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Schock: Gähnt der doch glatt vor allen Patienten, ohne sich die Hand vorzuhalten. Was nun? Kopfschütteln, ignorieren?
 
Praxis 13. März 2017

Kulturschock in der Klinik

Diversitäts-Workshops. Ein Patient, der während der Behandlung laut rülpst, eine Patientin, die über ihre Chemotherapie nicht selbst entscheiden kann – das sind kulturelle Probleme im klinischen Alltag, die zu Fehleinschätzungen führen und verunsichern können. Praktische Workshops für Ärzte schaffen da Abhilfe.

Wie würden Sie als Arzt reagieren, wenn Sie das Zimmer eines Patienten betreten und der gesamte Boden ist mit Salz bedeckt? Könnte solch ein unbekanntes Ritual Ihre professionelle Herangehensweise an die Versorgung des Patienten gefährden? Oder wie würden Sie vorgehen, wenn ein Patient seine Urinprobe direkt im Wartezimmer vor den anderen Wartenden in Ihrer Hausarztpraxis abgibt? Und wie reagieren Sie, wenn eine Patientin aus einer patriarchal organisierten Familie kein Mitspracherecht bei der Weiterführung ihrer Chemotherapie hat? Diese und ähnliche Fälle sind kritische Ereignisse oder Erlebnisse von „Kulturschocks“, die im klinischen Alltag sowie im niedergelassenen Bereich häufig vorkommen, aber kaum bearbeitet werden.

Im Projekt Healthy Diversity ( http://healthydiversity.eu/de/ ) haben sich Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern zusammengetan, um solche kritischen Ereignisse zu sammeln und in praktischen Workshops aufzuarbeiten. Aufbauend auf der interkulturellen Methode der französischen Sozialpsychologin Margalit Cohen-Emerique werden konkrete Situationen, in denen ein kritisches Erlebnis oder ein Kulturschock geschehen ist, erzählt, analysiert und aufgearbeitet.

Im Healthy Diversity Projekt haben wir bereits mehr als 70 Erlebnisse von Personen verschiedener kultureller Hintergründe und Nationalitäten sowie aus verschiedenen Berufsfeldern gesammelt – konkret kommen die Beispiele aus der Sozialarbeit, der Medizin, der Pflege, dem Rettungswesen, aus der Mediation, dem Dolmetschen und der Administration.

Wie erkennt man ein kritisches Ereignis?

Wir arbeiten im Healthy Diversity Projekt und in unseren Workshops ausschließlich mit echten, realen Erfahrungen von Menschen, d. h. nicht mit erfundenen Fällen oder Theorien darüber, was die Ursache für einen Konflikt oder Kulturschock sein könnte. Es geht um Situationen, die tatsächlich passiert sind und in denen wir den Verdacht haben, dass kulturelle Unterschiede eine Rolle für den Konflikt gespielt haben.

Gefühle im klinischen Alltag deuten oft auf ein Kritisches Erlebnis hin. Gefühle (ob positive oder negative) sind Indikatoren dafür, dass gerade etwas Wichtiges geschehen ist, z. B. dass ein Wert in Gefahr ist, den wir verteidigen wollen, oder vielleicht, weil unsere Erwartungen nicht erfüllt wurden. Auf jeden Fall gehen kritische Erlebnisse immer mit irgendeiner Art von starken Emotionen einher – so erkennen wir, dass wir gerade einen „Kultur-Schock“ erlitten haben. Manchmal ist es ein Gefühl des Verlorenseins, es kann aber auch starke Wut oder Ekel oder Faszination sein.

In manchen Situationen, in denen wir einen Kulturschock erleiden, beobachten wir Verhaltensweisen, die aus der Norm fallen und uns irritieren – z. B. ein Patient, der seine Freitagstermine nie wahrnimmt, sie aber auch nicht absagt; ein lautes Rülpsen am Ende einer Mahlzeit; eine Kollegin, die es in Ordnung findet, mit Patienten zu schlafen etc. –), und dann bewerten wir fast automatisch: wie unhöflich, wie unanständig er oder sie war.

