zur Navigation zum Inhalt
© rdonar / Getty Images / iStock
Heimische Ärzte wagen den Schritt in die Ferne.
© Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf
 
Praxis 28. Februar 2017

„Hier verdienen Assistenzärzte das, was ich daheim als Oberarzt verdient habe“

Neustart. Deutschland bietet, im Vergleich zu Österreich, bessere Gehälter, kürzere Arbeitszeiten, eine gut strukturierte Ausbildung, eine flachere Hierarchie und, als Folge dessen, größere Kollegialität.

In Österreich gibt es nun wieder Wartezeiten auf Ausbildungsplätze für Ärzte. Die neue Ausbildungsordnung bedarf einer größeren Umstrukturierung in den Spitalsbetrieben, die noch nicht alle Betreiber bewältigt haben. In so manchem österreichischen Spital werden Turnusärzte immer noch vorwiegend als Hilfs- und Schreibkräfte verwendet.

Das nach langer Zeit die Arbeitszeit für Ärzte strenger und EU-konform geregelt wurde, trägt im Moment nicht zur Besserung der Situation bei. Im Gegenteil, die älteren Ärzte haben nun noch weniger Zeit, sich um die Ausbildung der jungen Kollegen zu kümmern, wie etwa Dr. Gernot Rainer von Asklepios erst kürzlich in einem Interview mit der Ärzte Woche erläuterte.

Aber auch ansonsten sind die Arbeitsbedingungen für Ärzte in Österreich oft nicht zufriedenstellend. Strenge Hierarchien, viel – nicht immer als positiv empfundener – Einfluss von Seiten der Spitalsbetreiber auf die alltägliche Arbeit und nicht zuletzt vergleichsweise schlechte Bezahlung sorgen für Unzufriedenheit.

Kein Wunder, dass der Strom heimischer Absolventen ins benachbarte Ausland ungebrochen ist. Fast keiner der deutschen „Numerus clausus-Flüchtlinge“ bleibt, aber auch Österreicher streben in die Ferne.

Dazu kommt, dass in Deutschland der Ärztemangel schon länger besteht als hierzulande. Und immer noch steigt der Bedarf schneller als die Zahl der Ärzte. Die Kliniken suchen also – und bieten bessere Bedingungen. Das Gehalt, vor allem das Grundgehalt, ist im Durchschnitt höher.

Ein Österreicher in Hamburg

PD Dr. Stefan Steurer hat viele Gründe, seine Auswanderung nicht zu bereuen. Er war Oberarzt am LKH Amstetten, bevor er sich am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf bewarb. Einer der Hauptgründe waren die starren Strukturen sowie langsame Bürokratie, die ihm zu wenig Zeit für seine Familie ließen. Aber auch die finanzielle Seite sieht nun besser aus. Steurer: „Meine Assistenten verdienen hier, was ich in Österreich als Oberarzt verdient habe. Im Vergleich verdienen die Fachärzte in Deutschland das Doppelte bis Dreifache.“

Ob er an Rückkehr denkt? „Meine Wurzeln liegen ja in Österreich“, erläutert Steurer, „aber beruflich müsste sich sehr viel tun, dass sich das für mich rentiert.“ Die Vielfachversicherung als Angestellter, Freiberufler und Kammermitglied spielt da ebenso eine Rolle wie die „Neidgesellschaft“. „Die gibt es vielleicht anderswo in Deutschland auch, aber hier in Hamburg habe ich sie noch nicht erlebt“, sagt Steurer. „Zudem hat ein Chefarzt in Österreich viel weniger Gestaltungsmöglichkeiten als hier.“

Auch er bestätigt, dass das Arbeitsklima um vieles besser ist, nicht zuletzt, weil auf das „Titelgehabe“ verzichtet wird. „Die Hierarchie ist eine ganz andere. Wir arbeiten hier zusammen“, so Steurer. „Wir sind inzwischen drei Österreicher hier im Institut und demnächst kommt ein Vierter. Diese Leute fehlen dann in Österreich.“

Bürokratische Hürden

Allerdings ist der Wechsel von einem EU-Land ins andere nicht ganz ohne Hürden. Abgesehen von sprachlichen und kulturellen Unterschieden – diese sind selbst zwischen Österreich und Deutschland vorhanden, wenn auch geringer als anderswo – sind beispielsweise ein polizeiliches Führungszeugnis, ein Gesundheitszeugnis, eine Freizügigkeitsbescheinigung und eine Approbation nötig.

Erst im konkreten Einzelfall stellt sich heraus, welche Zeugnisse jeweils im anderen Land anerkannt werden, da etwa die Zahl und Art der durchgeführten Operationen und Eingriffe berücksichtigt wird. So warnt etwa die österreichische Ärztekammer in ihrer Broschüre Arbeiten in Deutschland: „Die Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin nach österreichischer Ausbildungsordnung in der Mindestdauer von 36 Monaten in Deutschland abzuleisten, ist hingegen aus praktischen Gründen schwer möglich.

Ein Wechsel der Weiterbildungsstelle alle zwei bis vier Monate, wie es nach der österreichischen Ausbildungsordnung für die Allgemeinmedizin, z. B. hinsichtlich der Fächer HNO, Dermatologie, Kinderheilkunde etc. notwendig wäre, ist realistischerweise kaum durchführbar.“

Literatur

1. http://bit.ly/2jVo7RH,

2. http://bit.ly/2lI0FZR

3.http://bit.ly/2m4ebaJ

4. http://bit.ly/2m8dWYY

5. http://bit.ly/2aCWhn8

Worauf ist zu achten?

- Auch in Deutschland sind die meisten Jobangebote in kleinen Spitälern in der Peripherie zu finden. Solche Stellen finden sich auch in Österreich. Daher ist es klug, sich das Spital beim Vorstellungsgespräch genauer anzusehen.

- Die Spanne der möglichen Gehälter ist in Deutschland noch größer als in Österreich, da neben den öffentlichen Krankenhäuser auch viele private Anbieter bestehen, bei denen das Gehalt individuell verhandelt wird.

- Vor Antritt einer Stelle in Deutschland bedarf es einer Approbation durch die zuständige Stelle in Deutschland. In einigen Bundesländern gibt es lediglich eine Approbationsbehörde, andere Bundesländer haben mehrere Approbationsbehörden in den verschiedenen Regionen. Hier können die Landesärztekammern helfen. Mitgliedschaft bei diesen ist auch in Deutschland Pflicht.

Eine Liste der Landesärztekammern findet sich auf der Website der Bundesärztekammer unter: http://bit.ly/2lCf0H0

Weitere Informationen zum Arbeiten in Deutschland (und anderen Ländern) bieten der Marburger Bund:

http://bit.ly/2mhN08m

Die Österreichische Ärztekammer informiert unter dem Menüpunkt „Internationales“:

http://bit.ly/2l3pg7Q

Hier befinden sich Informationen, was bei der Anrechnung, der in Deutschland absolvierten Ausbildung, im Falle einer Rückkehr nach Österreich zu beachten ist. So sind z. B. die Ausbildungsordnungen in Deutschland Ländersache und daher nicht einheitlich. Für die Approbationen fallen in beiden Richtungen Gebühren an.

 

Silvia Desanti

, Ärzte Woche 9/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben