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Praxis 3. Mai 2016

An der Hand genommen

Was in der Wirtschaft schon seit längerer Zeit gang und gäbe ist, erfasst nun auch die medizinischen Universitäten: Das Mentoring.

International ist es in der Privatwirtschaft üblich, dass ein scheidender CEO seinem Nachfolger in der Übergangszeit mit Rat und Tat zur Seite steht. Nun haben die heimischen MedUnis dieses Mentoring für sich entdeckt. Die Innsbrucker waren die ersten mit einem Förder-Programm für junge Medizinerinnen.

In den vergangenen Jahren hat das Mentoring, also die Betreuung junger Ärzte durch ältere und erfahrenere Berufskollegen, auch in Österreich Fuß gefasst. Wobei der Begriff teilweise sehr unterschiedlich aufgefasst wird.

Mentoring bietet – so die Theorie – allen Beteiligten etwas. Mentees, also die Jungen, erhalten einen erfahrenen Begleiter zur Seite, der ihnen informell Tipps und Tricks verrät, zu Kontakten verhilft, Fragen beantwortet und bei der Karriereplanung hilft. Mentoren erhalten neue Impulse und neue Ideen von den Jungen und die Institutionen bauen ihren eigenen Nachwuchs auf.

Vorreiter Innsbruck

Eines der ersten österreichischen Mentoringprogramme im Bereich der Medizin ist das Helene-Wastl-Mentoringprogramm1 an der MedUni Innsbruck. Schon seit etwa zehn Jahren werden hier junge Frauen von habilitierten Medizinerinnen in ihrer Karriere unterstützt. Gründerin dieses Programms war Prof. Dr. Margarethe Hochleithner, Professorin für Gender Medizin, Leiterin der Koordinationsstelle für Gleichstellung, Frauenförderung und Geschlechterforschung und Vorsitzende des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen an der Medizinischen Universität Innsbruck.

„Sie hat das Projekt beim Wissenschaftsministerium eingeworben und so die Finanzierung für die ersten Jahre gesichert“, erläutert Mag. Claudia Beyer, die das Mentoringprogramm in Innsbruck leitet. „Mit diesem Geld konnte unter anderem mein Posten geschaffen werden und ich konnte mit dem Ausbau des Programms beginnen.“ Das Programm hat vor allem drei Ziele:

• mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen;

• den Frauen mehr Selbstbewusstsein zu geben;

• die Vernetzung unter Frauen in der Wissenschaft zu stärken.

Neben Medizinerinnen können auch Naturwissenschafterinnen am Helene-Wastl-Mentoringprogramm teilnehmen können. „Wir haben am Anfang alle Professorinnen und habilitierten Frauen an der Medizinischen Universität Innsbruck angeschrieben, ob sie uns als Mentorinnen zur Verfügung stehen wollen,“ sagt Beyer, „und es haben sich sehr viele gemeldet.“

Neben der beruflichen Qualifikation muss eine Mentorin bereit sein, ihr Wissen und ihre Erfahrung an jüngere Kolleginnen weiterzugeben. „Das klingt so einfach, ist aber eine wichtige Voraussetzung“, betont Beyer. Potenzielle Mentees füllen einen Bewerbungsbogen aus, wobei sie auch Wünsche bezüglich ihrer Mentorin äußern können, und stellen sich einem ausführlichen Interview. Aufgrund dieser Daten erarbeitet Beyer Vorschläge für die Mentor-Mentee-Paarungen. In den meisten Fällen können sich die Paare bei einem ersten Treffen eine weitere, dauerhafte Zusammenarbeit vorstellen.

Die Jungmedizinerinnen nehmen an vier Seminaren teil, bei denen sie nicht nur verschiedene Managementtechniken lernen, sondern auch Gelegenheit haben, Feedback zum Mentoringprogramm zu geben. „Mir ist sehr wichtig, dass die Mentees an diesen Seminaren teilnehmen“, sagt Beyer, „denn das fördert den Vernetzungscharakter.

