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Praxis 17. August 2005

Wenn die Eltern blutsverwandt sind

Der Oberste Gerichtshof (OGH) entschied in einer Klage von Eltern gegen ein Bezirkskrankenhaus wegen Unterhaltsschäden infolge Geburt eines kranken Kindes zugunsten der Ärzte.

Die Klägerin hatte ein Kind geboren, das an dem sehr seltenen „Morbus Niemann-Pick“ leidet, einer autosomal-rezessiven Erbkrankheit. Beide Eltern müssen also Anlageträger eines veränderten Gens sein, damit sich die Krankheit in einem Kind manifestieren kann. Bei allen Typen besteht ein Mangel bzw. eine vollständige Abwesenheit des zur Verstoffwechslung von Cholesterin nötigen Enzyms. Die Wahrscheinlichkeit erhöht sich jedenfalls entscheidend, wenn beide Partner miteinander verwandt sind. Dies trifft im gegenständlichen Fall zu (Cousine und Cousin „zweiten Grades“, vermutlich bestehen noch weitere verwandtschaftliche Beziehungen). In beiden Familienzweigen sind mehrere Erkrankungsfälle aufgetreten. Hievon machte die Mutter den Ärzten am beklagten Krankenhaus aber keine Mitteilung. Laut OGH muss aber auch einem medizinischen Laien klar sein, dass unter solchen Umständen ein erhebliches Risiko besteht, dass gemeinsame Nachkommen von dieser Krankheit befallen sein werden.

Eltern für „Familienplanung“ verantwortlich

Die Eltern warfen den behandelnden Ärzten vor, nicht verhindert zu haben, dass ihnen nicht nur gesunde Kinder geboren wurden. Das Höchstgericht wies diese Klage jedoch als unbegründet zurück. Seiner Beurteilung nach wäre es an den Eltern gelegen, sich angesichts der familiären Situation vorweg über die Familienplanung klar zu werden, Informationen über die Erkrankung einzuholen und zu berücksichtigen, dass die Wahrscheinlichkeit besteht, dass ein Kind mit Behinderung zur Welt kommen und die weitere Lebensgestaltung der Eltern dadurch betroffen sein werde.

Informationspflicht der Mutter

Für den Ambulanzarzt, der die pränatale Diagnostik vorgenommen hatte, stellte sich die Situation so dar, dass die Mutter bereits zwei gesunde Kinder geboren hatte und vom Auftreten der Erkrankung auch in der Familie des Vaters nichts bekannt war. Eine Haftung des Krankenhausträgers wurde vom Höchstgericht auch deshalb nicht bejaht, da den Ärzten nicht bekannt war, dass in beiden Familien Fälle von Morbus Niemann-Pick aufgetreten waren. Es wäre Aufgabe der Mutter gewesen, den Arzt darüber zu informieren, dass sie mit einem Verwandten verheiratet ist, in dessen Familie die Erkrankung gleichfalls aufgetreten war. Sie informierte den Arzt auch nicht darüber, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen wolle, falls das werdende Kind von der Erkrankung betroffen sei und dass sie deshalb eine sichere Auskunft wünsche. Für die Bejahung einer Haftung für den Unterhaltsschaden war daher für den OGH kein Raum. Die Bejahung der Arzthaftung soll in Fällen begehrter „Unterhaltsschäden“ infolge fehlerhafter Beratung jedenfalls nicht ausufern.

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