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Praxis 17. August 2005

Ärztliche Beihilfe zum Betrug?

Die Reiseversicherer verzeichneten in den letzten Jahren einen überproportionalen Anstieg bei Reisestornos. Dabei wurde eine auffällige Häufung von krankheitsbedingten „Verhinderungen“ festgestellt, belegt mitärztlichen Attesten.

„Ein Fünftel jener Versicherungskunden, die für Storni ihrer Reisen wegen Krankheit Schadenersatz beanspruchten, waren tatsächlich gesund“, so Dr. Wolfgang Munda, Chefarzt der Europäischen Reiseversicherungs AG. Dies ergab eine Überprüfung von 200 Fällen, die seine Gesellschaft im Jahr 2003 durchgeführt hat. Allein durch diese Schäden sollte die Versicherung – und damit auch alle Prämienzahler – um 75.000 Euro geprellt werden.

Beihilfe zum Betrug

Von den Ertappten waren allerdings 90 Prozent sofort bereit, die Kosten der stornierten Reise zu bezahlen. „Die verbliebenen zehn Prozent wurden vom Vertrauensarzt untersucht und für gesund befunden; gegen die meisten wurde ein Strafverfahren wegen Versicherungsbetrugs eingeleitet“, so Dr. Martin Sturzlbaum, Vorstandsvorsitzender der Europäischen Reiseversicherungs AG. Sturzlbaum hat auch erwogen, jene Ärzte zur Rechenschaft zu ziehen, die durch falsche Atteste Beihilfe zum Betrug geleistet haben. Laut dem Rechtsanwalt der Gesellschaft, Mag. Andreas Grassl, droht bei vorsätzlichem Betrug eine Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten, bei einem Schaden von mehr als 2.000 Euro kann das Strafmaß bis zu drei Jahre betragen – eine Summe, die bei einer Fernreise leicht überschritten wird.

Unabhängigkeit bewahren

Er spart dabei nicht mit Kritik an den Medizinern: „Es ist atemberaubend, was Ärzte bestätigen. Offenbar schreiben viele Ärzte aus Gefälligkeit falsche Atteste. Jeder Arzt ist jedenfalls für die Richtigkeit seines Attestes verantwortlich und hat die Folgen zu tragen.“ Obwohl Patienten oft enormen Druck machen, müsse jeder Arzt so viel Größe und Unabhängigkeit haben, diesem Druck zu wiederstehen. Sturzlbaum beziffert den Anteil der Reisestorni am Schadensvolumen 2003 mit fast 60 Prozent. Das sei eine Größenordnung, die durch Versicherungsbetrug im bekannten Ausmaß ernsthafte Schäden für die Finanzlage einer Gesellschaft bedeuten könne. Die bisher überprüften Fällen seien vermutlich erst die Spitze eines Eisbergs. „Wir sind dabei, ein Netz mit 20 Vertrauensärzten aufzubauen und werden die Prüfungen intensivieren“, so Sturzlbaum. Man sehe sich mit betroffenen Reisebüros, die ihre Kunden durchwegs sehr gut kennen, in einem Boot. In einem konkreten Fall stornierte ein braungebrannter Kunde in Sportkleidung mittels Attest eine gebuchte Reise. Die vorgenommene Überprüfung führte zu der Erkenntnis, dass dieser Kunde bereits anderweitig auf Urlaub gefahren war. Der Aussteller des ärztlichen Attests muss sich nun wegen Beihilfe zum Versicherungsbetrug verantworten.

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