Zudem bin ich möglichst selbst vor Ort. Diese persönliche Präsenz ist in den Evaluierungen immer positiv bewertet worden. Dadurch ist die Hemmschwelle gering zu erzählen, wenn es irgendwelche Schwierigkeiten gibt.“

Auch das Gesamtprogramm, das jeweils über ein Jahr läuft, wird Mentorinnen und Mentees mittels Fragebogen beurteilt. „Es sind natürlich keine hardfacts und es gibt keine Noten“, sagt Beyer, „und viele Ergebnisse zeigen sich erst später.“ Ein Alumni-Club hilft dabei, Kontakt zuhalten. „Da höre ich dann auch oft: ‚Jetzt habe ich es erst richtig verstanden, was wir damals im Seminar besprochen haben‘“, erläutert Beyer, um stolz hinzuzufügen: „Jedenfalls haben in all den Jahren alle Mentorinnen und alle Mentees die Frage bejaht, ob sie das Programm weiterempfehlen würden.“

Auch etwas für Männer

Ein zweites Mentoringprogramm in Innsbruck, das laut Beyer aufgrund des großen Erfolges des ersten Programms entstand, ist in das Clinical-PhD-Programm inkludiert. Dieses steht Medizinern beider Geschlechter offen – sowohl als Mentoren als auch als Mentees und ist ein fachspezifisches Kleingruppen-Mentoring mit maximal drei bis vier Mentees pro Gruppe und regelmäßigen Treffen. Themen im Mentoring sind Laufbahnplanung, Auslandsaufenthalte, die Organisation von Drittmitteln, Arbeitsorganisation (im Labor) und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, „aber es gibt natürlich viele, sehr individuelle Themen“, so Beyer.

Neben zwei postgradualen Mentoringprogrammen („scient-med-net“ für Wissenschafter und „Frauen Netzwerk Medizin“) bietet die MedUni Wien seit 2009 auch ein Mentoringprogramm für ihre Studenten an, das etwas anders organisiert ist; das „Senior“-Programm steht Studenten ab dem zweiten Studienjahr offen. Sie suchen sich einen aus einer Liste von etwas über 100 Mentoren aus und bewerben sich. „Alle Senior-Mentoren sind Mediziner oder Wissenschafter der MedUni Wien bzw. aus Lehrkrankenhäusern“, sagt Programmleiterin Mag. Dr. Angelika Hofhansl. „Sie werden auf ihre Tätigkeit in zwei vierstündigen Trainings-Einheiten vorbereitet und je nach Bedarf supervidiert.“

Ein Mentor trifft sich einmal monatlich mit seinen etwa fünf Mentees, wobei zusätzlich auch Einzeltreffen vereinbart werden können. Da sich etwa 450 Studenten jedes Jahr anmelden, ist die Zahl der Mentoren rein rechnerisch ausreichend, aber naturgemäß ist die Beliebtheit der Mentoren sehr unterschiedlich. „Die meisten Studenten wünschen sich Mentoren aus den klinischen Fächern“, so Hofhansl. „In der Praxis werden etwa 90 der Mentoren gebucht.“

Die Themen sind in Wien durch Studenten als Mentees etwas andere als beim postgradualen Mentoringsystem der MedUni Innsbruck. Im Vordergrund stehen Famulaturen, Diplomarbeiten, Auslandsaufenthalte, der Berufseinstieg und die weitere Karriereplanung inklusive der Frage, wie wissenschaftliches Arbeiten genau funktioniert.

Sowohl in Wien als auch in Innsbruck läuft das Mentoring über mindestens ein (Studien-)Jahr, wobei Mentees, die ein weiteres Jahr bei „ihrem“ Mentor bleiben wollen, ein Voranmelderecht gegenüber „Neueinsteigern“ haben.

Eine Besonderheit in Wien ist die eigene Mentorin für schwangere Studierende bzw. Studierende mit Kind. Hofhansl: „Das waren eigentlich drei, aber zwei davon sind derzeit in Karenz.“ Wie gut die Beziehungen sind, zeigt sich darin, dass eine der Karenzierten sich informell weiterhin mit ihren Mentees trifft. Die insgesamt sehr positiven Ergebnisse der Evaluierung der ersten Jahre des Wiener Mentoringprogramms publizierte Hofhansl in der Wiener Medizinischen Wochenschrift ( Hofhansl A et al., Wien Med Wochenschr (2014), 164:213-219 ).

Geplant ist weiters ein „Junior“-Mentoringprogramm, in dem Studienanfänger von älteren Studenten betreut werden.

Das etwas andere Mentoring

„Wir legen Wert auf eine enge Einbindung in die jeweiligen Abteilungen. Die Jungmediziner lernen von Beginn an direkt am Ort des Geschehens“, betont Dr. Friedrich Prischl, Ausbildungskoordinator am Klinikum Wels-Grieskirchen in einer Presseaussendung zur neuen Basisausbildung „med basic“. Realisieren ließe sich dieser Zugang durch ein Klinikum-weites Mentoring-System. „Die Mentoren sehen ihre Aufgabe darin, den jungen Medizinern möglichst viel Wissen und Erfahrung zu vermitteln, sodass diese früh in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln“, sagt Prischl.

Das hat aber mit dem klassischen Mentoring wenig zu tun. Die Famulanten, KPJler und Jungmediziner haben zwar einen fixen Ansprechpartner, das liegt jedoch an der internen Organisation, nach der eine bestimmte Gruppe von Pflegern und Ärzten für eine bestimmte Gruppe von Patienten zuständig ist.

„Die Idee, einen Jungarzt über längere Zeit an einen Mentor zu binden, funktioniert in der Spitalsausbildung nicht“, meint Prischl. „Die Anforderungen der verschiedenen Abteilungen sind einfach zu unterschiedlich. Ein Nierenexperte kann einem Jungarzt auf der Gynäkologie nur wenig helfen und ein Herzchirurg steht vor ganz anderen Problemen mit Patienten und Angehörigen als ein Kinderarzt.“

Das Klinikum Wels-Grieskirchen bietet allerdings noch eine andere Form der Vernetzung an, nämlich das Treffen „Case mix ´n drinks“, bei dem in lockerer Atmosphäre Fälle besprochen werden. „Diese Veranstaltung ist speziell für Jungärzte gedacht“, erläutert Prischl, „und dient auch der Vernetzung und dem Erfahrungsaustausch.“ Auch hier kommen nicht selten Probleme zur Sprache, um die sich Friedrich Prischl als Ausbildungsverantwortlicher kümmert.PK

 

Der wahre Mentor ist eine Göttin

Der Begriff Mentor stammt aus der Odyssee von Homer. Allerdings hat dieser mythische Mentor seine Aufgaben sehr schlecht erfüllt. Er wurde von Odyssee beauftragt, sich um Haus und Hof zu kümmern, während Odysseus in den trojanischen Krieg zog.

Seine Qualifikation dazu war aber lediglich, das sie Freunde von Kindesbeinen an waren. Er rügt zwar das Volk, weil es Telemachos nicht hilft gegen die Freier, die Penelope bedrängen, wird dafür jedoch lediglich von einem der Freier verspottet. Soweit Mentor in der Odyssee.

In allen restlichen Erwähnungen Mentors bei Homer ist Mentor nicht er selbst, sondern die Göttin Pallas Athene, die seine Form annimmt, um dem jungen Telemachos ihre Ratschläge zu geben.

Das Wort „Mentor“ im modernen Sinn, als weiser Ratgeber und Begleiter eines jungen, unerfahrenen Menschen, entstand durch den beliebten Roman „Die Abenteuer des Telemach“ von Francois de Salignac de La Mothe-Fenelon (1651-1715). Dieser Roman betrachtet die Odyssee – wie der Titel schon andeutet – aus der Sicht des jungen Telemachos. Dieser hält nun die Göttin, die ihn auf seiner Suche nach dem Vater begleitet, für Mentor und spricht sie entsprechend an.

Die große Popularität des Romans, der 1699 erschienen ist, führte dazu, dass der Begriff Mentor in seiner heutigen Form zunächst in die französische und englische Sprache, später auch ins Deutsche eingeführt wurde.

Quelle:

Roberts, Andy, 1999, „The origins of the term mentor“. History of Education Society Bulletin, No. 64, November 1999, p. 313–329.

 

1 Helene Wastl promovierte 1922 mit Auszeichnung als zweite Inländerin zum Dr. med. und erhielt 1930 die Lehrbefugnis für Physiologie; ihre Habilitation war die erste einer Frau an der Medizinischen Fakultät Wien.

Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 18/2016

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