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Praxis 23. November 2005

Berufshaftpflicht mit Langzeiteffekt

Was wie der Name einer englischen Hunderasse klingt – „Long-Tail“ –, ist ein Fachausdruck aus dem Versicherungswesen, genauer gesagt aus der Haftpflichtversicherung. Dessen Kenntnis ist laut Dir. Wilhelm Zieger vom Basler Ärztedienst für die Gestaltung einer Berufshaftpflicht-Versicherung nicht unerheblich.

Die Allgemeinen Haftpflichtversicherungsbedingungen kennen in Zusammenhang mit Personenschäden zwei Grundbegriffe. Einerseits gibt es den Verstoß, der in moderneren Bedingungen etwas besser verständlich als schadenverursachende medizinische Behandlung bezeichnet wird, sowie andererseits das Schadenereignis. „Während der Verstoß die unmittelbare ärztliche Tätigkeit am Patienten darstellt, versteht man unter einem Schaden­ereignis das Auftreten einer Folge davon, die zu einem Schadenersatzanspruch führt oder führen könnte“, so Zieger.
Das Problem stellt sich laut Zieger wie folgt dar: „Zwischen dem Verstoß und dem Eintreten des Schadenereignisses kann einige Zeit vergehen, durchaus auch mehrere Jahre. In diesem Zusammenhang spricht man von der „Long-Tail-Wirkung“. Für den Versicherungsschutz ist das Schadenereignis von entscheidender Bedeutung. In den Allgemeinen Versicherungsbedingungen wird als Versicherungsfall deshalb das Eintreten des Schadenereignisses definiert. Dieser Umstand könnte zu der durchaus eigenartigen Situation führen, dass ein zum Zeitpunkt einer Operation unversicherter Arzt trotzdem Versicherungsschutz hat, wenn das Schadenereignis als Folge dieser Operation erst später auftritt und der betreffende Arzt in der Zwischenzeit eine Berufshaftpflicht-Versicherung abgeschlossen hat. „Das geht natürlich nur dann“, so Zieger, „wenn zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses eine eventuelle Schadenursache nicht schon bekannt war.“

Nachhaftung in der Pension

Umgekehrt resultiert aus dieser Regelung aber auch das Problem der Nachhaftung. Wenn ein Arzt seine berufliche Tätigkeit etwa durch seine Pensionierung beendet, wäre es nur logisch, auch die berufsspezifischen Versicherungsverträge (Beispiel Berufshaftpflicht-Versicherung) ebenfalls zum gleichen Zeitpunkt zu beenden. In diesem Fall läuft der Arzt allerdings Gefahr, nach dem Erlöschen seines Versicherungsschutzes mit Schadenersatzforderungen aus einem Schadenereignis konfrontiert zu sein, dessen Ursache in seiner aktiven Zeit lag. Jeder Arzt ist also gut beraten, sich vor seiner Pensionierung um eine entsprechende Nachhaftung zu bemühen. Die Versicherungsgesellschaften bieten für dieses Problem verschiedene Lösungen an.
Auch der örtliche Geltungsbereich des Versicherungsschutzes ist in Zusammenhang mit der Long-Tail-Wirkung zu beachten. Je nach Vertragsgestaltung sind Schadenereignisse versichert, die in Österreich (oder in Europa) auftreten. Wenn allerdings ein Schadenereignis trotz ärztlicher Behandlung in Österreich (oder Europa) im außereuropäischen Ausland auftritt, muss für diese Erweiterung des Deckungsumfanges in der Polizze vorgesorgt werden. „Als typisches Beispiel gilt eine Impfreaktion oder eine Medikamentenunverträglichkeit, die ein vor einer Reise zu seinem Arzt gehender Patient erleidet“, erklärt Zieger.
In Sachen Vermögensschäden besteht im Gegensatz zu den bisherigen Ausführungen nur dann Versicherungsschutz, wenn der Verstoß in Österreich begangen wurde und sich auch hier wirtschaftlich auswirkt. Zieger: „Lediglich eine Versicherungsgesellschaft erweitert diesen Schutz auf wirtschaftliche Auswirkungen in Europa, was bei der Behandlung von europäischen Touristen durchaus von Bedeutung sein kann.“

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