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Praxis 17. August 2005

Ärzte lernen von Piloten

Wie sehr das Verhalten der einzelnen Beteiligten dazu beiträgt, aus einem „kleinen“ Fehler eine große Katastrophe werden zu lassen oder einen Lernprozess zu ermöglichen, zeigen Beispiele aus der Luftfahrt. In einem derzeit am Wilhelminenspital laufenden Projekt werden langjährige positive Erfahrungen aus den Trainingsprogrammen von Flugsicherheitssystemen in den Alltag des Spitalsbetriebs übertragen.

Wie in vielen hierarchischen Systemen, kam es auch in der Medizin noch vor nicht allzu langer Zeit durchaus vor, dass Ärzte in Ausbildung von „strengen Chefs“ für begangene Fehler betraft wurden. Konsequenz war häufig ein Arbeitsklima, geprägt aus Angst und Misstrauen.„Diese Sündenbockmentalität trägt nicht zur Vermeidung, sondern meist zur Vertuschung weiterer Fehlleistungen bei“, weiß Dr. Caroline Kunz, Ärztin und Psychotherapeutin, Supervisorin in Krankenhäusern. Durch ihre Tätigkeit bei einer Fluglinie hat Kunz Konzepte der Luftfahrt kennen gelernt und beschlossen, Ansätze aus der Luftfahrt und der medizinischen Supervision zusammenzuführen. Vor allem den offeneren Umgang mit Fehlern könne die Medizin von der Luftfahrt lernen. Das Schaffen sogenannter Schutzräume in denen Fehler straffrei berichtet und deren Ursachen analysiert werden, könnten viel zur Fehlervermeidung beitragen. Dass in den meisten Fällen immer mehrere Faktoren an der Entstehung von gefährlichen Situationen in der Luftfahrt beteiligt sind, veranschaulichte eine aktuelle Pilotenbefragung.

Gefährlicher Cocktail

„Es scheint so etwas wie einen gefährlichen Cocktail zu geben. Meist sind es nicht technisches oder menschliches Versagen allein, die zur Katastrophe führen, sondern die Kombination mit operativen Problemen, also ungünstige Bedingungen, wie etwa Zeitdruck, und die Störung der sozialen Interaktion der einzelnen beteiligten Personen“, erläutert AUA-Flugkapitän und Sicherheitstrainer Wolfgang Müller.„Wir alle machen Fehler. Fehler richten großen Schaden an und sie sind teuer“, beschreibt Prof. Dr. Norbert Pateisky von der klinischen Abteilung für Geburtshilfe und Gynäkologie der Univ.-Klinik für Frauenheilkunde die „Fehlerquelle Mensch“. Durchschnittlich ereignen sich bei drei von 1.000 im Spital aufgenommenen Patienten schwerste, teils tödliche Zwischenfälle. „Umgerechnet auf Österreich, sind das bis zu 20 Patienten pro Tag“, so Pateisky.
„Ursache der meisten Fehler ist vor allem fehlende oder falsche Kommunikation“, weiß auch Prof. Dr. Heinrich Salzer, Vorstand der gynäkologischen Abteilung am Wilhelminenspital in Wien, und erklärt am Beispiel der Morgenbesprechung bereits erkennbare Veränderungen. „Statt nur herumzureden, haben wir gelernt, präzise Übergaben durchzuführen. Dadurch bekommen wir konkret nur die notwendigen Informationen, Kommunikationsfehler werden vermieden und so die Sicherheit erhöht.“ Müller könnte sich für komplexe Situationen auch in der Medizin die Erstellung von Checklisten vorstellen. In der Luftfahrt gibt es etwa schon seit 25 Jahren Ansätze dazu, aus dem „Risikofaktor“ einen „Sicherheitsfaktor Mensch“ zu machen.

Vom „Risikofaktor“ zum„Sicherheitsfaktor Mensch“

Seit rund zehn Jahren ist das so genannte „Crew Resource Management“ (CRM) gesetzlich vorgeschrieben. Müller: „Ohne CRM kein Zutritt zum Cockpit.“ Die Medizin ist davon zwar noch ein Stück entfernt, doch eines haben Ärzte und Piloten gemeinsam: die Verantwortung für das Leben der ihnen Anvertrauten. Der Startschuss für das gemeinsame Projekt an der Gynäkologie des Wilhelminenspitals fiel 2003 mit einer Ist-Analyse über den Zustand der Abteilung. Es folgten zwei Workshops und schließlich die Gründung von Arbeitgruppen. Dann wurde mit dem eigentlichen Training, dem „Human Factors Training“, begonnen, das nun so wie das Training für Piloten und Flugbegleiter bei der AUA als eintägiger Workshop durchgeführt wird. „Daran nehmen alle teil vom Chef bis zur Abteilungshelferin“, ist Salzer stolz auf sein Team. Das Projekt im WSP soll kein Einzelfall bleiben. Das Konzept könnte in Zukunft auch an anderen Spitälern umgesetzt werden. MH ó

Informationen: www.aviationforum.com;
www.aviationteam.com

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