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Praxis 10. November 2015

„Der Weg ist das Ziel“

Arbeiten in Berlin – Teil 2: Den Härtest auf der Intensivstation bestanden.

Ursprünglich wollte Michael Kurz den Turnus in Österreich mit einem Auslandsjahr umschiffen. Das ist nur teilweise geglückt. Sein Resümee über das deutsche Gesundheitssystem: Dem wirtschaftlichen Erfolg wird alles untergeordnet.

Was bisher geschah: Der Wiener Michael Kurz will Facharzt werden und versucht seine Glück in Berlin. Nach Lernmonaten auf der Normalstation, will er auf die Intensivstation wechseln. Doch so einfach ist das nicht. Seine Oberärztin will den angelernten Assistenzarzt nicht kampflos ziehen lassen ...

Kurz erinnert sich: „Die Personalstelle war mein neuer Anlaufpunkt. Dort ließ sich bald ein Termin vereinbaren. Im Sommer 2014 konnte ich endlich auf die Intensivstation wechseln. Der Wechsel, vor dem ich anfangs Respekt hatte war für mich überhaupt nicht schwer. Der Stress auf der Normalstation hatte mich sehr gut vorbereitet. Der Arbeitsaufwand reduzierte sich, ich ging früher nach Hause, es waren immer mehrere im Dienst, die sich gegenseitig halfen. Mit den Kenntnissen von der Normalstation war ich fitter als mancher Assistenzarzt, der bereits 6 Monate nur auf der Intensivstation arbeitete.“ Besonders hilfreich: Auf der Intensivstation waren die Betriebsräte tätig. Nach mehreren Gesprächen wusste ich endlich, welche Rechte und Pflichten ein Arbeitnehmer in Deutschland hat.

Der leitende Oberarzt machte „Lehrvisiten“. Ich erlangte in einem Jahr die notwendigen Techniken für die Arbeit auf Intensivstation. Die Ärzte der IPS 2 (Anm.: Intensivpflegestation) und der Transplantationsstation haben nachgeschaut, wer sich für weitere Dienste eignet. Begründung: Diese Stationen sind dünner besetzt als die Intensivstation 1, dafür aber mit erfahrenem Personal.

Auf der IPS 2 befinden sich Patienten mit längerem postoperativen Verlauf, oft aufgrund von Komplikationen, und selten schwerstkranke präoperative Patienten.

Kurz: „Derzeit arbeite ich auf der IPS 2, und ab und zu auf der Transplantationsstation. Mir macht die Arbeit Spaß, ich werde von meinen Kollegen geschätzt, und mein Wort hat auch einen gewissen Stellenwert. Ich kenne fast alle Ärzte im Haus, von den Chirurgen über die Internisten, und ebenso viele aus der angrenzenden Charité. Man kann kaum abschätzen, wie einem das die Arbeit erleichtert. Leider ist meine anrechenbare Ausbildungszeit für die internistische Fortbildung hier schon lange erschöpft. Ich habe mich in Wien beworben und es scheint so, dass ich einen Ausbildungsplatz bekomme.“

Derzeit ist Kurz mit Anrechnungsformalitäten beschäftigt. „Immanente Patientenversorgung“ und „Intensivmedizin“ werden ihm wohl angerechnet. Das sind insgesamt 18 seiner 36 Monaten in Berlin. Bedeutet: „Mein Plan, die Facharztausbildung durch Umschiffen des Turnus in Deutschland zu verkürzen, ist nur bedingt aufgegangen. Trotzdem habe ich viele Freunde gefunden. Auf der Normalstation arbeiten Ärzte wie ich einer vor 3 Jahren war, überfordert, und noch nicht mit dem Blick für das Wesentliche.“

Und sonst? Wie sind die Berliner so? „Es sind alle prinzipiell nett, jedoch steht der wirtschaftliche Erfolg und das Funktionieren der Strukturen über allem. Ich denke das liegt am deutschen Gesundheitssystem, wo abrechnungsfähige Punkte gesammelt werden müssen. Oft werden alte, kranke Menschen Therapien zugeführt, die wohl weder ihr Leben verlängern noch die Lebensqualität verbessern. Ich gehe aus einem System der konsequenten Vollversorgung nun in ein komplett anderes System in Österreich zurück. Wir werden sehen, wann ich meinen Facharzt fertig habe. Der Weg ist das Ziel.“

Martin Burger, Ärzte Woche 46/2015

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