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Praxis 17. August 2005

Niederlassung nach Plan

Nach welchen Kriterien Ärzte den Standort ihrer Praxis auswählen, entscheidet maßgeblich über den wirtschaftlichen Erfolg. Flexibilität erhöht die Chancen.

Standortanalyse, Businessplanung, Bevölkerungsstrukturen, Umsatzerwartungen oder Profit- und Lost-Prognosen? Vokabeln aus einem Wirtschaftslexikon und Vorlesungsthemen im BWL-Studium und Arbeitsgrundlagen internationaler Unternehmensberater. Laut Dagmar Triller, Financial Manager des Basler Ärztedienstes, sind diese Schlagworte heutzutage aber auch für die Entscheidung von Bedeutung, an welchem Ort ein Arzt in Zukunft seiner freiberuflichen Tätigkeit nachgehen wird.

Realer Konkurrenzkampf

Triller ist als Referentin bei zahlreichen Praxisgründungsseminaren nach Gesprächen mit den Teilnehmern immer wieder erstaunt, nach welchen Kriterien Ärzte den Standort ihrer Praxis auswählen. Die Zahl der Wahlärzte steigt kontinuierlich, weshalb Begriffe wie Konkurrenzkampf, Marketing oder durchaus auch Verdrängungswettbewerb für die Führung einer ärztlichen Praxis an Bedeutung gewinnen. Ebenso wird unternehmerisches und wirtschaftliches Denken von Ärzten verlangt. So gesehen, gewinnt die Wahl des Praxisstandortes immer mehr an Bedeutung. International tätige Beratungsfirmen mit klingenden Namen sind in der Wirtschaft vor einer Firmengründung oft jahrelang nur mit dieser Frage beschäftigt. Wenn diese Größenordnung bei der Gründung einer ärztlichen Praxis auch nicht notwendig ist, lohnt es sich laut Triller trotzdem, einige Überlegungen zur Standortwahl anzustellen. Viele Ärzte entscheiden nach Verbundenheit zu den Orten, an denen sie aufgewachsen sind, oder auch nach Abneigung des Lebenspartners gegen bestimmte Gegenden Österreichs. Doch „Ich geh´ nicht aufs Land“ kann nicht allein Entscheidungskriterium sein.

Bevölkerungsdaten als ­wichtigstes Kriterium

Triller nett einige Grundlagen der Standortanalyse: „Wichtigstes Kriterium ist die Anzahl der Menschen, die im Umkreis des geplanten Praxisstandortes leben. Aus diesem Personenkreis schöpft der Niederlassungswillige seine Patienten, die für sein Einkommen sorgen und die Rechnungen zahlen.“ Eine genauere Analyse ergibt sich aus der Geschlechteraufteilung, wichtig sind auch Altersstruktur der Bevölkerung, Einkommensverhältnisse, Geburtenrate oder Pendleranteil.

Analyse der regionalen Einkommensverhältnisse

Dieser Pendleranteil ist wichtig für die Festlegung der Ordinationszeiten. Handelt es sich um ein Gebiet mit industriellen Strukturen, stehen bäuerlich-landwirtschaftliche Einkommen im Vordergrund, welche Bedeutung hat der Tourismus? Womit verdient die Bevölkerung ihr Geld? Wie hoch ist die Arbeitslosenrate? Gibt es in den letzten Jahren verstärkte Abwanderungstendenzen? Wie hoch ist die Jugendarbeitslosigkeit? Auch die Mitbewerberlandschaft muss laut Triller analysiert werden: „Wie viele Kollegen der gleichen Fachrichtung arbeiten in diesem Gebiet? Wie alt sind diese Kollegen, welche Leistungen bieten sie an?“

Möglichkeiten für Zusatzverdienst prüfen

Eventuell besteht die Möglichkeit, als Beleg- oder Konsiliararzt in Sanatorien oder Krankenhäusern im Umkreis tätig zu werden, auch eine Tätigkeit als Schul- oder Betriebsarzt könnte geeignet sein, die Ordinationsfinanzen zu stützen. Hin und wieder sind Statistiken verfügbar, die ein Auftreten bestimmter Krankheitsbilder im bevorzugten Gebiet nachweisen. Nach Sammlung der Daten geht es nur noch darum, die Wertigkeit all dieser keineswegs vollständigen Kriterien je nach Fachrichtung festzulegen und mit Hilfe eines Rankings abzuwägen. Natürlich kann man laut Triller zu diesem Zeitpunkt auch noch persönliche Vorlieben einfließen lassen, denn letztlich spielt auch die Lebensqualität eine nicht zu unterschätzende Rolle. Flexibilität ist jedenfalls angesagt. Wer sich nicht auf einen bestimmten Standort fixiert, kann die Entwicklung seiner Praxis dadurch wesentlich beeinflussen. Schließlich geht es darum, eine Lebensgrundlage für sich und die Familie aufzubauen und langfristig zu erhalten. Triller weiß auch um die Schwierigkeiten der Finanzierung einer Praxisgründung: „Die angewen-deten Kriterien werden immer strenger, was Ärzte oft genug auch vor wirtschaftlichem Schiffbruch schützt.“ Ein auf soliden Daten basierender Businessplan erhöht jedenfalls die Bonität eines Arztes bei den Banken schlagartig und ist heutzutage unverzichtbarer Bestandteil einer Praxisgründungsplanung.

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