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Praxis 17. August 2005

Seriöser Umgang mit Patienten

Die umfassende Judikatur zur ärztlichen Aufklärung ist Ausdruck dafür, dass der notwendige Grundkonsens zwischen Ärzten und Juristen mehr oder weniger verloren gegangen ist. Doch die Aufklärung der Patienten ist unabdingbare Pflicht.

Fragen der ärztlichen Verantwortung wurden für lange Zeit mehr durch Ethik gesteuert als durch Recht. Heute ist es ein allgemein zu beobachtendes Phänomen, dass die rechtsfreien Räume praktisch überall zurückgedrängt werden, wobei es dem Zeitgeist entspricht, alles in Gesetze und Paragraphen zu fassen.

Zwischen Ethik und Gesetz

Das führt in der Medizin dazu, dass die in Grenzfällen schwierigen ärztlichen Entscheidungen oft nicht primär nach Ethik und Gewissen, sondern nach den Gesetzen getroffen werden. Leider ist in diesem Zusammenhang der notwendige Grundkonsens zwischen Ärzten und Juristen verloren gegangen, und es haben sich hier gravierende interdisziplinäre Verständnisschwierigkeiten dargetan. Das wichtigste Beispiel dafür ist die Judikatur zur ärztlichen Aufklärung. Die Aufklärung gehört zu den wesentlichen Pflichten des Arztes, wobei der Arzt dem Patienten im Prinzip nichts anderes schuldet als einen seriösen Umgang. Dabei soll das Modell paternalistischer Betreuung in ein Modell der partnerschaftlichen Kooperation übergehen, der Arzt also den Patienten in die Behandlung mit einbeziehen und auf ihn eingehen. Auf diese Weise kann oftmals durch Menschlichkeit, Verständnis, Feingefühl und Akzeptanz des Patienten ein Konflikt und damit auch ein Gerichtsverfahren vermieden werden. So sind sich die österreichischen PatientenanwältInnen einig, dass in mehr als 70 Prozent der Fälle Kommunikationsdefizite auf Seiten der Leistungserbringer Auslöser für Beschwerden und Behandlungsfehlervorwürfe sind.

Erfahrungen von Patienten

Allerdings ist auch die Problematik auf Ärzteseite nicht zu verkennen. Wenn Patienten berichten, dass mancherorts Ärzte bereits versuchen, vor jeglicher Behandlung Erklärungen abzugeben, welche nicht medizinischen Ursprungs, sondern vielmehr juristischer Abstammung sind, geht hier der Sinn einer Aufklärung unter. Das kann es ja wohl auch nicht sein, denn im Vordergrund ist und bleibt die medizinische Versorgung, und im Aufklärungsgespräch soll eben auf diesen Bereich eingegangen werden.

Studien über präoperative Entscheidungsfindung

Äußerst bedenklich erscheinen in diesem Zusammenhang internationale Studien zum Einfluss der kognitiven Dissonanz auf präoperative Entscheidungsfindungsmechanismen von Patienten: 95 Prozent der Patienten waren am Tag nach einer Kataraktoperation trotz standardisierter Aufklärung am Vortag nicht im Stande, wenigstens drei von fünf wesentlichen Komplikationen aufzuzählen. Über 36 Prozent behaupteten, gar nicht über Risiken aufgeklärt worden zu sein, und ebenso viele verneinten, etwas über die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen erfahren zu haben. Satte 80 Prozent behaupteten, nicht über die Ätiologie eines Katarakts unterrichtet worden zu sein, und 78 Prozent wussten nicht mehr, dass sie hinsichtlich Behandlungsalternativen aufgeklärt wurden. Nach einer Herzkatheteruntersuchung behaupteten sogar 25 Prozent der Patienten, gar nicht aufgeklärt worden zu sein, obwohl Tonbandaufnahmen davon existierten. Weitere Studien aus fast allen medizinischen Fachgebieten decken sich mit diesen Ergebnissen. Grundsätzlich ist jener Arzt aufklärungspflichtig, der den mit Risiken verbundenen Eingriff vornimmt. Beispielsweise ist der Radiologe, an den eine Patientin nach Operation eines Mammakarzioms im Anschluss an eine Chemotherapie zur Durchführung einer Strahlenbehandlung überwiesen wird, allein aufklärungspflichtig hinsichtlich der spezifischen Risiken, welche die von ihm vorgesehene Bestrahlung mit sich bringt.

Organisation der Aufklärun bei Arbeitsteilung

Daneben besteht insoweit keine Aufklärungspflicht des überweisenden Arztes. Nur aus besonderen Umständen kann sich für den einweisenden Arzt eine Aufklärungspflicht ergeben, wenn etwa schon der Eingriff am Patienten feststeht und der Arzt die genaue Kenntnis über den Befund hat. Es kann auch ein Kollege des Operateurs den Patienten informieren. Notwendig ist nur, dass der Aufklärende über die erforderliche Sachkenntnis bezüglich des Eingriffs und die Person des Patienten verfügt. Es besteht daher keine Pflicht des behandelnden Arztes, das Aufklärungsgespräch in eigener Person zu führen, jedoch muss er durch entsprechende Organisation die volle Information des Patienten durch andere Ärzte gewährleisten. Bei der Arbeitsteilung zwischen zwei Fachärzten kommt der Grundsatz zur Geltung, dass derjenige Arzt aufklärungspflichtig ist, der die Therapie letztendlich durchführt. So darf beispielsweise ein Impfarzt nicht darauf vertrauen, dass die nötige Aufklärung vom überweisenden Kinderarzt schon vorgenommen wurde.

Mag. E. Kotschy, Ärzte Woche 42/2004

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