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Darf nun der Landarzt ein Stück vom Apfel (Geld des Patienten) abbeißen oder doch eher die Apotheker. Ein Streit mit Tradition.
 
Praxis 18. April 2017

Ein saftiger Bonus

Selbstversorger. Ärztliche Hausapotheken sind zwar rechtlich problematisch, aber für Ärzte am Land ist der eigene Arzneischrank finanziell von enormer Bedeutung. Ohne sie müssten viele Ärzte in kleinen Dörfern aufgeben.

Andreas Gradwohl ist Allgemeinmediziner in Ludweis-Aigen, einer Gemeinde im oberen Waldviertel; er hat in seiner Praxis eine ärztliche Hausapotheke. „Ohne dieser wäre ich in meiner exponierten Lage gar nicht existenzfähig“, sagt Gradwohl. Der Grund: Die Patienten würden andernfalls gleich in nahe gelegene Städte zum Arzt gehen statt zu ihm zu kommen, denn dann müssten sie ja ohnehin zur nächsten Apotheke fahren. Den Umweg in seine Praxis würden sie sich dann wohl ersparen. „Speziell die Randgebiete würden für mich als Einzugsgebiet dadurch wegfallen“, meint Gradwohl. Gradwohl ist ein Arzt wie es viele gibt am Land, seine Hausapotheke ist nicht nur ein nettes zusätzliches Service, sondern überlebenswichtig.

Den Apothekern ein Dorn im Auge

Der Arzt stellt die Diagnose, der Patient holt sich die entsprechenden Medikamente – allerdings nicht in einer Apotheke, sondern gleich direkt beim Arzt. Das Grundprinzip der ärztlichen Hausapotheke ist rasch erklärt: In Regionen, in denen die nächste öffentliche Apotheke zu weit weg ist, sollen Ärzte die Versorgung gleich selbst übernehmen.

Eine Idee, die vom Prinzip her einleuchtend ist, in der Praxis aber aus unterschiedlichen Gründen ein ewiger Zankapfel war und weiterhin ist. Die Apotheken wollen die Hürden für diese Konkurrenz möglichst hoch halten, im Gegenzug fordern die Landärzte ihrerseits eine Senkung der Vorgaben.

Das Hauptargument, hüben wie drüben, ist die Sicherung der medizinischen Versorgung. Die jüngste Neuerung erfolgte vor rund einem Jahr: Damals einigte sich die Regierungskoalition auf eine Regelung und brachte einen entsprechenden Initiativantrag im Parlament ein. Der wesentliche Punkt: „Es wurde die sogenannte ,Nachfolgregelung´ erneut eingeführt, dass Nachfolger eines Hausapotheken-führenden Arztes nur noch vier Straßenkilometer von der nächsten Apotheke entfernt sein müssen statt wie davor sechs Kilometer“, erläutert Mag. Christoph Voglmair, Rechtsexperte der Ärztekammer Oberösterreich.

Diese Regelung hatte es freilich schon einmal gegeben, sie war aber zurückgenommen worden. Die Wiedereinführung soll es den neuen Ärzten nun ermöglichen, weiterhin in der Praxis ihres Vorgängers Medikamente ausgeben zu dürfen. In Oberösterreich betreffe das rund 20 Standorte, schätzt Voglmair. In ganz Österreich dürften etwa 130 Ärzte davon profitieren, heißt es in Prognosen. Der Streit um die Hausapotheken hat sich durch diese Änderungen allerdings keineswegs beruhigt, im Gegenteil: „Es kam ja zu keiner Einigung, sondern es wurde ein Initiativantrag im Parlament eingebracht“, sagt. Martin Hochstöger, Mitglied des Präsidiums der Apothekerkammer. Dieser habe keine Vorteile für die Versorgung der Bevölkerung gebracht. Das Konzept der Apothekerkammer sei an der „starren Haltung der Ärztekammer“ gescheitert.

Landärzte bevorzugt?

Schon mehr angetan ist Dr. Gert Wiegele, Obmann der Bundessektion für Allgemeinmedizin in der Ärztekammer: Durch die gesetzliche Neuregelung könne in etlichen Fällen die Schließung von Hausapotheken vermieden werden, sollte eine öffentliche Apotheke eröffnet werden. Werden Landärzte nun bevorzugt, wie die Apotheken wiederholt monieren? „Von Bevorzugung kann überhaupt keine Rede sein, denn dann wären nicht von ehemals circa 1.100 Hausapotheken nur noch knapp 800 übrig“, sagt Wiegele.

Während die Apotheken auf ihre kundenfreundlichen Öffnungszeiten und Bereitschaftsdienste hinweisen, führt die Ärztekammer ausgerechnet die Ausnahmen von der Betriebsverpflichtung – also etwa an Wochenenden – als Beispiel, dass Hausapotheken für die Versorgung unerlässlich wären.

Weshalb überhaupt das Gerangel, welche Rolle spielen die Hausapotheken tatsächlich? Kernargument ist wie gesagt die Versorgung in dünn besiedelten Gebieten, aber Wiegele weist auch auf den Gesamteffekt hin: „In dünner besiedelten Regionen mit dadurch bedingt geringeren Fallzahlen sichert der Umsatz aus der der Hausapotheke die Existenz der Ordination und damit die medizinisch-ärztliche Versorgung in diesem Gebiet.“

Eckpfeiler des Einkommens

In einer niederösterreichischen Gemeinde, in der es im Vorjahr heftiges Gerangel um eine ärztliche Hausapotheke gegeben hatte, wurde vom Bürgermeister argumentiert, für einen Landarzt mache der Erlös aus dieser Ecke rund 40 Prozent seines Einkommens aus.

Das Geld spielt aber nicht nur für den einzelnen Arzt, sondern insgesamt eine Rolle. Jede Seite hat in den vergangenen Jahren unterschiedliche Studien über die Auswirkungen auf die Kosten für die öffentliche Gesundheit vorgebracht: Von Überversorgung und Nebeneinkommen sprechen die einen, von einer Ausdünnung der Leistungen und Spareffekten, dank Hausapotheken, die anderen.

Die Apothekerkammer weist jedenfalls auf die Notwendigkeit eines Vier-Augen-Prinzips hin: „Die Trennung zwischen jener Stelle, die Arzneimittel verordnet, und jener, die diese abgibt, ist absolut sinnvoll“, erläutert Hochstöger. In Zeiten von Transparenz und im Sinne der Behandlungssicherheit sollten sowohl Apotheker als auch Ärzte als wichtige Partner bei der Versorgung der Bevölkerung verstanden werden. „Die Apotheke ist ein wesentlicher Pfeiler in der lokalen Nahversorgung und wertet jede Gemeinde auf“, meint er.

Worauf müssen Ärzte überhaupt rechtlich beim Thema Hausapotheke aufpassen? Neben der Entfernung zur nächsten öffentlichen Apotheke sind es laut Voglmair zwei Punkte, die maßgeblich sind: „Nur Allgemeinmediziner dürfen eine Hausapotheke führen, das gilt aber für Personen, nicht für Gruppenpraxen – in diesem Fall müsste jeder Arzt eine eigene Genehmigung haben.“

Großer Kassenvertrag notwendig

Zweiter wichtiger Punkt: In der jeweiligen Gemeinde darf es keine öffentliche Apotheke geben, eine Ausnahme kann es allerdings dann geben, wenn zum Beispiel in langen Tälern diese Apotheke weit entfernt von der Arztpraxis liegt und die Anfahrt daher mühsam. Ebenfalls zu bedenken: Der Arzt muss einen großen Kassenvertrag haben, Wahlärzte dürfen seit 2006 keine Hausapotheken führen.

Beispiel gefällig? Medikamente dürfen nur an eigene Patienten abgegeben werden, jene des Augenarztes daneben dürfen also nicht mit dem Rezept zum Allgemeinmediziner kommen. Außerdem ist eine räumliche Trennung aus Sicherheitsgründen vorgesehen und die Medikamente dürfte nur der Arzt selbst ausgeben.

Als „Service-Einrichtung“ nach dem viel zitierten Prinzip des One-Stop-Shops wird die Hausapotheke von den Ärzten weiterhin verteidigt, doch ebenso werden die Apotheken weiter darauf drängen, dass sie selbst verstärkt zum Zug kommen. Angesichts der zunehmenden Ausdünnung in vielen ländlichen Regionen und der demografischen Entwicklung wird das Thema politisch wie wirtschaftlich weiterhin für große Diskussionen sorgen.

Rund 800 Hausapotheken gibt es derzeit hierzulande, um die Jahrtausendwende waren es noch 150 mehr. Zum Vergleich: Rund 1.340 öffentliche Apotheken stehen den Patienten zur Verfügung, vor zehn Jahren waren es rund 150 weniger gewesen. Vor allem in kleineren Orten sind in den vergangenen Jahren, laut Apothekerkammer, neue Standorte eröffnet worden. Mit rund 320 Apotheken ist Wien erwartungsgemäß die Nummer eins unter den Bundesländern, was die Anzahl der Apotheken betrifft.

Robert Prazak

, Ärzte Woche 16/2017

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