zur Navigation zum Inhalt
 
Praxis 17. August 2005

Patienten „rechtzeitig“ aufklären

Der „richtige“ Informationszeitpunkt leitet sich aus dem Zweck der Aufklärungsverpflichtung ab, das Selbstbestimmungsrecht des Patienten zu wahren. Die ärztliche Aufklärung hat grundsätzlich rechtzeitig zu erfolgen, damit dem Patienten eine angemessene Frist zum Überlegen offen bleibt. Entscheidend dafür ist die Art des geplanten Eingriffes.

Kein Patient darf durch den Zeitpunkt der Aufklärung in eine psychische Zwangslage versetzt werden. Er muss Gelegenheit haben, das Für und Wider des Eingriffs in Ruhe abzuwägen (adäquate Über-legungsfrist) und im vollen Besitz seiner Erkenntnis- und Entschlussfähigkeit seine Entscheidung treffen können (Wahrung des Selbst-bestimmungsrechts). Dem Patienten soll auch ermöglicht werden, sich mit Angehörigen zu beraten oder einen zusätzlichen Arzt zu konsultieren.

In Relation zur Dringlichkeit

Der optimale Aufklärungszeitpunkt steht in Relation zur Dringlichkeit und Schwere des geplanten Eingriffs. In diesem Zusammenhang hat der Oberste Gerichtshof ausdrücklich bejaht, dass bei schwerwiegenden Operationen eine Aufklärung grundsätzlich auch noch am Vorabend des Eingriffs ausreicht, sofern der Patient durch den Zeitpunkt der Aufklärung nicht in eine psychische Zwangslage versetzt wird. Allgemein soll die Unterrichtung über schwerwiegende Folgen nicht unmittelbar vor dem Eingriff durchgeführt werden. Auf der anderen Seite muss für kleinere Eingriffe die Aufklärung vor dem Eingriff beziehungsweise als Vorabendaufklärung genügen. Je dringlicher die Operation ist, desto näher kann der Zeitpunkt der Aufklärung beim Eingriffstermin liegen. Bei vitaler Indikation genügt daher – soweit von der Verfassung des Patienten her möglich – auch eine Aufklärung unmittelbar vor dem Eingriff. Indikationen zu notfallmäßigen oder äußerst dringlichen Eingriffen können unter Umständen auch innerhalb von Minuten oder Stunden zu fällen sein. Dementsprechend wird hier ein einschlägiges Aufklärungsgespräch unter Umständen nur kurz vor dem Eingriff stattfinden können. In allen anderen Fällen gilt aber eine Aufklärung erst auf dem Weg in den Operationssaal beziehungsweise wenn der Patient schon zur Operationsvorbereitung sediert ist, als zu spät und ist damit pflichtwidrig. Wenn ein konkreter Eingriff nach einer Behandlung oder Untersuchung projektiert wird, ist nach Möglichkeit bereits vor Fixierung des Operationstermins über die Eingriffsrisiken aufzuklären. Grund dafür ist, dass oft durch terminliche Festlegung psychische Barrieren aufgebaut werden, die es erschweren, diesen Termin noch knapp vor dem Eingriff zu widerrufen.

Ambulant bedeutet nicht risikolos

Bei kleineren ambulanten Eingriffen reicht es grundsätzlich aus, wenn die Aufklärung am Tag des Eingriffs erfolgt. Insoweit stellt sich die Situation des Patienten bei ambulanten Operationen anders dar. Da die Fortschritte der Operationstechnik in zunehmendem Maß ambulante Eingriffe ermöglichen, ist aber nicht generell davon auszugehen, dass solche Eingriffe stets einfach und nur mit geringen Risiken behaftet sind. Beispiele dafür sind: Die Aufklärung über eine Herzkatheteruntersuchung zu Diagnosezwecken am Tag des Eingriffs ist rechtzeitig; die Aufklärung über die Durchführung einer Myelographie zu Diagnosezwecken unmittelbar vor dem Eingriff ist rechtzeitig; die Aufklärung vor einer Routineimpfung am Tag des Eingriffs reicht aus.

Voruntersuchungen zur Aufklärung nutzen

Bei größeren ambulanten Operationen mit beträchtlichen Risiken ist eine Aufklärung erst am Tag des Eingriffs nicht mehr rechtzeitig, zumal solchen Operationen gewöhnlich Untersuchungen vorangehen, in deren Rahmen die erforderliche Aufklärung bereits erteilt werden kann. Die Maßnahmen des Anästhesisten, Hämatologen und Pathologen gelten im Verhältnis zu den therapeutischen beziehungsweise diagnostischen Schritten des Chirurgen oder Internisten als Hilfsbehandlung, deshalb kann ihre spezifische Aufklärung zeitlich nachgeordnet erfolgen. So genügt etwa das Aufklärungsgespräch mit dem Anästhesisten am Vorabend des Eingriffs den Anforderungen, wenn nicht die Narkose das Hauptrisiko der gesamten Behandlung darstellt.

Dr. Karin Prutsch, Ärzte Woche 43/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben