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Praxis 14. November 2016

Krankenakte neu im Härtetest

Digitalisierung. Erste Erfahrungen mit der ELGA in Spitälern und Pflegeheimen zeigen, dass die Umstellung dort keineswegs reibungslos verlaufen ist, der große Systemabsturz aber ausblieb. Herausfordernd ist die ELGA in Pflegeheimen ohne Ärzte.

Die Hausärzte sind über die Einführung der elektronischen Gesundheitsakteu nicht erfreut, teils auch weil in kleinen Ordinationen nicht die Ressourcen vorhanden sind, um sich intensiv mit der Materie zu beschäftigen. Und diese Beschäftigung ist notwendig, so viel wurde bei der Fachtagung IHE-Day, veranstaltet vom Verein zur Integration von IT- und Medizintechnik, klar. „Ich hatte Glück, uns wurde für die ELGA-Einführung eine zusätzliche Mitarbeiterin bewilligt.“ Das sagt DI Stefan Windisch, Leiter IT der Geriatrischen Gesundheitszentren der Stadt Graz (GGZ). Die KAGES-Einrichtung, die eine Klinik, ein Hospiz, Tageszentren und Pflegeheime umfasst, wurde 2015 angebunden.

Sonderfälle gab es schon auch

Dieser Posten hat einen Namen: Sabine Muhri. Sie ist in Graz für E-Health zuständig, gemeinsam mit Windisch organisierte sie ELGA-Schulungen, stellte ein Handbuch zur Verfügung und richtete eine eigene Website zum Thema ein. Doch darauf waren sie nicht vorbereitet: das sogenannte „situative Opt-Out“ im Pflegewohnheimen. Erklärung: In der Pflegeinformation werden aus Vorbefunden heikle medizinische Daten wie eine HIV-Infektion oder eine psychiatrische Erkrankung erfasst, sodass die Nachbehandler informiert sind. Laut ELGA-Gesetz müssen Patienten aufgeklärt werden, wenn eine heikle Krankheit im ELGA-Brief steht. Doch wer soll das tun? In den Pflegeheims sind nur Hausärzte tätig, die aber keine Dokumente für das Pflegeheim in ELGA einstellen. Die Lösung: Ärzte und Krankenschwestern gehen gemeinsam auf Visite und besprechen im Fall des Falles die Möglichkeit des Austritts mit dem Patienten. Auch bei den pflegerischen Entlassungsbriefen, in denen ärztliche Diagnosen normalerweise nicht vorgesehen sind, habe man eine Lösung gefunden, sagt Muhri, insofern als nun fallweise ärztliche Diagnosen als Zitat den Pflegediagnosen vorangestellt werden, „kurz gesagt“.

ELGA erbrachte „eine neue interdisziplinäre Herausforderung“. Wenn Pflegewohnheimbewohner tagesklinisch betreut werden, wird die Akte technisch von einer Station auf die andere verlegt. Dabei muss ein sogenannter „Entlasskontakt“ und ein „Aufnahmekontakt“ in ELGA gemacht werden, und bei der Rückverlegung am Abend erneut, damit die Dokumente in ELGA verfügbar bleiben, „und an ein situatives Opt-out wollen wir da gar nicht denken.“

Auch Dr. Andreas Sailler, Unfallchirurg in Meidling, hatte mit den Feinheiten des Opt out aus der ELGA zu kämpfen. „Es ist prinzipiell nicht die Aufgabe des Patienten zu sagen, ich will das nicht. Er hat aber das Recht, über die Möglichkeit informiert zu werden.“ Die spätere Eingabe der Daten von Unfallopfern bedeute einen Mehraufwand, Probleme bereiteten anfangs auch Patienten ohne Sozialversicherungsnummer.

Viele Kollegen hätten Bedenken, ein Dokument zu übersehen, dass sich im Nachhinein als wichtig herausstellen könnte. „Rechtlich fühlen sich viele nicht wirklich wohl.“ Dazu komme, dass die Daten nicht immer am letzten Stand der Dinge seien. „Es gibt Leute, die oft stürzen. Gerade bei diesen ist es wichtig, dass man schnell an die aktuellen Daten kommt, die werden aber nicht so schnell eingestellt.“ Immerhin: In den AUVA-Spitäler hätten mehr als 90 Prozent der Patienten ihren Entlassungsbrief bei der Entlassung in der Tasche – „und dann ist er auch schon in der ELGA“. PC-technisch habe es kein Problem gegeben, keine Abstürze und keine Verlangsamung des Betriebs: „Wir haben den Schalter umgelegt. Und was ist passiert? Nichts .“ Die Sorge, dass die ELGA leer bleibt, muss man sich nicht machen, „die befüllt sich hurtig“.

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 46/2016

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