zur Navigation zum Inhalt
 
Praxis 23. November 2005

Administrative Auswüchse in Arztpraxen: Grenze der Belastbarkeit überschritten

Der administrative Aufwand in Arztpraxen ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Doch nicht alles, was den niedergelassenen Ärzten aufgebürdet wird, findet auch deren Zustimmung, vor allem was die Sinnhaftigkeit angeht. Ganz abgesehen von den mangelnden Honorarausgleichen für den erheblichen Mehraufwand im Ordinatsionsalltag.

Beim ÄRZTE WOCHE-Round Table in Lans in Tirol diskutierten niedergelassene Ärzte mit Mitarbeitern der Gebietskrankenkasse über die Auswirkungen der Chefarztpflicht neu auf den Verwaltungsaufwand in der täglichen Praxis. An der tatsächlichen Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit bestehen gravierende Zweifel. „Sinnlose Arbeiten werden uns aufgezwungen – genau das, was uns Wirtschaftsfachleute als die größten Sünden lehren“, kritisierte einer der Teilnehmer. Dazu kommt der Kostenfaktor. „Unsere Fixkosten steigen und haben sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt“, rechnete ein Allgemeinmediziner vor. „Mein Gewinn ist heuer um 20 Prozent geringer als noch vor zehn Jahren.“ Dass die überbordende Bürokratie in den Honoraren der Sozialversicherungen keinen Niederschlag findet, zählt zu den größten Ärgernissen der Niedergelassenen. Eigentlich ist die Grenze der Belastbarkeit überschritten. Am besten wäre es, so einer der Teilnehmer, bei Einführung neuer Maßnahmen die Praxis vorübergehend zu schließen, um sich den vorprogrammierten Ärger zu sparen. Die „Kontrahenten“ am Round Table zeigten durchaus Verständnis füreinander. Und gemeinsam hoffen sie auf mehr Vernunft der Entscheidungsträger und bessere Planung bei zukünftigen Neuerungen.MD

Erklärungsbedarf wurde ­Ärzten in die Schuhe geschoben
Dr. Reinhold Mitteregger
Arzt für Allgemeinmedizin, Kitzbühel

Wir Ärzte waren zum Jahreswechsel ziemlich überrascht. Wir wussten zwar, dass etwas kommt, aber die Ausprägung war uns nicht im Geringsten klar. Die Unterlagen sind erst unmittelbar vor Jahresende eingetroffen, Anfang Jänner war das Chaos schon perfekt. Die Fehler wurden irgendwo begangen, die Leute haben aber uns Ärzte dafür verantwortlich gemacht und ein enormer medialer Druck wurde aufgebaut. Die wirkliche Schwierigkeit war dann der Erklärungsbedarf, dass ein Patient nicht wie gewohnt sein Medikament bekommt. Diesen Erklärungsbedarf hat man uns Ärzten in die Schuhe geschoben. Die Kasse hat uns eine zusätzliche Kontrollfunktion im Spannungsfeld zwischen Arzt, Patient und Kasse aufgedrückt. Nämlich die Kontrolle, ob ein Medikament den preislichen Vorstellungen der Sozialversicherungen entspricht. Das kann aber nicht unsere Aufgabe sein. Bürokratismus in Ordinationen ist jedenfalls ein großes Thema. Wenn nur drei bewilligungspflichtige Rezepte pro Tag anfallen, kommen mehr als 6.000 Euro zusätzlicher Verwaltungsaufwand auf die Ordination pro Jahr zu. Durch eine unklare Regelung bei den IND-Präparaten hätten wir jedoch bis zu 20 dieser Rezepte pro Tag bewältigen müssen. Ich sehe das als Schikane und überlege mir wirklich, bei der nächsten gravierenden Änderung, von der man im Voraus weiß, dass sie nicht funk-tionieren wird, die Ordination für einige Wochen zu schließen.
Auch in der ärztlichen Versorgung von Touristen hat sich einiges getan. Früher musste sich ein Tourist bei der Außenstelle der Gebietskrankenkasse einen gültigen Krankenschein besorgen. Jetzt haben wir den ganzen Verwaltungsaufwand zu tragen, mit dem vollen Risiko, dass wir durch einen Fehler womöglich kein Geld bekommen. Ich bin auch gegen ein Bonus-Malus-System, bei dem die Entwicklung des Verschreibeverhaltens eines einzelnen Arztes von vornherein reglementiert wird. Die in Tirol vorgeschlagenen 104 Prozent decken gerade einmal die Inflation ab. Wenn ich heute gleich wie vor 15 Jahren verordne, habe ich aufgrund eines höheren Durchschnittsalters meiner Patienten in ein paar Jahren weit mehr als 104 Prozent Steigerung. Es kostet einfach die Behandlung gerade älterer Patienten heute wesentlich mehr als früher. Früher wurde eine Herzinsuffizienz mit einem Medikament behandelt, da waren die Therapiekosten pro Monat gerade 50 Schilling. Heute bekommt ein älterer Patient einen ACE-Hemmer, vielleicht ein Statin, ein Aspirin, vielleicht ein modernes Antidepressivum, wenn nötig auch einen Protonen-Pumpenhemmer. Da bin ich gleich bei 100 Euro Therapiekosten im Monat. Dafür kann man die Ärzte aber nicht haftbar machen; ich kann nicht reglementieren und einem Patienten wichtige Medikamente verweigern. Außerdem forschen die Pharmafirmen weiter, neue Medikamente werden auf den Markt kommen. Von meinem verordneten Volumen machen neue und damit teure Medikamente mehr als 70 Prozent aus. Der Verwaltungsaufwand wird immer mehr, ab 2007 müssen die Diagnosen nach ICD-10 verschlüsselt werden. Hoffentlich wird diese Neuerung besser vorbereitet. Für alle diese bürokratischen Mehrbelastungen bekommen wir aber kein zusätzliches Honorar. Man hat uns sogar vorgeworfen, dass sich unser Einkommen in den letzten zehn Jahren verdoppelt hätte. Es mag schon sein, dass das abgerechnete Volumen mit der TGKK zugenommen hat, einerseits durch mehr Patienten, aber natürlich auch durch mehr Leistungen und eine wesentlich bessere apparative Ausstattung der Praxen im Vergleich zu früher. Aber auch unsere Fixkosten steigen und haben sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. Mein Gewinn ist jedenfalls heuer um 20 Prozent geringer als noch vor zehn Jahren.

