zur Navigation zum Inhalt
© Ulrich Baumgarten / picture alliance
© JOHANNES@MARKOVSKY.AT

Podiumsdiskussion „Allgemeinmedizin – Bereit für die Generation Y“ in Linz (v. l. n. r.): Wolfgang Blank, Albert Maringer, Wolfgang Ziegler, Silke Eichner.

 
Praxis 8. Mai 2017

Das Feuer neu entfachen

Oberösterreich. Das Interesse an der Allgemeinmedizin ist nur zu Beginn des Studiums noch groß. Dann verliert sich der Reiz schnell. Mit verstärkter Präsenz im Curriculum und attraktiven Rahmenbedingungen soll nun gegengesteuert werden, hieß es am OBGAM-Kongress.

„Wenn wir nicht gegensteuern, droht Österreich ein Land ohne Hausärzte zu werden“, meint der Präsident der OÖ Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (OBGAM) Dr. Erwin Rebhandl gleich zu Beginn des Frühlingskongresses der OBGAM in Linz. Die Folgen des Ärztemangels: weniger, aber vollere Praxen, weniger Hausbesuche und weniger Zeit für ein Arztgespräch. Trotzdem soll weiterhin die Mehrheit aller Gesundheitsprobleme der Menschen von den Hausärzten gelöst werden, da es ansonsten zur Überlastung der Spezialisten und Kliniken kommt.

Da könnten neue Primärversorgungseinheiten Abhilfe schaffen, die mit besseren und attraktiveren Zeitmodellen werben. Der Arzt soll mehr Zeit für den Patienten haben, weil er weniger für die Administration aufwenden muss. Er kann sich auf seine erlernte Tätigkeit konzentrieren, er diagnostiziert und verordnet, während ihm bei der Durchführung medizinischer Maßnahmen von Diplomkrankenschwestern, Logopäden, Physiotherapeuten, Assistenten oder auch Sozialarbeitern unter die Arme gegriffen wird.

Dr. Silke Eichner ist Ärztin im GHZ Enns, und sie weiß die Vorteile eines solchen Zentrums zu schätzen. Schon vor ihrem ersten Studientag verbrachte sie zwei Wochen in einer allgemeinmedizinischen Praxis. Das Thema begleitete sie durchs ganze Studium bis hin zur Lehrpraxis. „Je früher die Studenten mit der Allgemeinmedizin in Kontakt kommen, desto eher entscheiden sie sich dafür“, sagt die Vize-Präsidentin der OBGAM, für die es immer der „Traumberuf“ war. „Natürlich müssen auch neue Modelle entwickelt und umgesetzt werden, aber dies sollte nur unter Mitwirkung der Ärzteschaft geschehen“, erklärte Dr. Wolfgang Ziegler, Kurienobmann-Stellvertreter der niedergelassenen Ärzte. Für ihn bleibt die Basisversorgung nicht nur die Patienten freundlichste, sondern auch die kostengünstigste Variante.

Noch ist der klassische Hausarzt als „Einzelkämpfer“ und „Alles-Könner“ die Stütze des Gesundheitssystems. Die Schwangere, die Mutter mit dem Kind, der Jugendliche in der Pubertät, chronische und akut Kranke, Menschen mit psychischen Probleme und solche, die am Ende ihres Lebens angekommen sind – sie alle kommen in seine Praxis. Der Hausarzt hat daher die meisten Patienten (etwa 20 Prozent mehr als Fachärzte) und die höchste Wochenarbeitszeit (Ärztemonitor 2012). Von 327 Personen, die überlegen, einen Arzt aufzusuchen, gehen 217 zum Allgemeinmediziner (Green L. A. et.al. The ecology of medical care revisited. NEJM 2001; 344: 2021–2025, bit.ly/2qAb7S4 ).

Unter den angehenden Ärzten ist die Tätigkeit als Hausarzt aktuell das meist angestrebte Berufsziel. Das Interesse lässt im Laufe des Studiums jedoch nach, dafür wächst die Angst, diesem herausfordernden Beruf nicht gewachsen zu sein. Die Vizerektorin der medizinischen Fakultät der JKU Linz, Primaria Prof. Dr. Petra Apfalter kritisiert in diesem Zusammenhang die neue, ihrer Ansicht nach wenig Allgemeinmediziner-freundliche, Ausbildungsverordnung, bei deren Ausarbeitung auch die Ärztekammer essenziell beteiligt gewesen sei.

Wie man das Feuer für diesen Beruf entfacht, demonstrierte eindrucksvoll der bayrische Arzt Dr. Wolfgang Blank in einem Impulsreferat anhand seines Exzellent-Projektes „Die Landarztmacher“. Unter dem Motto „Gute Ärzte braucht das Land“ bildet der Allgemeinmediziner in seiner Gruppenpraxis Studenten und Ärzte aus.

Aus langjähriger Erfahrung weiß Blank, was den Beruf des Hausarztes attraktiv macht: Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie ausgeglichene Work-Life-Balance, Abbau von Vorbehalten gegenüber der hausärztlichen Tätigkeit durch Generationen übergreifendes Arbeiten im Ärzteteam, sowie Entlastung von administrativen Aufgaben. „Und vor allem auch keine weiteren Regulierungen in der ärztlichen Ausbildung, sondern Verbesserung der Rahmenbedingungen für den Allgemeinarzt“, so der 52-Jährige, der sich seit 15 Jahren mit seinem Projekt der Ausbildung von jungen Kolleginnen und Kollegen, anfangs nur als Eigenengagement, mittlerweile mit finanzieller Unterstützung der vor Ort zuständigen Kasse AOK, widmet. Durch Vorträge an lokalen Gymnasien versucht er bereits Schüler für den Beruf des Landarztes zu begeistern.

Die Allgemeinmedizin im Hörsaal wird mit Blank zur „Medizin zum Anfassen“. In kleinen Gruppen durchläuft jeder Student verschiedene Stationen. So stehen im Wintersemester das strukturierte Arbeiten im Niedrigprävalenzbereich, akute Erkrankungen (Bauchschmerz, Thoraxschmerz, Fieber, Kreuzschmerz), chronische Erkrankungen (Atemnot, Schwindel, Bluthochdruck, Diabetes) im Fokus. Das Sommersemester beinhaltet Prävention (Primär-, Sekundär, Tertiär- und Quartäre Prävention), Betreuung chronisch Kranker (Depression, Schmerz, Sucht) und Betreuung des alten Menschen (Multimorbidität, Multimedikation, Begleitung Sterbender). Darüber hinaus werden Kurse in Sono, EKG und Nahttechnik angeboten. Die Jungmediziner lernen in der Praxis den Umgang mit dem kranken Kind, mit Kreuzschmerzpatienten, Depressiven und Herzkranken. Fallbesprechungen erfolgen mittels Peer-Teaching und Balint-Gruppenarbeit. Das Aufgabenfeld ist umfassend und vielfältig. „Den Zehn-Kämpfer bei den Leichtathleten bezeichnet man als König der Athleten, warum dann den Hausarzt nicht als König der Medizin?“, fragt Blank sich und das Publikum.

Viele Studierende haben Angst, für den Beruf des Allgemeinmediziners nicht genug zu wissen. Auch hier kennt Blank einen „Trick“: Man bringe ältere Mediziner mit viel Erfahrung aber weniger Expertenwissen, mit den jüngeren, die viel Informationen aufgesaugt haben, aber wenig Erfahrung haben, zusammen.

Damit ältere Ärzte ihre Erfahrung auch adäquat an junge weitergeben können, braucht es jedoch entsprechende Formate und Übergangsmodelle. „Das kostet viel Zeit und Energie, aber das lohnt sich, und macht am Ende große Freude“, ist Blank überzeugt.

Für Albert Maringer, Obmann der OÖ. Gebietskrankenkasse sollte viel mehr als bisher der Wert des Berufes des Landarztes herausgestrichen werden, denn es sei „ein unglaubliches Privileg, dort wo ich mein persönliches Umfeld habe, auch meinen Beruf ausüben zu können“. Dass zu einer funktionierenden Primärversorgung auch ein entsprechendes Werkzeug gehört, wurde in der Publikumsdiskussion deutlich.

Angesprochen wurde etwa eine adäquate Rückvergütung für Akutlabor, oder auch die Verankerung der Ultraschallmedizin in der Allgemeinpraxis. Konsens bestand auch in der Ansicht, dass man zur Behebung des Ärztemangels Modelle wie die „Landarztmacher“ nicht allein Privatinitiativen überlassen sollte.

Brust raus, Präsenz zeigen

Das Ideal ist eine wertschätzende Aus- und Weiterbildung, die Jungmediziner in ihrer individuellen Persönlichkeit, in ihrer individuellen Art Medizin zu machen, anspricht und fördert. Für deren Umsetzung ist die „ärztliche Haltung“ entscheidend: positive Selbstwirksamkeit, Übernahme von Verantwortung, Eins-zu-Eins-Betreuung (ein Arzt, ein Student), sowie durch positive Rollenmodelle die Freude an der Tätigkeit vermitteln. „Also Brust raus und Präsenz zeigen, denn wir haben den schönsten Beruf der Welt“, gibt Blank den Medizinern mit auf den Weg.

Quelle: Podiumsdiskussion zum Thema „Allgemeinmedizin – Bereit für die Generation Y“ im Rahmen des 23. Frühlingskongresses der OÖ Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin am 17. März 2017 in Linz, www.praxis-bayerwald.de/, www.obgam.at

Kongress

23. Frühlingskongress der OBGAM 18. März 2017, Linz

Reinhard Hofer

, Ärzte Woche 19/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben