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Praxis 17. August 2005

Muslimische Patienten agieren anders

NZwar gibt es nicht DEN türkischen Patienten – ebenso wenig wie es den Prototypen eines österreichischen Kranken gibt. Dennoch bestehen durchaus kulturell bedingte Mentalitätsunterschiede, die ein Arzt kennen sollte.

So manche türkischen Patienten erscheinen ihrem österreichischen Arzt als angenehm. Stellen sie doch wenige Fragen und nicken freundlich, wenn er sie etwas fragt. Doch dieses Verhalten bedeutet nicht unbedingt, dass die Kranken die jeweils angesprochenen Themen und Sachverhalte ohnehin schon wissen. Es ist vielmehr eine Frage der Würde: Nachfragen würde Unwissenheit signalisieren, und das käme einem Gesichtsverlust gleich. Türkische Patienten bejahen tendenziell nicht verstandene Fragen aus Scham, um sich keine Blöße zu geben. Daher sollten Sie gezielt nachhaken, ob auch wirklich alles verstanden worden ist, und zwar mehrmals, um ganz sicher gehen zu können. Generell ist der Arzt für ausländische Patienten überwiegend eine Respektsperson. Sie erwarten vom behandelnden Mediziner daher deutliche Anweisungen. Sätze wie „Ich überlasse es Ihnen, wie Sie das handhaben“ oder „Das müssen Sie selbst wissen“ können einen Arztwechsel nach sich ziehen. Denn diese lassen den Arzt aus der Sicht solcher Patienten inkompetent erscheinen, ganz nach dem Motto: „Der weiß ja selbst nicht, was er will.“ Soweit ein Arzt es verantworten kann, sollte er seinen türkischen Patienten daher genaue Handlungsanweisungen geben.
Oft bringen ausländische Patienten mit mangelnden Deutschkenntnissen ihren Dolmetscher gleich mit in die Ordination. Dabei handelt es sich meist um ein Familienmitglied oder einen Freund - was nicht immer günstig ist, denn die Dolmetscher übersetzen womöglich nur ungenau, um den Patienten zu schonen oder weil sie sich schämen. Außerdem sprechen Angehörige erfahrungsgemäß oft nicht gut genug Deutsch, um Missverständnisse mit hinreichender Sicherheit ausschließen zu können. Unter Umständen empfiehlt es sich, medizinisch geschulte Übersetzer mit bikulturellem Hintergrund heranzuziehen. Sie können sich mit den Patienten nicht nur sprachlich verständigen, sondern kennen auch deren Mentalität. Nicht nur sprachliche Barrieren sind es, die eine Begleitperson mitkommen lassen. In manchen Kulturkreisen, so auch in der Türkei, ist es unschicklich und unmoralisch, dass ein fremder Mann mit einer Frau allein in einem geschlossenen Raum ist. Deshalb ist esüblich, dass mit der Patientin gleich eine Begleitperson mitkommt – sei es eine Verwandte oder der Ehemann – und auch bei einer Untersuchung dabeibleibt. Die lockere Art und Weise wie im „aufgeschlossenen“ Westen ist auch im türkischen Kulturkreis inkriminierend und zum Teil verboten. Wer in seiner Ordination viele türkische Patienten betreut, sollte eine türkische Helferin einstellen, die im Bedarfsfall kompetent übersetzen kann. Das schafft Vertrauen und gegenseitiges Verstehen, die Gefahr von Missverständnissen wird reduziert. Hilfreich sind auch Handzettel, in denen die häufigsten Fragen und Antworten in Türkisch erklärt werden.

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