Wir müssen Entscheidungen der Gesetzgeber umsetzen
Dir. Dkfm. Heinz Öhler
Tiroler Gebietskrankenkasse

Der Hauptgrund für das Gefühl einer starken administrativen Belastung im Zusammenhang mit der Chefarztpflicht neu liegt sicher darin, dass das Ganze zu überfallartig eingeführt wurde. Die notwendigen Richtlinien, Unterlagen und Erläuterungen sind relativ spät zu den Ärzten gekommen. Dies auch noch knapp vor Jahresende, was bei allen Beteiligten inklusive Gebietskrankenkasse zu Schwierigkeiten geführt hat. Wir sind ja nicht die Erfinder des neuen Systems, sondern dazu da, die Entscheidungen der Gesetzgeber umzusetzen. Soweit ich informiert bin, war die ärztliche Standesvertretung von Anfang an in diesen Prozess mit eingebunden; immerhin sitzen auch Ärzte im Parlament. Auch unser chefärztlicher Dienst wurde schwer von den Neuerungen getroffen. Ich glaube, dass der politische Wille zur Verlagerung der Einholung der Bewilligung vom Patient auf den Arzt auch von einem Teil der Ärzteschaft getragen wird. Hauptgrund für die Probleme bei Bewilligungen ist sicher der derzeitige Weg über Fax, da auch Ärzteanschlüsse teilweise überlastet sind. Dieses Problem wird sich durch die e-card selbst lösen, wenn solche Abfragen über Breitband erfolgen können.

Der Patient hat keinerlei ­Vorteile
Dr. Karl Pissarek
Arzt für Allgemeinmedizin, Innsbruck

Wer sieht im neuen Chefarztsystem überhaupt einen Vorteil gegenüber der bisherigen Regelung? Es ist der politische Wille – das ist aber auch schon alles. Der Patient hat keinerlei Vorteil, im Gegenteil: Bisher nahm ihm den Gang zum Chefarzt fast immer die Apotheke ab. Jetzt muss er sich nach zwei bis drei Tagen das vielleicht bewilligte Rezept bei mir abholen. Die Angelegenheit wurde in Tirol zwar mit viel gutem Willen einvernehmlich zwischen Ärztekammer und GKK entschärft, allerdings mit dem Nachteil nun völlig fehlender Überschaubarkeit und unter dem Risiko einer nachträglichen Kontrolle. Und wieder ist der Schwarze Peter beim Arzt, welcher der Gefahr unterliegt, dass er im Nachhinein zur Kasse gebeten wird. So muss ich viele Verschreibungen auf meine Kappe nehmen, für die ich später vielleicht einmal gerade stehen muss. Dabei werden die Richtlinien der Verschreibbarkeit ja von jedem Kontrollarzt anders ausgelegt.
Ich sehe jedenfalls nur einen Sinn in der neuen Chefarztpflicht: Es ist eine sehr plumpe Form, uns noch mehr Prügel vor die Füße zu werfen, uns mit möglichst vielen Hindernissen zu belasten, damit weniger verschrieben wird. Ich bin auch neugierig, ob der leichte Rückgang der Medikamentenkosten im Jänner in Zukunft gehalten werden kann oder ins Gegenteil umschlägt. Mittlerweile ist alles so kompliziert, dass man versucht ist, unter dem Motto „Jetzt ist mir schon alles egal“ jeden Willen zum Sparen aufzugeben.

Bisheriges System ist gut ­gelaufen
Dr. Siegfried Preindl
Chefarzt, Tiroler Gebietskrankenkasse

Im Vergleich zur ursprünglich geplanten Regelung wurde der notwendige Dokumentationsaufwand im Zusammenhang mit der Rezeptgenehmigung schon auf ein Minimum zurückgefahren. In allen Berufen ist eine Dokumentation zum Zwecke der Transparenz jedoch das Um und Auf, da sich nur mit so gewonnenen Daten Prozesse steuern lassen. Das Gesetz für Qualitätssicherung im Gesundheitswesen schreibt beispielsweise auch die Dokumentation aller medizinischen Handlungen vor, und dies deckt sich vielfach mit der Dokumentation von Heilmittelverordnungen. Wir haben von vornherein auf die Einhaltung rein formaler Vorgaben wie des Gebrauchs des Formblatts beim Dokumentieren verzichtet und den Ärzten zugestanden, dass das Anheften eines essentiellen Befundes an das Doku-Blatt auch genügt, um für die Vertragsärzte ein praktikables Procedere zu gewährleisten. Die nachfolgende Kontrolle mit der Aufbereitung der dazu nötigen Daten ist auch für uns sehr aufwändig.
Die Furcht vor Sanktionen und finanziellen Rückforderungen relativiert sich dadurch, dass für das erste Quartal 2005 schon von Regierungsseite her Sanktionen ausgesetzt wurden und jeder Verordner zuerst informiert oder verwarnt werden muss, wenn eine Dokumentation keine ausreichende Begründung für eine Verordnung ergibt. Erst wenn unter Missachtung einer Verwarnung eine solche Verordnung wiederholt wird, kann es zu Sanktionen kommen. Vom Gesetzgeber kommt nun einmal die Grundforderung, dass die Einholung der Bewilligung vom Patienten auf den Arzt verlagert werden soll, und daran kann niemand etwas ändern. Den großen Vorteil der Chefarztpflicht neu sehe auch ich nicht, zumal das bisherige System in Tirol, so glaube ich, für alle Beteiligten recht zufrieden stellend gelaufen ist.

Nächster Mehraufwand durch neue Gesundenuntersuchung
Dr. Bernhard Schreiner
Abteilung Ärztliche Vertragspartner, Tiroler GKK

Als Ausführende von Gesetzen geraten wir immer wieder unter Beschuss, obwohl wir als „Praktiker“ manchmal bessere Lösungen parat hätten. Wir sind aber gezwungen, die Erfindungen des Hauptverbands auch anzuwenden. In der Praxis erweisen sich dann viele Dinge als nicht administrierbar, und wir versuchen dann auch immer eine für die Vertragspartner vernünftige Lösung zu erreichen. Was bei den Ärzten einen Mehraufwand verursacht, macht auch unser Leben in aller Regel nicht leichter. Bei bestimmten Dingen kommt man aber an den gesetzlichen Vorgaben nicht vorbei. Ungefähr gleichzeitig mit der Einführung der e-card wird auch die Gesundenuntersuchung reformiert. Allein der Untersuchungsbogen wird von einer auf sechs Seiten erhöht. Da wird noch einiges auf uns alle zukommen.

