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© JamesBrey / Getty Images / iStock
 
Praxis 17. Juli 2017

Kontrolle sticht Vertrauen

Glyphosat. Wie man aus dem VW-Skandal lernen konnte, sollte man firmeneigene Studien kritisch hinterfragen. Krebsforscher Christopher Portier hat Aussagen der Lebensmittelindustrie zur Unbedenklichkeit von Glyphosat überprüft.

Krebsforscher Dr. Christopher Portier, Associate Director des National Institute of Environmental Health Sciences (NIEHS) und Ex-Direktor des US National Toxicology Program, hat sich in einem offenen Brief an Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gewandt, nachdem er in Krebsstudien der Hersteller zum umstrittene Herbizid Glyphosat acht noch unberücksichtigte Tumorbefunde in Fütterungsstudien mit Mäusen und Ratten gefunden hat. Damit wäre man bei 21 signifikanten Befunden – anstelle von anfangs vier.

Vor rund zwei Wochen wurde publik, dass die EU-Kommission eine Zulassungsverlängerung von Glyphosat für zehn Jahre plant. Die nun von Portier, dem Ex-Direktor des US National Toxicology Program, angeführten acht „übersehenen“ Befunde sind deshalb interessant, da sie einerseits im Zulassungsantrag der Glyphosate Task Force (Zusammenschluss von 25 Glyphosat-Herstellern, Anmerkung) nicht offen gelegt worden sind, aber in den ebenfalls eingereichten Originalstudien dokumentiert wurden. Der Wissenschafter konnte deswegen Einsicht in die Studien nehmen, da diese aufgrund eines Antrags der Grünen im Europaparlament teilweise offengelegt wurden.

Portier weist in dem der APA vorliegenden Brief darauf hin, dass die EU-Behörden bereits 2015 durch die IARC-Monographie darauf aufmerksam gemacht wurden, dass die Angaben der Industrie über ihre Krebsstudien nicht korrekt waren, woraufhin das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) seine Auswertung evaluieren musste. Das führte dazu, dass das BfR im August 2015 in seinem Anhang 13 signifikante Befunde anstelle von ursprünglich nur vier statistisch signifikanten Krebsbefunden anführte.

Der Grund weshalb das BfR ursprünglich nur vier Studien als signifikant erkannt hatte: Die Behörde hatte „auf die statistischen Auswertungen in den Herstellerstudien vertraut“, wie das Institut in seinem Anhang dann zugab. Dabei stufte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) eine krebserregende Gefahr des häufig eingesetzten und umstrittenen Pestizids als „unwahrscheinlich“ ein – wiederum aufgrund einer Analyse des BfR.

Die EFSA hatte im März 2017, nachdem der von Global 2000 publizierte Report „Die gekaufte Wissenschaft“ Zweifel an der wissenschaftlichen Unabhängigkeit des EU-Zulassungsverfahrens äußerte, gekontert, man würde „in erster Linie auf die Originalstudien und die darin enthaltenen Rohdaten, die sie selbst überprüfen, vertrauen“, zitierte Portier in seinem Schreiben. Die nun von ihm an Juncker übermittelten Erkenntnisse widersprechen dieser Aussage im Fall der angesprochenen Krebsstudien.

Portier fordert in seinem Schreiben unter anderem, dass die neuen Tumorbefunde Eingang in die Bewertung von Glyphosat finden und dass die EFSA im Sinne der wissenschaftlichen Transparenz alle Rohdaten öffentlich zugänglich machen sollte. „Der vorliegende Fall zeigt erneut, dass das System mit den Geheimstudien so nicht funktioniert“, sagte Helmut Burtscher, Umweltchemiker bei der Umweltschutzorganisation Global 2000. Nur die Behörden haben normalerweise Einsicht in die Rohdaten, hätten dies aber offensichtlich nicht genutzt, obwohl ihnen vor Augen geführt wurde, dass die Industrieangaben offensichtlich falsch waren. „Es ist offenbar geworden, dass die EFSA, wie zuvor das BfR, der Öffentlichkeit die Unwahrheit gesagt haben“, kritisierte Burtscher.

EU-Kommission hält trotz Kritik an Einschätzung fest

Die EU-Kommission hat am 30. Mai bestätigt, dass sie den offenen Brief erhalten hat. Eine Kommissionssprecherin machte klar, dass man die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) zur Antwort auffordern werde. Die EFSA hatte die krebserregende Gefahr des Pestizids als „unwahrscheinlich“ bezeichnet. Die Kommission hält vorläufig an dieser Einschätzung fest. „Derzeit gibt es in Anbetracht der tief gehenden Prüfung aller verfügbaren Informationen durch die zwei EU-Agenturen keinen Grund, die von der EU durchgeführten wissenschaftlichen Bewertungen und Schlussfolgerungen zu Glyphosat infrage zu stellen“, sagte die EU-Kommission. Die Einschätzung von EFSA und der ECHA, wonach Glyphosat nicht als krebserregend zu qualifizieren sei, sei außerdem im Einklang mit den Bewertungen anderer Behörden in Kanada, Australien, Neuseeland, Japan sowie des Expertengremiums von WHO und der UNO-Welternährungsorganisation FAO (JMPR), so die Kommission.

APAmed/ PK, Ärzte Woche 23/2017

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