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© LuisPortugal / Getty Images / iStock
Der größte Fehler eines Praxisbesitzers ist und bleibt: Führung aus dem Bauch heraus; per Zufall oder nach Beliebtheit zu entscheiden, wer, was, wie zu machen hat.
 
Praxis 23. Juni 2017

Auf Unbedarfte warten Fallen

Expertenbericht. Ein niedergelassener Arzt ist nicht nur für seine Patienten verantwortlich. Seinen Mitarbeitern ist er ebenso verpflichtet, etwa wenn es darum geht, diese zu fördern.

Viele vergessen: Der Inhaber einer Praxis ist mehr als nur Mediziner. Er ist auch eine Führungskraft. Als solche muss er dafür sorgen, dass sein Unternehmen rund läuft. Ein medizinischer Betrieb funktioniert nur mit guter Mannschaft, moderner Ausrüstung, zufriedenen Patienten und korrektem Abrechnungsverfahren. Ein stetiger Balanceakt der Aufmerksamkeit. Oft fehlt im Alltag die Zeit, auch noch die Mitarbeiter zu entwickeln.

So tappen viele Chefs in beliebte „Führungsfallen“: Delegieren Sie nichts! Entscheiden Sie alles selbst! Geben Sie vage Kommandos! Kritisieren Sie Mitarbeiter vor Patienten. Schicken Sie den chaotischsten Kollegen die Krankenakten sortieren. Weichen Sie Kontrollen auf und geben am Ende des Tages Ihrer Mannschaft mit auf den Weg, dass sie „besser“ werden muss.

Dass sich hinter diesem absurden Szenario ein Chef des Grauens verbirgt, wird schnell klar. Doch wenn es im Praxisstress mal hoch her geht, kommt einem die eine oder andere Szene doch bekannt vor. Fragen Sie angestellte Ärzte, medizinisches Fachpersonal oder Patienten nach dem idealen Chef, antworten die meisten mit einer langen Liste: kompetent, fair, freundlich, motivierend, engagiert, innovativ, korrekt, ehrlich, kreativ, selbstbewusst, organisiert, einfühlsam usw. Diese fantastische Aufzählung zeigt: Nicht nur in medizinischen Berufen gehen Menschen von einem 120-prozentigen Ideal aus. Doch diese Vorstellung ist unerreichbar.

Diesem Heldenbild entsprechen zu wollen, ist der erste Fehler, den ein Praxisinhaber machen kann. Das führt zur Erkenntnis: Es ist nicht wichtig, wie eine Führungskraft ist, sondern was sie tut. Neben dem Streben nach einem Ideal liegen in der Führung eines Teams weitere Fallen aus, in die Chefs nicht hineintappen sollten.

Aufgaben einer Führungskraft – die größten Fehler

- Behandele Menschen, wie sie gerne behandelt werden wollen! Irrtum! Ein kompetenter Praxisinhaber behandelt seine Mitarbeiter so, dass sie sich entwickeln und nicht, wie es sich für sie besser anfühlt. Denn die erste Aufgabe einer Führungskraft ist „Menschen fördern“.

- Führe deine Praxis von Tag zu Tag – ohne tiefere Absicht und Plan! Irrtum! Ein kluger Chef verinnerlicht zum einen den individuellen Zweck seines Betriebs und schafft zum anderen eine Profitkultur. Nur so wird die Praxis wirtschaftlich und die Mitarbeiter können gemeinsam stolz auf diese sein.

- Entscheide in jeder Situation neu und kreativ! Irrtum! Nur Systeme optimieren die Arbeitsabläufe und garantieren eine beständige Leistung. Wer Systeme schafft, muss weniger direkt führen und senkt sein Arbeitspensum.

- Mache alle Aufgaben selbst, da du es am besten kannst. Irrtum! Eine wirksame Führungskraft macht sich möglichst unabhängig. Sie delegiert so viel so weit nach unten wie möglich und beantwortet für sich die Frage: Wie mache ich mich selbst immer überflüssiger, während die Ergebnisse besser werden?

- Lasse den Dingen ihren Lauf und drücke mal zwei Augen zu! Irrtum! Nur wer ein transparentes Kontrollsystem entwickelt, ebnet den Weg für bestmögliche Ergebnisse. Kontrolle schafft Vertrauen und nimmt Ängste. Wer nicht kontrolliert, fördert die Schwächen seiner Mitarbeiter.

Diese Fettnäpfchen sind in der Führung mehr als nur Kavaliersdelikte. Um solche Irrwege ausschließen zu können, braucht gutes Praxismanagement ein Gerüst, an das sich alle halten können. Ein effektives System mit klaren Aufgaben, Prinzipien und Hilfsmitteln – nachvollziehbar für Führungskraft, Personal und Patienten. Je transparenter, desto wirkungsvoller entwickelt sich die ganze Mannschaft.

