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Medizinische Drohne: Ein „Defikopter“ wurde eine Notfall-App mit dem Handy alarmiert.
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Kryokonservierer sind gefragt.

 
Praxis 8. Mai 2017

Medizinberufe mit Zukunft

Revolution. Neue Berufssparten wie Telechirurgen, Organdesigner, Kryokonservierer oder Nanomediziner werden zunehmend an Einfluss gewinnen. Die Veränderung hat im Grunde bereits begonnen, befeuert durch die Digitalisierung, die tagtägliche Nutzung von Gesundheits-Apps und die demografische Entwicklung.

Es ist keine blöde Idee bei der Suche nach einem sicheren Arbeitsplatz auch den Gesundheitsbereich ins Auge zu fassen. Kranke wird es immer geben. Bereits heute sind mehr als 841 Millionen Menschen 60 Jahre oder älter und im Jahr 2050 werden es mehr als 2 Milliarden Menschen sein (United Nations, 2013).

Durch die demografische Veränderung werden Alterskrankheiten wie Demenz, Schlaganfall und Schwerhörigkeit sowie chronische Krankheiten und Multimorbiditäten wie Diabetes, Bluthochdruck und Krebs weiter zunehmen und eine immer größere Herausforderung und finanzielle Belastung für Gesundheitssysteme werden. Fortschritte bei der Prävention und Früherkennung, sowie neue Technologien auf Basis innovativer Ideen im Behandlungsprozess sollen helfen, die Effizienz bei gleichzeitiger Kostenreduktion zu verbessern.

Sogenannten „disruptive Technologien“ werden dabei altbekannte Tätigkeiten obsolet werden lassen und Platz für neue Betätigungsfelder schaffen. Neben der steigenden Vernetzung untereinander und der stärker werdenden Präsenz von mobilen Gesundheits-Apps akzeptieren die Konsumenten von Gesundheitsdienstleistungen immer öfter auch telemedizinische Anwendungen, die unter anderem der Diagnosestellung via Videokonferenz dienen. Wenn davon ausgegangen werden kann, dass in etwa alle 50 Jahre eine Revolution im Gesundheitssektor passiert, so deuten die disruptiven Veränderungen darauf hin, dass der Gesundheitsbereich nun endgültig in das digitale Zeitalter eingetreten ist. Wir sind zudem an einem Punkt angekommen, an dem wir in den nächsten 20 Jahren mehr verändern können als wir es in den vergangenen 300 Jahren getan haben (KPMG, 2015).

Die neuen Trends wie der Einsatz von analytischen Programmen, künstlicher Intelligenz, mobilen Technologien, Sensoren und die Genomsequenzierung inklusive des „Genome-Editings“ verlangen aber gleichzeitig nach einer neuen Generation an speziell ausgebildeten Arbeitskräften. Neue Jobs im Gesundheitswesen sind:

- Telechirurgen: Wer heute Medizin studiert, sollte sich die Frage stellen, ob sich eine Spezialisierung in diesem Bereich nicht lohnen würde. Der Einsatz von Robotern bei chirurgischen Eingriffen hat das Potential, die heute bekannten Operationsformen maßgeblich zu verändern. Schätzungen gehen davon aus, dass sich bis 2020 der Markt für Chirurgie-Roboter auf 6,4 Milliarden Dollar verdoppeln wird. Es ist somit ein Markt, der Spezialisten braucht, die einerseits diese Geräte verkaufen können und andererseits in der Lage sind, präzise mit diesen zu arbeiten. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass es an Universitäten bald Kurse geben wird, die sich mit dieser Thematik gesondert auseinandersetzen werden.

- Organdesigner: Dem Unternehmen Organovo ist es 2013 gelungen, mit einem 3 D-Biodrucker ein lebendes, 4 mm großes und 4 mm dickes Stück Leber zu drucken. 2014 wurden bereits 400 Leberzellen hergestellt. Das erklärte Ziel ist es, im Jahr 2020 lebensfähige Teile für eine Lebertransplantation zu Verfügung stellen zu können (Philips GmbH, 2015). Der Bedarf nach Organen ist riesig. In der EU kommen auf eine Million Einwohner durchschnittlich nur rund 19,5 Spender, wodurch sich für die Organ-Designer mit Kenntnissen im 3D-Druck, der Molekularbiologie und Medizin ein riesiger und vor allem zukunftsträchtiger Markt ergibt.

