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Praxis 20. Dezember 2016

Ansprechpartner fürs Dorf

An Ärzten herrscht in Österreich grundsätzlich kein Mangel, aber den ländlichen Gebieten gehen die Allgemeinmediziner aus.

„Des tua i man net an, des i Tog und Nocht Bereitschaft hab‘, und daun net amoi g’scheit vadien‘“, antwortet ein Medizinstudent auf die Frage, ob er, der Sohn eines Hausarztes in einem kleinen Ort im Waldviertel einmal die Praxis seines Vaters übernehmen will. Er will Facharzt werden und im Spital bleiben. Da hätte er die Sicherheit eines Angestellten und keine Nachbarn, die um 2 Uhr nachts an die Haustür klopfen.

Tatsächlich bereitet die Entwicklung einigen Sorgen. Von einem echten Ärztemangel im niedergelassenen Bereich könne man in Oberösterreich derzeit nicht sprechen, steht in der oberösterreichischen „Landeskorrespondenz“ (Nr. 141 vom 25. Juli 2016) zu lesen. Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer: „Wobei die Betonung auf derzeit liegt, weil rund 60 Prozent der Ärzte im niedergelassenen Bereich in den nächsten zehn bis zwölf Jahren in Pension gehen werden.“ Das Problem ist auch weniger der niedergelassene Bereich insgesamt, sondern eben die Versorgung mehr oder weniger entlegener Gebiete. Und nicht nur Oberösterreich hat dieses Problem. Außer Wien klagen in allen Bundesländern die Experten.

Der Zeitschrift für Gesundheitspolitik des Linzer Instituts für Gesundheitsforschung (LIG) war die Thematik 2014 ein eigenes Heft wert (Ausgabe 1/2014). Demnach wollen erstens junge Mediziner nicht in ländlichen Gegenden wohnen. Es mangelt an Unterhaltungsmöglichkeiten, Jobs für den Partner und höheren Schulen für die Kinder. Zweitens geht der Trend innerhalb der Ärzteschaft zum Facharzt. Und drittens fehlen Angebote, um Beruf und Familie zu vereinen. Freilich lohnt sich beim LIG ein Blick ins Impressum: Vorstände sind Dr. Peter Niedermoser, Präsident der OÖ Ärztekammer, und Hon.-Prof. Dr. Felix Wallner, Kammerpräsident der OÖ Ärztekammer. Doch die Ärztekammer steht nicht alleine da.

Geringes Prestige

Warum Medizinstudenten eine Facharztausbildung bevorzugen, versuchte der Hauptverband der Sozialversicherungsträger herauszufinden (Sensor Marktforschung, Einstellung zum derzeitigen Primärversorgungs-System. Gruppendiskussionen mit Medizinstudenten, Wien, 2014, bit.ly/2hbaoTn ). Die Diskussionen ergaben als Hauptgründe für die Wahl des Berufs des Allgemeinmediziners die kontinuierliche Arzt-Patienten-Beziehung, das breite Spektrum an Krankheiten, die Vorstellung einer eigenen Praxis mit dem damit verbundenen Freiheitsgefühl und die Autonomie bei den Behandlungsmethoden. Die größte emotionale Barriere ist das geringe Prestige des Allgemeinmediziners im Vergleich zu Fachärzten, deren Tätigkeiten auch als „anspruchsvoller“ wahrgenommen werden. Auch die wissenschaftliche Arbeit und der Besuch von Kongressen wird Fachärzten eher zugeschrieben als Landärzten.

Dazu komme der „Sprung ins kalte Wasser“ bei Gründung einer Ordination und den damit verbundenen Investitionen und unternehmerischen Risken, auf die im Studium und Turnus nicht vorbereitet wird. Das Thema der work-life-balance wurde in diesen Runden kontrovers diskutiert. Bei negativer Betrachtung wird ein Verlust der Freiheit durch die Erfordernis der ständigen Erreichbarkeit befürchtet – besonders am Land. Ein Thema waren die Honorare, die ein „Durchschleusen“ der Patienten bedingen, wenn die Praxis überleben soll.

Das fehlende Angebot für die Angehörigen sieht Dr. Susanne Rabady von der Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) als einen der wichtigsten Gründe für den Mangel an Ärzten in ländlichen Gebieten. „Das Praxismodell, in dem die Ehefrau des Arztes die Praxisorganisation übernimmt, ist nicht mehr für alle attraktiv, sie wollen in ihrem eigenen Beruf arbeiten“, sagte sie der Wiener Zeitung. Zudem nimmt die Zahl an Ärztinnen zu, deren Partner selten als Ordinationshilfe zur Verfügung stehen. Sie ist Landärztin. „Wir sind der Ansprechpartner für die ganze Familie“, so Rabady. „Wir begleiten sie über lange Zeit, können Zusammenhänge verstehen und für Kontinuität sorgen.“ Einige Landärzte lassen sich in der Gegend nieder, in der sie aufgewachsen sind. „Ich habe während des Studiums das Landleben vermisst“, sagt eine Ärztin, die ihre Ordination in einer Kleinstadt betreibt. Doktorshopping, sei selten – nicht zuletzt mangels Fachärzten. Der Nachteil: Die Abgrenzung von Beruf und Privatleben ist schwierig. Die Lösung all dieser Probleme wird in einer Aufwertung des Stellenwerts der Allgemeinmedizin gesehen. Allein, auch die jüngste Reform der Ausbildung brachte nicht den erwünschten Facharzt für Allgemeinmedizin. Der Honorarkatalog ist weiterhin veraltet.

Livia Rohrmoser

, Ärzte Woche 50/52/2016

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