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Praxis 17. August 2005

Auch für das Unternehmen Arztpraxis gilt: Umsatz ist nicht gleich Gewinn

Vor einigen Wochen hat eine Pressemeldung für ordentlichen Wirbel gesorgt: Berichtet wurde vom überproportionalen Anstieg der Ärzteeinkommen zwischen 1990 und 2002 im Vergleich zur allgemeinen Teuerungsrate. Basis der Behauptung war der Umsatz der Vertragsärzte mit §-2-Kassen.

Die in den Presseberichten kolportierten Informationen stammen aus einem internen Papier des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger („Ärzteeinkommen 2002“), in das der ÄRZTE WOCHE zur Prüfung des Sachverhaltes Einblick gewährt wurde. Abgerundet wurde diese Information durch Daten zu Fallzahlen, Ärztezahlen und Scheinwerten der betreffenden Jahre. In der Tat weist die Statistik des Hauptverbandes eine Zunahme der Paragraph-2-Honorare von knapp 65 Prozent in den Jahren 1990 bis 2002 aus (ohne technische Fächer). Bei genauerem Hinsehen kommt man zu dem Schluss, dass etwa fünf Prozentpunkte des Honorarvolumens durch Zunahme der Kassenstellen, weitere zehn Prozentpunkte durch Zunahme der Fallzahlen und die verbleibenden 50 Prozent durch Zunahme des durchschnittlichen Scheinwertes entstanden sind. Basis für diese Zahlen sind Allgemein-mediziner ohne Hausapotheke in Österreich. Um es kurz zusammenzufassen: Der durchschnittliche Kassenarzt hat seinen Umsatz in 12 Jahren um knapp 60 Prozent erhöht, wobei diese Erhöhung zu unbestimmten Teilen durch Honoraranpassung und Mehrarbeit (Zunahme der Fallzahl sowie frequenzbedingte Zunahme des Scheinwertes) entstanden ist. Doch wie hat sich in diesem Zeit-raum die Einkommenssituation entwickelt? Schließlich hat nicht nur das Honorarvolumen zugenommen, sondern auch die meisten Praxiskosten sind gestiegen. Wie hat sich das benötigte Investitionsvolumen im Beobachtungszeitraum entwickelt? PRAXIS & WIRTSCHAFT hat anhand eines Beispielfalles die finanziellen Entwicklungen im untersuchten Zeitraum 1990 bis 2002 analysiert und daraus ein Ergebnis errechnet.

Offenbar kennen nicht alle Journalisten den Unterschied zwischen Umsatz und Nettoeinkommen. Deshalb haben wir versucht, eine realistische Gegenüberstellung vorzunehmen. Von einem Allgemeinmediziner erhielten wir Datenmaterial der Jahre 1990 und 2002 in Form von Einnahmen-/Ausgabenrechnungen als Basis für weitere Berechnungen.

Umsatzsteigerung im Vergleich zu Praxiskosten

Dieser Arzt hat seinen §-2-Kassenumsatz im Beobachtungszeit-raum tatsächlich um etwas mehr als 60 Prozent gesteigert, nämlich von 130.000 auf 210.000 Euro. Ein Blick auf die Praxiskosten zeigt, dass in fast allen Bereichen Teuerungen von 25 bis 30 Prozent zu Buche schlagen; die Teuerungsrate der allgemeinen Lebenshaltungskosten liegt laut Statistik Austria in diesem Zeitraum bei etwa 32 Prozent. Zu berücksichtigen ist hier die 1990 noch vorhandene Vorsteuerabzugsmöglichkeit bei allgemeinen Betriebskosten, daher sind einige Positionen in diesem Zeitraum für den Arzt um mehr als 50 Prozent gestiegen. Ausnahmen gibt es bei Telekommunikation sowie bei Kreditzinsen; hier ist 2002 ein geringerer Aufwand nötig. Sozialversicherung und Kammerbeiträge sind gestiegen, natürlich aufgrund von Anstieg bei Einkommen, Umsatz und Höchstbemessungsgrundlage.

Die Abschreibungen lassen sich nicht direkt vergleichen, vielmehr muss die Entwicklung des notwendigen Investitionsvolumens geprüft werden. Laut Ärzteeinrichtern sind die Preise für Einrichtung im Zeitraum konstant geblieben, jene für Medizintechnik sogar gesunken. Unter Berücksichtigung der Vorsteuerabzugsmöglichkeit 1990 kann man Investitionsvolumen und somit AfA in den Vergleichszeiträumen identisch ansetzen. Ein großer Sprung ergab sich bei den einzig wirklich variablen Kosten der von uns „geprüften“ Ordination: Personal ist von 36.000 Euro auf 72.000 Euro explodiert. Doch auch das passt ins Gesamtbild: 60 Prozent mehr Umsatz (zum Teil durch Mehrarbeit und Stundenausweitung) und eine Steigerung beim durchschnittlichen Einkommen in Österreich im Beobachtungszeit-raum von etwa 40 Prozent (Statistik Austria). So ergibt sich in Summe eine Gewinnsteigerung von 30 Prozent (70.000 Euro auf 90.000 Euro), das Nettoeinkommen unseres Arztes hat sich von 42.000 Euro auf 52.000 Euro erhöht (24 Prozent).

In Summe trotzdem Kaufkraftverlust

Summa summarum liegt die Einkommensanpassung unseres Beispielarztes damit deutlich unter der Inflationsrate. Seine reale Kaufkraft hat sich trotz erheblicher persönlicher Mehrleistung von 1990 auf 2002 um acht Prozent verringert. Diese Situation dürfte in vielen Ordinationen identisch sein: Das Honorarvolumen ist gestiegen, aufgrund restriktiver Kassenvertragsvergabe allerdings die dahinter stehende Arbeitszeit auch. Die Praxiskosten haben zwischen 30 Prozent (Inflation) und 50 Prozent (Inflation plus unechte Umsatzsteuerbefreiung) zugenommen – mit wenigen Ausnahmen eines geringeren Anstiegs, dafür mit dramatisch angestiegenen Personalkosten (Entwicklung Lohnniveau plus Ausweitung der Stunden). In Summe entsteht sicherlich trotzdem eine Einkommenssteigerung, die jedoch durch das progressive Steuersystem (50 Prozent Spitze) derart gedämpft wird, dass in Wahrheit unter Berücksichtigung der Inflation von Einkommenssteigerung keine Rede sein kann.

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