- Diagnostiker für Spezialfälle: Bestehend aus einem Team unterschiedlicher Professionen und unter Einbeziehung von Algorithmen basierend auf künstlicher Intelligenz (AI) werden besonders schwierige Fälle gelöst. Das erinnert auf den ersten Blick ein wenig an die Fernsehserie Dr. House. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass die Realität bald auf die Vorzüge der künstlichen Intelligenz zurückgreifen wird. Diese ist in der Lage, in Sekundenschnelle Milliarden von Informationen nach ähnlich gelagerten Fällen zu untersuchen, um so weitere hilfreiche Puzzleteile zur Lösung des Problems beizutragen. Am Ende laufen alle Fäden beim Diagnostiker zusammen, der aufgrund der klaren Diagnose und die richtige und für den individuellen Patienten passende Therapie einleiten kann. Der Diagnostiker von morgen ist somit in der Lage, die Stärken von Mensch und Maschine zu vereinen.

- Analyst von Gesundheitsdaten: Milliarden von Sensoren, Geräten und Personen werden in den nächsten zehn Jahren miteinander verbunden werden. Das „Internet der Dinge (IoT)“ wird nach vorsichtigen Schätzungen von elf Milliarden Verbindungen pro Tag auf 30 Milliarden im Jahr 2020 und auf 80 Milliarden Verbindungen im Jahr 2025 anwachsen (Hewlett Packard Enterprise, 2017). Eine Auswertung und Vereinheitlichung jener Daten, die einen relevanten Gesundheitsbezug haben, werden in Zukunft eine noch größere Herausforderung darstellen. In Zukunft werden Sensoren ubiquitär (Telefon, Kleidung, Wohnung, Auto, …) Daten aufzeichnen und ein klares Datenbild des einzelnen Patienten zeichnen, das dem Arzt wertvolle und umfassend Hinweise geben kann. Diese werden zusammen mit einem Datenanalysten (oder System mit sogenannter „Künstlicher Intelligenz“, die von vielen Datenanalysten gepflegt werden müssen) interpretiert und maßgeblich die Empfehlungen beeinflussen.

- Nanobiowissenschaftler und Nanomediziner: Der Einsatz der Nanobiowissenschaften und Nanomedizin zählen heute bereits zu einer der wichtigsten Innovationen des 21. Jahrhunderts. Techniker im Bereich der Nanomedizin werden neben vielen anderen Möglichkeiten bald in der Lage sein, für Patienten mit Chemotherapie einen personalisierten Therapieplan zu erstellen. Wirkstoffe werden dabei in speziellen Nanokäfigen (Nanocages) platziert und mittels Injektion in den Körper eingebracht. In Zukunft wird es Spezialisten brauchen, die einen solchen Therapieplan erstellen und planen können, damit die Wirkstoffmoleküle unter Verwendung der Nanotechnologie die Krebszellen angreifen können. Die Donau Universität Krems bietet im Bereich der Nanobiomedizin einen postgradualen Master an, der derartige Grundlagen vermittelt.

- Spezialist für Kryokonservierung: Der Wunsch nach dem Tod wieder zurück zu kommen ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Heute sind wir soweit, dass der Körper kryogen haltbar gemacht werden kann. Dieselbe Technik wird bereits verwendet, um die Überlebenden nach einem Unfall zu behandeln. Es braucht dafür aber in Zukunft mehr Spezialisten, die mit diesen Verfahren arbeiten können (s.S. 24 unten).

- Therapeut mit Hilfe der virtuellen Realität: Die Therapie nach einem überstandenen Schlaganfall kann oft mehrere Monate dauern. In dieser Zeit müssen oft grundlegende Funktionen wie das Bewegen der Hände oder Füße neu erlernt werden. Ansätze tendieren dazu, dass für die Betroffenen verstärkt spielerische Elemente im Therapieplan (sogenannte „Gamification“, Anm.) verankert werden. Ein Gamification-Spezialist hat dann nach Rücksprache mit dem Therapeuten die Aufgabe, ein Strategie-Spiel so zu adaptieren, dass beispielsweise Situationen im Spiel nur dann gemeistert werden können, wenn der Bewegungsapparat durch den Patienten selbst richtig eingesetzt wird. Ein weiteres wichtiges Themengebiet besteht in der Überwindung von Phobien durch Methoden der VR. Im Zuge von Therapien haben Patienten mithilfe von VR-Brillen die Möglichkeit, geistig die sterile Umgebung des Krankenhauses zu verlassen, um in eine einzigartige virtuelle Naturlandschaften einzutauchen oder inmitten von Delphinen im Ozean zu schwimmen. Das wiederum setzt voraus, dass es ausreichend Spezialisten mit Kenntnissen in der Psychologie und Erstellung von VR gibt.

- Experte für medizinische Drohnen: Große Handelsunternehmen demonstrieren bereits heute, welches Potential im Einsatz von Drohnen steckt. Bald sollen diese Flugobjekte für medizinische Zwecke eingesetzt werden. Wenn in entlegenen Orten rasch ein Gegengift, eine Blutkonserve oder medizinische Ausrüstung benötigt wird, so braucht es Experten mit medizinischen Grundkenntnissen, die in der Lage sind, die entsprechenden Routen zu programmieren.

Dr. Michael Hägele ist Spezialist für medizinisches Wissensmanagement und Digitalisierung. „Es entsteht ein enormes Betätigungsfeld für die Medizinische Informatik, Gesundheitsinformatik und Bioinformatik, aber auch für Statistiker, Ökonomen, Mathematiker und Kodierungsspezialisten, sowie Sicherheits- und Verschlüsselungsspezialisten.“

„Auch Wearables, Fitness-IT und mobile Medizingeräte oder Ergänzungen zu Smartphones werden als Internet of Things (Iot) immer enger zusammenwachsen oder zumindest ihre Daten (Big Data- und Cloud-Anwendungen) für personalisierte Auswertungen und Anwendungen gegenseitig zur Verfügung stellen. Dazu sind verlässliche Datenanalysen, Datenplausibilitätskontrollen usw. notwendig und entsprechende Datamanager/-analysten, die mit Hilfe komplexer Systeme der künstlichen Intelligenz (KI) diese Daten filtern, zusammenstellen und diese Datenflut anwenderorientiert und kontextabhängig und auf das Wesentliche fokussiert auswerten.

Auch werden große Datenbanken entstehen zu Studien, Literatur und Genominterpretationen, die gemanagt, gepflegt (das heißt: qualitätsgesichert) und gefüttert werden müssen“, ist Dr. Hägele überzeugt. Wer heute bereit sei, sich in der bereits stattfindenden Revolution mit den neuen Herausforderungen zu beschäftigen, werde am Ende am meisten profitieren.

Geschichte

Zukunft anno 1895 - Röntgen. Eigentlich wollte der kauzige Professor in seinem Labor an der Universität Würzburg nur kurz schöne Lichterscheinungen eines Physik-Experimentes mit Kathodenröhren bewundern. Doch zufällig stellte Wilhelm Conrad Röntgen (1845-1923) dabei fest, dass in einiger Entfernung zu seinem Versuchsaufbau ein weiteres Glas strahlt. Kathodenstrahlung reicht jedoch eigentlich nicht so weit. Röntgen hält schwarzes Papier dazwischen, das Glas strahlt weiter. Ein Brettchen - die Strahlung bleibt sichtbar. Röntgen fand er heraus, dass die bislang unbekannte Strahlung durch fast alles dringt. Er nannte sie X-Strahlen.

Alexander Riegler

, Ärzte Woche 19/2017

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