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© Pongauer Nachrichten
Sebastian Huter werkt seit Feber in einer Lehrpraxis in Bad Gastein.
© Anibal Trejo / adobe.stock.com
 
Praxis 8. Mai 2017

Schnuppern macht neugierig

Salzburg-Land. Händeringend wird auch im Westen Österreichs nach Nachwuchs gesucht. Mit Gemeinschafts- und Lehrpraxen versucht man junge Mediziner für den Beruf des Hausarztes zu begeistern. Dr. Andreas Gräff und Dr. Sebastian Huter sind froh, sich für eine Karriere als Allgemeinmediziner entschlossen zu haben.

Dr. Sebastian Huter ist seit 1. Februar in der Lehrpraxis von Dr. Martin Mayerhofer in Bad Gastein tätig. „Während meines Turnus im Spital ist man aktiv auf mich zugekommen. Land, SGKK, Ärztekammer und die Salzburger Initiative für Allgemeinmedizin haben ein Sonderprogramm initiiert, um dem drohenden Ärztemangel entgegenzutreten. Meine Stelle wird derzeit von Land, SGKK und Ärztekammer mitfinanziert“, erklärt der 29-Jährige. Auch Dr. Andreas Gräff, der mit seinem Vater seit 2014 eine Teilgruppenpraxis im Salzburger Stadtteil Morzg führt, kann der Lehrpraxis viel abgewinnen: „Die Ausbildung als Allgemeinmediziner ist derzeit im Umbruch. Die Lehrpraxen sind ein erster Schritt dazu – besser wäre natürlich ein längerer Zeitraum. Derzeit schnuppert man sechs Monate in eine Hausarztpraxis hinein und hat einen Mentor an seiner Seite. Während des Studiums bekommt man nicht so viel Einblick darüber, was die Arbeit des Hausarztes eigentlich alles umfasst.“

Auch Huter ist überzeugt, dass die Lehrpraxis hilft, Ängste und Vorurteile abzubauen. „Dennoch sollte hier noch mehr geschehen. Eine zeitliche Erweiterung und die Möglichkeit, noch während der Basisausbildung in eine Lehrpraxis zu gehen wären wichtig. Die Ausbildungsreform 2015 hat noch nicht so viel gebracht wie an Veränderungen notwendig wäre.“

Jungmedizinern die Angst vor einem schönen Beruf nehmen

Es sind nicht nur fachliche Aspekte, welche die Arbeit in den Lehrpraxen so wertvoll machen: „Sie sind eine Möglichkeit Jungmedizinern die Angst vor diesem schönen Beruf zu nehmen, Sicherheit zu geben und den Schritt in die Selbständigkeit anzuleiten. Was abschreckt ist aber meist nicht die fachliche Seite, sondern es sind andere Komponenten, auf die man im Studium und Turnus nicht vorbereitet wird: Wie mache ich den Einkauf, wie organisiere ich am besten die Visiten, wie wirtschafte ich, wie führe ich mein Ordinationsteam?“, führt Gräff aus.

Huter hat sich bewusst für eine Stelle am Land entschieden. „Als Jungarzt wird man gerade in einer Tourismusgegend wie dem Gasteinertal mit dem sehr weiten Spektrum an Tätigkeiten als Hausarzt vertraut gemacht, mit denen man während des Turnus im Spital gar nicht in Berührung kommt. Es gilt hier neben der üblichen Funktion als Basisversorger Kuruntersuchungen zu machen und Sportunfälle zu behandeln. Dass man als Hausarzt nur ein ‚Weiterverweiser‘ an den Facharzt ist und 3-Minuten-Gespräche mit den Patienten führt, ist ein großes Vorurteil“, sagt Huter.

Auch für Gräff macht die große Vielseitigkeit im Berufsfeld Allgemeinmediziner den Reiz aus: „Man ist alles: Chirurg, Internist, Kinderarzt, Psychiater und vieles mehr. Das kann manchmal anstrengend sein, aber es ist auch sehr erfüllend. Ich erlebe eine sehr hohe Wertschätzung durch meine Patienten.“ Als Hausarzt kann man sich auch noch zusätzlich Interessensschwerpunkte setzen: „Ich mache eine Phytomedizin-Ausbildung, weil hier auch Nachfrage bei den Patienten herrscht und ich selbst großes Interesse daran habe“, so der 36-Jährige.