In anderen Situationen machen wir als Ärzte kulturelle Fehler oder Fehleinschätzungen, z. B. über die Art und Weise, wie (intensiv) eine afrikanische Mutter ihr Kind massiert, je nach Persönlichkeit und Erfahrung mit Fremdheit und Konfliktsituationen, und wir fühlen uns dann vielleicht schuldig oder schämen uns („das hätte ich wissen sollen“). Diese Unsicherheiten im Verhalten bzw. im Bewerten von Situationen verleiten dazu, diese mit einer negativen Einschätzung zu verlassen – entweder über uns selbst oder über die andere Person.

Unterschiedliche Vorstellungen von Körper und Körperlichkeit

Der Körper stellt als Objekt den Fokus medizinischer Untersuchungen dar, ist aber gleichzeitig auch ein Produkt unserer Kultur, der leicht zu Unterschieden und Herausforderungen im Umgang führen kann. Unsere Kultur hinterlässt „Abdrücke oder Spuren“ auf dem Körper: unterschiedliche Kleidungsstile oder Arten, den Körper zu schmücken, wie Piercings, Tattoos oder andere Rituale, in denen der Körper im Zentrum steht. Kultur kann entweder etwas hinzufügen (Tattoos, Schmuck, Wunden, Narben, Make-up …) oder etwas vom Körper entfernen (Beschneidung, Epilieren, Genitalverstümmelung, …) oder sie formt den Körper (Hals, Ohren, Lippen, Füße, Schädel …).

Im klinischen Alltag herrscht Diversität vor, wie Körper behandelt, ertastet oder berührt werden dürfen. Die Grenzen dessen, was man zeigen darf oder womit man sich wohlfühlt, variieren, wie im Beispiel des Patienten, der im Warteraum seiner Hausärztin seinen Penis gezeigt hat.

Sanitäre Vorschriften sind im klinischen Alltag weit verbreitet und vielleicht selbstverständlich, jedoch unterscheidet sich das Verständnis davon, was wir als „schmutzig“ empfinden oft stark von Kultur zu Kultur.

Weiters gibt es zumindest zwei Sichtweisen auf Hygiene:

- die medizinische, vorschriftenorientierte Sicht auf Hygiene (z. B. im Beispiel zu Beginn angedeutet, ist Salz am Boden im Zimmer des Patienten nicht zulässig) und im Vergleich dazu

- die spirituell-religiöse Sichtweise (z. B. dass Salz ein Hilfsmittel zur Reinigung der Seele darstellt und damit zulässig ist).

Ziel des Workshops ist der richtige Umgang mit kritischen Situationen

In unseren Workshops geht es um das Erleben von Diversität und nicht um ein rein theoretisches Verstehen von Diversität. Ziel der Workshops ist die Erarbeitung und Analyse von realen „Kritischen Ereignissen“ – konkreten Ereignissen von Fremdheit und Differenz im klinischen Alltag.

Die Teilnehmenden lernen mit partizipativen Methoden den interkulturellen Ansatz der französischen Sozialpsychologin Margalit Cohen-Emerique kennen und bearbeiten reale Fälle, in denen ein „Kulturschock“ erlebt wurde ( http://bit.ly/2m9UWZJ ).

Das Postgraduate Center bietet Workshops im Diversitätsbereich an. Der nächste richtet sich an Personen im Gesundheitsbereich und ist kostenlos, da er aus Projektmitteln finanziert wird.Termin: 6. April 2017, 14 bis 19 Uhr; Ort: Campus Lounge der Universität Wien, Spitalgasse 2, Hof 1, Eingang 1.13.3, 1090 Wien; für sechs bis zwölf Personen; Anmeldung bis: 31. März.2017

Katharina Resch/MUW, Ärzte Woche 11/2017

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