens 150 Patienten pro Quartal durchschleusen. Und damit noch etwas Gewinn übrig bleibt, wird die zweite Helferin angestellt. Die dritte Helferin folgt, weil der Arzt sich vor Unwägbarkeiten wie Mutterschaft oder Krankheit absichern will oder einfach den Urlaub abdecken muss. Und so dreht sich die Spirale immer weiter nach oben. Und schließlich macht viel Medizin weder den Patienten gesünder noch den Arzt glücklicher. Vielmehr treibt es ihn immer mehr in Richtung Burn-out oder gar Konkurs.

Dr. Jürgen Brunotte, Ärzte Woche 34/2004

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