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Praxis 22. November 2016

Ausgerechnet Banker

Buchtipp. Bankerin und Mentalcoach Silvia Breier meint, dass der viel gescholtene Berufsstand des Finanzjoungleurs aus dem turbulenten vergangenen Jahrzehnt seine Lehren gezogen habe: die Krise ist für manche eine große Chance.

Banker, wer erinnert sich noch an den feinen Ausdruck Bankier von ehedem, stehen spätestens seit der Finanzkrise stark in der Kritik. Doch wir können uns auch viel von ihnen abschauen: Denn ihre Arbeit bestand schon immer aus dem richtigen Umgang mit Krisen. Sie haben gelernt, wie man Krisen „überlebt“, in ihnen Chancen sieht, davon profitiert und sie als Möglichkeit definiert für Neues, für Weiterentwicklung, für persönliches Wachstum, vielleicht sogar Glück.

Silvia Breier ist selbst leidenschaftliche Bankerin und weiß aus eigener Erfahrung aus der Finanz- und Eurokrise: Die Gewissheit, eine Krise gemeistert zu haben, gibt Stärke, Selbstvertrauen und Zuversicht, sie lässt Alltagsprobleme kleiner und unbedeutend erscheinen – und die Lebensqualität steigen! Diese Erkenntnisse zum professionellen Umgang mit Krisen sowie hilfreiches Faktenwissen aus der wissenschaftlichen Psychologie und der Finanzwelt gibt die Autorin auf verständliche, unterhaltsame Weise an ihre Leserinnen und Leser weiter. Dabei lässt sie exemplarisch Banker zu Wort kommen, die ihre persönlichen Erfahrungen in Krisen schildern. Der resultierende Ratgeber leistet „Erste Hilfe“ und gibt Tipps für die Bewältigung persönlicher Lebenskrisen jeder Art. Er ist entsprechend den typischen Phasen einer Krise aufgebaut und liefert für jede Phase geeignetes Handwerkszeug zur Selbsthilfe – oder Hilfe bei Krisenbetroffenen im persönlichen Umfeld.

Die Lehmann-Pleite legte die gesamte Bandbreite möglicher Reaktionen offen: Breier: „Meine Forschungsarbeit zeigte, dass viele Banker von der Lehman-Pleite überrascht und geschockt waren. Manche beschrieben, dass sie sich wie gelähmt fühlten vor Schreck und im ersten Moment völliges Unverständnis empfanden für die Dinge, die gerade passierten. Einige verspürten sogar Angst bis hin zu Panik, bei anderen war es nicht so schlimm und sie waren nur verunsichert ob der Situation. Wieder andere verfolgten die Entwicklungen mit Interesse, aber ohne negative Empfindungen. Die meisten Interviewpartner sagten mir, dass sie zu diesem Zeitpunkt die Hoffnung hatten, die Situation werde sich bald beruhigen.“

Doch nichts sollte sich beruhigen. Im Gegenteil. Und hier trennt sich die Spreu vom Banker-Weizen.

Noch einmal die Krisen-Managerin: Einer der ersten Gedanken bei vielen Bankern war, was dies nun für die eigene Bank bedeutet. Dies ist eine sehr gesunde Reaktion, weil dadurch das Blickfeld erweitert wird. Um festzustellen, was die Lehman-Pleite für die eigene Bank bedeutet, muss man zuerst einmal prüfen, welche Geschäfte man mit Lehman hat.

Ob die Bank beispielsweise Geld an Lehman verborgt hat, das sie nun unter Umständen nicht mehr zurückbekommt. Hier ist also ein Handeln nötig und das ist der erste Schritt aus der Opferrolle. Wer handelt, hat Gestaltungsmöglichkeiten und ist der Situation nicht.“

Speed kills? In Zeiten des totalen Vertrauensverlusts ist das ein probates Mittel, meint Breier. „Einige Banker erzählten mir, dass sie sich in dieser Zeit extrem lebendig und kongruent gefühlt haben, weil sie ihre fachliche und auch soziale Kompetenz unter Beweis stellen konnten. Sie wuchsen mit der Herausforderung und obwohl die Arbeitsbelastung und der Druck in den Tagen und Wochen nach der Lehman-Pleite enorm waren, beschreiben sie dies als tolle Zeit. Die Banker, die dies so erlebten, gaben an, schon vor der Krise ein großes Selbstwertgefühl und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gehabt zu haben. Für sie war die Krise keine Krise, sondern vielmehr eine Chance, zu beweisen, was in ihnen steckt und wozu sie im Notfall fähig waren.“ Doch da sind auch die anderen, für die diese Zeit ein Horror-Trip war. Wie kann man helfen? Breier rät zu emotionaler Abgrenzung („Sie müssen nicht die Welt retten“) ohne gefühlskalt zu sein. Seien Sie empathisch für das, was der andere jetzt braucht, aber denken Sie an den Spruch „Mitfühlen, aber nicht mitleiden“.

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