Sinnlose Arbeiten werden uns aufgezwungen
Dr. Klaus Schweitzer
Arzt für Allgemeinmedizin, Tulfes

Ich führe eine ärztliche Hausapotheke im ländlichen Bereich, und der bürokratische Aufwand in meiner Praxis ist seit Jahreswechsel deutlich angestiegen. Die Zusammenarbeit mit der Tiroler Gebietskrankenkasse war immer sehr gut. Aufgrund langjähriger Kenntnis des Gesundheitssystems wussten wir, welche Medikamente bewilligt werden können und welche nicht. Der Patient erhielt das notwendige Medikament und konnte die Praxis voll versorgt verlassen. Mit der Chefarztpflicht neu ist es notwendig, dass der Patient wartet, bis das Rezept bewilligt oder abgelehnt wird. In den meisten Fällen ist dies am selben Tag nicht zu erwarten, sodass der Patient erst ein bis zwei Tage später das benötigte Medikament einnehmen darf. Der Patient muss warten und mehrmals in die Ordination kommen. Das Rezept läuft, und wer es in die Hände bekommt, ist nicht ganz nachvollziehbar. Der Arzt arbeitet und wartet. So will es die Regierung, ohne Rücksicht darauf, ob die Vorgangsweise sinnvoll ist oder gar jemand zu Schaden kommen könnte. Sinnlose Arbeiten werden uns aufgezwungen – genau das, was uns Wirtschaftsfachleute als die größten Sünden lehren. Viel ändern wird sich auch nach der Einführung der e-card nicht, außer deutlichen Mehrkosten für den behandelnden Arzt ohne finanziellen Ausgleich durch die Honorare. Für mich gilt als Hauptproblem die überfallsartige Einführung ohne Rücksprache mit unseren Standesvertretern. Die Einführung der Chefarztpflicht neu wurde zwangsartig von unserer Gesundheitsministerin angeordnet, ohne Rücksicht auf Verluste. Die jetzigen Reparationsversuche führen zu Verwirrung, da laufend Änderungen bekannt gegeben werden. Die EDV-Firmen arbeiten rund um die Uhr, um Dinge auszubessern, von denen im Vorfeld klar war, dass sie nicht funktionieren können.
Grundsätzlich geht es bei allen Maßnahmen um die Einsparung von Medikamentenkosten. In einigen Bundesländern wurde bewiesen, dass man auch ohne diesen „Firlefanz“ mit dem sicherlich vorhandenen Spargedanken der praktizierenden Ärzten viel erreichen kann, ohne dafür besonders großen Aufwand zu betreiben. Wer trägt eigentlich die Kosten für diese unnötigen Verwaltungsmaßnahmen, die wegen Unausführbarkeit wieder abgeschafft werden? Auch im Zuge der Gesundenuntersuchung neu wird offenbar versucht, die Untersuchung auf das Ausfüllen einer Strichliste zu reduzieren. Ich würde mir wünschen, dass sich die Patienten als Leidtragende mehr zu Wort melden würden.

Chaos in den Köpfen der Verantwortlichen
Dr. Artur Wechselberger
Präsident der Ärztekammer Tirol

Niedergelassene Ärzte waren schon immer stark mit adminis­trativen Tätigkeiten beschäftigt. Das, was jetzt mit der Gesundheitsreform, der Chefarztpflicht neu sowie der e-card auf uns zukommt, überspannt den Bogen aber bei weitem. Wir haben noch nie so gewaltige Reaktionen aus der Ärzteschaft bekommen wie bei der Chefarztpflicht neu. Wir haben deutlich gesehen, dass hiermit die Grenze der Belastbarkeit im administrativen Bereich überschritten wurde. Das können sich die Verantwortlichen dieses Zustandes gar nicht vorstellen. Das Problem ist auch, das keine einzige Verwaltungsvermehrung auf Seiten der Ärzteschaft jemals auch nur einen Cent an Honorar­anpassung mit sich gebracht hat. Wir und unser Personal dürfen zwar ständig mehr arbeiten, aber eine Angleichung des Einkommens bleibt aus. Das ist wirtschaftlich eine Unmöglichkeit, da wir auch unser Personal und die Infrastruktur bezahlen müssen. Der Ablauf zum Jahreswechsel bestätigt nur das Chaos in den Köpfen der Verantwortlichen. Das Ganze zeigt einerseits die Weltfremdheit der Erfinder solcher Schikanen, andererseits auch deren Ignoranz gegenüber den Ärzten und Patienten. Man will einen Arzt, der immer da ist, der wissensmäßig immer auf dem Laufenden ist, immer freundlich ist, bei dem es keine Wartezeiten gibt, der jedes administrative Hemmnis vom Patienten nimmt und dabei nichts kostet. Wir werden oft mit neuen Formularen überschüttet, die nicht adminis­trierbar sind. Dass mittlerweile alle Ärzte frustriert sind und darunter die Arbeit für den Patienten leidet, scheint allen egal zu sein.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben