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© Fesal Homad
Ein Grund zum Feiern in der Österreichisch-Arabischen Ärzte- und Apotheker-gesellschaft mit Dr. Tammam Kelani (3.v.r.) und Fritz Edlinger (ganz links): Die ersten Nostrifikationen.
 
Praxis 5. Juli 2016

Große Erwartungen

Nach der Flucht aus ihrer Heimat, haben die ersten Ärzte ihre Nostrifikation und Berufsberechtigung erhalten und beginnen in heimischen Spitälern zu arbeiten.

Der Weg zur Berufsanerkennung in Österreich ist für Mediziner, Apotheker und Zahnärzte aus Nicht-EU-Staaten beschwerlich. Sprachkompetenz und umfassendes fachliches Wissen sind gefordert. Die mit den aktuellen Flüchtlingsbewegungen ins Land gekommenen syrischen und irakischen Ärzte und Apotheker sind eifrig am Lernen. Knapp zehn von ihnen haben bereits die Nostrifikation ihres Medizin- bzw. Pharmaziestudiums erreicht und beginnen mit Begeisterung und Zuversicht zu arbeiten.

Bis zur Nostrifikation des Studiums kann es Monate bis Jahre dauern. Die erste große Herausforderung ist dabei der „Stichprobentest“, in dem die Kenntnisse über die klinischen Fächer – von Augenheilkunde über Dermatologie bis Orthopädie und Psychiatrie – in Form von jeweils 30 Fragen erkundet werden. Zusätzliche Grundvoraussetzung: Ziemlich gute Deutschkenntnisse. Der jüngste derartige Test fand Anfang Juni statt. Die Ergebnisse werden im Laufe des Sommers bekannt gegeben. In jenen Fachgebieten, in welchen weniger als 50 Prozent der Fragen richtig beantwortet wurden, müssen die Kandidaten eine mündliche Prüfung absolvieren – zusätzlich zu den auf jeden Fall vorgeschriebenen vier mündlichen Prüfungen aus Sozialmedizin, Hygiene, Rechtsmedizin und Pharmakologie. Besonders vor letzterer hat sich aufgrund der bisherigen Erfahrungen damit unter den neuen syrischen Ärzten in Österreich bereits ein gehöriger Respekt etabliert.

Die eine oder andere mündliche Zusatzprüfung aus dem Stichprobentest haben bisher alle Anwärter durchlaufen. Mancher schaffte dann elf Prüfungen in sieben Monaten, oder sechs Prüfungen in sechs Monaten, für zwölf Prüfungen dauerte es vielleicht etwas länger. Hartnäckigkeit und Durchhaltekraft haben sich schließlich bei den etwa zehn, meist jüngeren Medizinern bewährt. Und weitere stehen knapp vor der Erledigung aller erforderlichen Prüfungen. Das freudige Ereignis nahm die Österreichisch-Arabische Ärzte- und Apothekervereinigung kürzlich zum Anlass für eine Gratulationsfeier und eine Aktualisierung des Informationsstands. Einige der nun auch in Österreich berufsberechtigten Mediziner haben bereits ihre reguläre Arbeitsstelle in Wien und in anderen Bundesländern angetreten. Die Erwartungen der Ärzte sind hoch.

Ein starkes Unterstützungsnetz

Unterstützung gibt sich die Gruppe untereinander durch gemeinsames Lernen und Informationsaustausch, erhält sie aber auch durch die österreichisch-arabischen Gesellschaften, das AMS nimmt sich der hoch motivierten Ärzte und Apotheker unter den Flüchtlingen ebenfalls an.

Etwa 50 der Ärzte sind derzeit beim AMS gemeldet, wo man immer wieder spezielle Informationsveranstaltungen organisiert. So gibt es mittlerweile eine eigene „Checkliste für asylberechtigte Personen mit einem abgeschlossenen Medizinstudium“, welche die Institutionen und jeweiligen Schritte aufzeigt, und das Beratungszentrum für Migranten „Check In Plus“ arbeitet mit dem AMS zusammen und kümmert sich speziell um Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte mit abgeschlossenem Allgemein- und Zahnmedizinstudium.

„Check In Plus“ fördert die Nostrifikationen, kümmert sich darum, dass Ärzte möglichst schnell und aneinander anschließend Deutschkurse erhalten, dass für die Vorbereitung der Prüfungen ausreichend Zeit zur Verfügung steht und übernimmt auch die Gebühren für die Nostrifizierung und für die Medizinisch-Deutsch-Prüfung bei der Arztakademie in Höhe von 868 Euro. Dieser Betrag beinhaltet die gesamte administrative Überprüfung und Betreuung sowie die Kosten für die Prüfungskommission.

30 Teilnehmer können zu den monatlichen Prüfungsterminen antreten, die bis in den Herbst ausgebucht sind. Bei größerem Bedarf bietet die Akademie auch Zusatztermine an, sagt Dr. Peter Niedermoser, deren Präsident. Die Erfolgsquote beträgt etwa 80 Prozent. Sollte eine Wiederholungsprüfung notwendig sein, reduziert sich die Prüfungsgebühr um 50 Prozent.

Im Rahmen der Österreichisch-Arabischen Ärzte- und Apothekervereinigung wurde – auf Initiative und unter kräftiger Mitarbeit von Vereinspräsident Dr. Tammam Kelani und in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Österreichische-Arabische Beziehungen (GÖAB) – die „Österreichisch-Arabische Medizinerhilfe“ gegründet, die Kontakte und organisatorische Hilfen anbietet. Sieben asylberechtigte Mediziner aus den aktuellen Krisengebieten – noch ohne Berufsberechtigung – konnten bereits als Gastärzte in Spitälern untergebracht werden.

Die GÖAB hält auch spezielle Kurse für medizinisches Deutsch ab – und bereitet im Sommer Kinder mit Deutschkursen auf den Schulbesuch im Herbst vor. Geplant ist ein sozial-medizinisches Zentrum, berichtet GÖAB-Generalsekretär Fritz Edlinger, wo auch die Kompetenz der Ärzte unter den Flüchtlingen gefragt sein wird.

Gerüchte und Fehlinformationen

Immer noch kursieren Gerüchte und Fehlinformationen: Dass beispielsweise Zahnmediziner im Stichprobentest zusätzlich über die gesamte Humanmedizin abgefragt werden. Was insofern stimmt, als auch die Innere Medizin auf dem Programm steht, allerdings in einer „Lightversion“ und nur insofern, als dies Relevanz für die Zahnbehandlung haben kann. Dass private Medizinuniversitäten in Österreich Nostrifikationen durchführen dürfen. Was mittlerweile vom Gesundheitsministerium klargestellt wurde: Nur öffentliche Medizinuniversitäten sind dazu berechtigt. Und manche Anfangsgehaltsvorstellungen mit reichlichen Nachtdiensten werden möglicherweise mit dem neuen Ärztearbeitszeitgesetz auch nicht ganz erfüllt werden. Dennoch: Ein wichtiger Schritt ist getan und die neuen Ärzte werden dringend gebraucht.

Für Apotheker unter den Flüchtlingen plant das AMS im kommenden Herbst eine eigene Informationsveranstaltung mit Vertretern der beteiligten Institutionen.

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