Das Führungssystem Leading Simple bietet solch ein Gerüst und vereint die Paradigmen der Führungsarbeit. Denn eins ist klar: Ein Praxisbesitzer muss kein Halbgott in Weiß sein, kein Übermensch, der alles kann und alles weiß. Gute Führung kann jeder lernen. Strukturiert der Praxisinhaber sein Unternehmen, arbeitet das System für ihn – entspannt und mit optimal genutzten Ressourcen. So verbessern sich die Ergebnisse, während sich der Chef immer überflüssiger macht.

Hilfsmittel: So setzen Sie Ihre Aufgaben am besten um

Zu einem strukturierten System gehören klare Hilfsmittel, mit denen die Führungskraft arbeiten kann. Die wirkungsvollsten Hebel sind hier Lob, Umleiten (das Verändern oder Präzisieren einer Aufgabe), Kritik, die ergebnisorientierte Aufgabenbeschreibung (eine genaue, schriftlich fixierte Definition der Verantwortungsbereiche in messbaren Ergebnissen) und ein Budgetplan. Auch hier heißt es „Vorsicht Stolpergefahr“. Besonders Lob und Kritik werden oft falsch eingesetzt.

Lob – nicht schimpfen reicht nicht! Viele Chefs unterschätzen, dass sie mit einem einzigen Lob ein Leben für immer verändern können. Lob ist das wichtigste Hilfsmittel, um Menschen zu fördern. Wichtig dabei: Loben Sie präzise und individuell, alles andere wirkt wie Schmeichelei. Was hat Ihnen gefallen? Wann, wo und wie ist es Ihnen aufgefallen? „Herr Meier, dieses und jenes heute Morgen haben Sie sehr gut gemacht. Weiter so!“ Die Krönung: Setzen Sie es in Bezug zu Ihnen selbst: „Das hätte ich so nicht gekonnt.“

Kritik – „Sie sind ein Stümper!“ Mit falscher Kritik kann ein Chef das Selbstvertrauen und den Selbstwert seines Mitarbeiters zerstören. Machen Sie sich bewusst: Kritik ist immer die letzte Wahl. Denn Kritik kann nur das Engagement eines Kollegen verbessern, niemals seine Fachkompetenz. Wichtig dabei: Kritisieren Sie zeitnah, unter vier Augen und immer nur einzelnes Verhalten. Stellen Sie niemals Ihren Mitarbeiter selbst infrage. Erlauben Sie keine Entschuldigung, diskutieren Sie nicht und beenden Sie die Kritik, wenn alles gesagt ist.

Fazit für die Praxis

Wer sich dieser Stolperfallen in der Führung bewusst ist, hat schon viel erreicht – für seine Mitarbeiter, seine Praxis, aber auch für sich selbst. Der größte Fehler eines Praxisbesitzers ist und bleibt: Führung aus dem Bauch heraus; per Zufall oder nach Beliebtheit zu entscheiden, wer was wie zu machen hat. Die beste Lösung aus dem Dilemma ist ein System, dass jeder kennt, versteht und akzeptiert. Alle anderen Führungsstile verschwimmen, sobald die Hektik im Praxisalltag steigt. Hier helfen nur klare Aufgaben, Prinzipien und Hilfsmittel. Mit diesem Gerüst vermeiden Chefs die klassischen Führungsfehler. Das verbessert die Ergebnisse, erhöht den Spaß an der Arbeit und motiviert das ganze Team. Fünf zusammenfassende Punkte können dabei helfen.

Achten Sie als Führungskraft auf Ihre Prinzipien:

- Die Mitarbeiter sind schuld, dass die Praxis nicht läuft!? Richtig ist: Die Führungskraft muss selbst Verantwortung für sich und ihren Betrieb übernehmen.

- Ich strenge mich doch an und will ja, dass es läuft!? Richtig ist: Es zählen nur messbare Ergebnisse, keine Absichtserklärungen.

- Ich will die Schwächen meiner Mitarbeiter aus der Welt schaffen!? Richtig ist: Eine kompetente Führungskraft baut die Stärken der Mitarbeiter auf und findet für jede Aufgabe den passenden Kollegen.

- Ich mische mich nicht in die Stimmung des Teams ein!? Richtig ist: Eine kompetente Führungskraft schafft ein angenehmes Betriebsklima und lebt Respekt sowie professionellen Umgang vor.

- Die Welt ist sowieso schlecht und Mitarbeiter unzuverlässig!? Richtig ist: Vertrauen ist die Voraussetzung in wirkungsvolle Führung. Nur wer seiner Mannschaft vertraut, bekommt selbstbewusste und aktiv handelnde Kollegen.

Von Atilla Vuran und Stefan Jockenhövel

, Ärzte Woche 26/2017

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