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Praxis 17. August 2005

Fehlerberichts- und Lernsystem online

Ein deutschlandweit einmaliges Internet-basiertes Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausärzte hat das Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt entwickelt. Unter www.jeder-fehler-zaehlt.de haben Ärzte die Möglichkeit, über eigene Fehler zu berichten, Fehler anderer nachzulesen oder sich in einem Online-Diskussionsforum über Ursachen und Vermeidungsmöglichkeiten auszutauschen.

Voraussetzung für den Start des Fehlerberichtssystems war, den berichtenden Ärzten vollständige Anonymität zu gewährleisten. „Es gibt immer wieder Befürchtungen unter Medizinern, durch Rückschlüsse auf den Adressaten vor der Staatsanwaltschaft zu landen. Es besteht allerdings keinerlei Grund zur Sorge“, beruhigt Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, Leiter des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin. Bei der Eingabe des Fehlerberichts würden Ärzte darauf hingewiesen, keinerlei personenbezogene Daten anzugeben. Sollten die Frankfurter Institutsmitarbeiter bei der Überprüfung der Eingaben dennoch feststellen, dass diese Rückschüsse auf einen Adressaten zulassen, würden die personenbezogenen Daten umgehend gelöscht, so Gerlach. Auf der Homepage wird zudem darauf hingewiesen, dass die Kieler Ethikkommission und das Landeszentrum für den Datenschutz in Schleswig-Holstein das Konzept für unbedenklich erklären. „Mitt­lerweile wird es sogar von der Österreichischen und der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, ÖGAM und DEGAM, empfohlen“, sagt Gerlach.
Die Eingabe des Fehlers in das Berichtssystem dauert nach Angaben des Teams nur wenige Minuten. Zudem habe man bei der Eingabemaske versucht, sich an Fehlerberichtssystemen anderer Länder – wie zum Beispiel am britischen National Reporting and Learning System, NRLS – zu orientieren. Nach knappen Angaben zum Zeitpunkt des Vorfalls und Patientencharakteristika kann der Arzt unter anderem angeben, in welcher Phase der Behandlung und gegebenenfalls mit welchem Medikament sich der Vorfall ereignete. Etwas ausführlicher darf dagegen die Beschreibung des konkreten Ablaufs und möglicher Ursachen ausfallen. Trotz zunehmender Bekanntheit des Systems scheint es jedoch unter Ärzten noch Berührungsängste zu geben: Bis Dezember 2004 griffen zwar täglich 60 bis 100 Ärzte auf die Webseite zu. „Es wurden aber nur ein bis zwei Fehlerberichte pro Tag erstellt“, berichtet Gerlach. Entmutigen lässt sich das Team jedoch nicht: Nachdem die Fehlerberichte ausgewertet wurden, ist sogar geplant, eine Fehlerrecherchedatenbank und ein Fehlerarchiv anzulegen. Sollten sich finanzielle Ressourcen auftun, sei sogar denkbar, das Fehlermeldesystem auf andere Fachgebiete auszuweiten.

Prävention von ­Medikationsfehlern

Das Frankfurter Institut arbeitet noch an einem weiteren Beitrag zum Risikomanagement: an der Identifikation und Prävention von Medikationsfehlern. Die Arbeit basiert auf den Ergebnissen der weltweit ersten „Primary Care International Study on Medical Errors“ (PCISME), an der das Team nicht nur mitgearbeitet hat, sondern dafür im Jahr 2002 auch mit dem Berliner Gesundheitspreis ausgezeichnet wurde. Seit September 2004 wirbt das Institut für Allgemeinmedizin nun – unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung – um Praxen, die gemeinsam mit Wissenschaftlern des Instituts mögliche Medikationsfehler der eigenen Praxis identifizieren wollen. Wichtig ist für Gerlach bei all diesen Aktivitäten, dass sie nicht auf Druck der Politik stattfinden. Innerhalb des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung wächst nämlich das Interesse am Fehlermanagement, erste Treffen mit Mitgliedern der Kassen, einzelner Verbände und Experten sind geplant. „Die Ärzteschaft ist aber schon seit längerem aus eigenem Antrieb dabei, sich dem Thema zu stellen“, betont Gerlach. Ein Beispiel für einen online veröffentlichten Fallbericht samt Expertenkommentar und Anregungen aus der Kollegenschaft ist der Beitrag „Auffälliger Laborbefund“ auf dieser Seite.

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