Nicht nur das Lehrpraxen-Modell, sondern auch mögliches Job-Sharing soll den Jungmedizinern den Beruf als Hausarzt möglichst schmackhaft machen. Sowohl Huter als auch Gräff können Gemeinschaftspraxen viel abgewinnen: „Ich denke, dass dies ein zentrales Thema unserer Generation ist: Wir wollen in Teams arbeiten. Man kann sich unter Fachkollegen austauschen, die Urlaubsvertretung ist geregelt, man kann sich Räumlichkeiten, Personal und Geräte teilen und die Arbeitszufriedenheit steigt, weil man in der Zeiteinteilung flexibler wird und auch halbtags arbeiten kann“, sagt Huter, der sich gut vorstellen kann, zukünftig mit anderen Ärzten in einer Praxis zusammen zu arbeiten.

Gruppenpraxis birgt gerade für junge Landärzte viele Vorteile

Dr. Andreas Gräff teilt sich bereits einen Kassenvertrag mit seinem Vater Dr. Peter Gräff und führt eine Teilgruppenpraxis. „Dies ist ein gutes Modell gerade um Übergaben von Arztpraxen durchzuführen. Man kann langsam in einen Betrieb hineinwachsen“, erläutert Gräff. Die gemeinsame Arbeit bringt aber nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern auch fachlichen Austausch: „Für den erfahrenen Arzt bringt ein Jungmediziner neue Impulse und Ideen. Als Anfänger lernt man vor allem Gelassenheit. Man kann gegenseitig voneinander profitieren. Auch die Patienten haben dadurch einen Vorteil: Sie nutzen manchmal die Möglichkeit zwei Ärzte als Ansprechpartner zu haben, um sich eine zweite Meinung einzuholen“, meint er.

Vor vier Jahren starteten Andreas und Peter Gräff neu durch. Gemeinsam haben sie Geld in die Hand genommen und Räumlichkeiten für ihre Teilgruppenpraxis gesucht. „Gerade in der Stadt Salzburg muss man sich zeitgerecht nach einer geeigneten Immobilie umschauen. Die Praxisräumlichkeiten verursachen hier massive Kosten, weil die Mieten sehr hoch sind. Informationen bekommt man auch über die Ärztekammer. Man sollte frühzeitig an die Verantwortlichen herantreten, um zu erfahren, welche älteren Kollegen Interesse an einer Übergabe ihrer Ordination haben“, empfiehlt Gräff. Auch bei einer Gemeinschaftspraxis spielt die zeitgerechte Planung eine erhebliche Rolle: „Aus meiner Sicht ist es wichtig, sich gemeinsam ein Konzept zu überlegen, wie etwa die Ordination aufgeteilt werden soll. Es ist wichtig, vorher alles klar auszuhandeln und zu formulieren und auch einen Steuerberater hinzuzuziehen“, rät Gräff.

Dass sie im gleich benachbarten Ausland als Arzt arbeiten, daran haben die zwei Mediziner nicht gedacht. „Ich denke, dass es in Salzburg möglich ist als Jungmediziner einen attraktiven Arbeitsplatz zu finden und auch die Ausbildung wird besser. Die mediale Kommunikation bezieht sich vor allem auf Wien – in Salzburg haben wir andere Strukturen. Ich habe während meiner Turnustätigkeit eine praxisorientierte Ausbildung genossen. Wir durften viel am Spitalbett arbeiten anstatt nur Organisatorisches zu erledigen. Die Lehrpraxis hat mich jetzt bestärkt, auch eine Stelle als Landarzt anzunehmen“, sagt Huter.

In vielen Landgemeinden ist man mittlerweile sehr bemüht, einem Jungarzt die Wege zu ebnen, wenn ein Nachfolger für den Hausarzt gesucht wird. Vor allem hinsichtlich Ordinationsräumlichkeiten, Infrastruktur und Investitionen ist man um gemeinsame Lösungen bemüht. Da die medizinische Nahversorgung zu wackeln droht, investieren auch immer mehr Salzburger Gemeinden Geld, um Landärzte anzusiedeln.

Die Lehrpraxis ist ein gutes Modell um Übergaben von Ordinationen durchzuführen. Man kann langsam in einen Betrieb hineinwachsen.

Dr. Andreas Gräff, 29

Brigitte Kirchgatterer

, Ärzte Woche 19/2017

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