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© K. Thomas / blickwinkel /picture alliance
 
Praxis 20. Dezember 2015

Berühren verboten

Wenn ein Patient die gebotene Distanz vermissen lässt, sollte das Praxisteam die Gründe dafür herausfinden.

Aufdringliche Patienten höflich, aber bestimmt in die Schranken zu weisen, kann nicht jeder, aber jeder kann es lernen.

Jede Ordinationsassistentin kennt die Situation, dass ein Patient ihr „auf die Pelle rückt“. Das kann in Form einer zweideutigen Bemerkung passieren („Sie sehen aber heute wieder knackig aus!“), aber auch, indem der aufdringliche Patient tatsächlich räumlich zu nahe kommt. Manche Menschen verletzen die gesellschaftlich akzeptierten Distanzzonen, etwa indem sie die Mitarbeiterin am Arm berühren oder sich direkt vor ihr aufbauen.

Eine solch ungewollte Nähe empfinden wir als höchst unangenehm. Eine klassische Situation an der Rezeption: Ein Patient möchte nicht im Wartezimmer Platz nehmen, sondern bleibt im Eingangsbereich stehen, verwickelt die MFA in ein endloses Gespräch oder folgt ihr sogar durch die Praxis, etwa auf dem Weg ins Labor.

Solches Verhalten kann keinesfalls toleriert werden. Doch wie reagiert man am besten? Die Mitarbeiterinnen sollten sich nicht von der Unruhe oder Aggression anstecken lassen, aber auch nicht gute Miene zum bösen Spiel machen, wenn sie die Situation als unangenehm empfinden. Berührungen können unterbunden werden, indem der Patient freundlich, aber bestimmt auf einen größeren Abstand geschoben wird.

Verbal klare Grenzen ziehen

Dazu gibt man ihm klar zu verstehen, dass er Grenzen verletzt: „Herr Müller, ich möchte nicht, dass Sie mich anfassen. Danke für Ihr Verständnis.“ Danach führt man das Gespräch professionell und unaufgeregt weiter. Eine eindeutige Körpersprache kann den Inhalt der Worte unterstreichen.

Wenn ein Patient die gebotene Distanz vermissen lässt, sollte das Praxisteam versuchen herauszufinden, ob er tatsächlich dreist und aufdringlich ist — oder ob das Verhalten andere Gründe hat. Menschen im Vollbesitz ihrer emotionalen und geistigen Fähigkeiten haben sich an Regeln zu halten, auch in der Praxis. Bei manchen Patienten aber gehört die fehlende Distanz zu einem Krankheitsbild. Patienten mit psychischer Erkrankung sind oft in besonderer Weise schutzbedürftig. Regelverstöße durch Kinder tolerieren wir meistens in einem weit größeren Ausmaß, als wir es bei Erwachsenen jemals tun würden. Psychisch Kranke befinden sich mitunter in einem Zustand, der emotional dem von Kindern ähnelt. Dann muss man sie womöglich – statt sie in die Schranken zu verweisen – aus der Öffentlichkeit in eine geschützte Umgebung (Behandlungszimmer) bringen, um die Situation zu entschärfen. Wichtig ist empathische Souveränität – auch wenn das mitunter schwer fällt. Detaildiskussionen sind oft nicht sinnvoll, denn das Erleben des Betroffenen kann für andere schwer nachvollziehbar sein. Das Dagegenreden steigert die Not des Patienten noch weiter, weil er sich jetzt nicht verstanden fühlt. So werden ungute Gefühle wie Angst und Einsamkeit noch verstärkt.

Der Originalartikel „Rote Linien für aufdringliche Patienten“ ist erschienen in „MMW – Fortschritte der Medizin“ 20/2015, DOI 10.1007/s15006-015-7529-6, © Springer Verlag.

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