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Praxis 17. August 2005

Kostspielige Finanzierungsfehler

Dr. S., Praktiker in Wien, ist schockiert: Laut Aussage seines Steuerberaters muss er im Vergleich zum Vorjahr rund 12.000 Euro mehr Zinsen zahlen. Der Grund: Der Arzt hatte innerhalb eines Jahres seinen Kontokorrentkredit von ursprünglich 15.000 Euro auf 100.000 Euro erhöht, es jedoch verpasst, die Kreditkonditionen in Verhandlungen mit seiner Bank anzupassen.

Laut den Aussagen des betroffenen Arztes hatte es niemals Probleme mit dem kontinuierlich steigenden Kreditbedarf gegeben. Deshalb hatte er nicht nur die laufenden Praxiskosten, sondern auch eine kürzlich erfolgte Zwischenfinanzierung seiner Praxisausstattung von etwa 75.000 Euro über den Kontokorrentkredit abgewickelt.

Steuerberater und Bank schweigen

Anfangs noch über das Entgegenkommen seiner Bank verwundert, machte sich Dr. S. im Laufe der Zeit immer weniger Gedanken darüber. Da sich sein Steuerberater diesbezüglich ebenfalls nicht meldete, kam kein Argwohn gegenüber der Bank auf. Die Rechnung wurde ihm umso härter und schmerzlicher präsentiert. Bei näherer Betrachtung der monatlichen Zinsabrechnungen seiner Bank wurde Dr. S. schnell klar, dass er kostspielige Fehler begangen hatte. Das Entgegenkommen der Bank war nämlich durchaus kalkuliert. Für die ursprüngliche Kredithöhe von 15.000 Euro – im Bankenjargon „genehmigte Überziehung“genannt – wurde ein Zinssatz von sieben Prozent pro Jahr berechnet. Bei jedem über dieses Limit hinaus gehenden Euro bis zum Kreditsaldo von 100.000 Euro wurden dagegen 13 Prozent Zinsen im Jahr in Rechnung gestellt. Hier sprechen Banker von „geduldeter Überziehung“.

Schlechte Konditionen trotz erstklassiger Bonität

Dieses „großzügige“ Verhalten bei problemloser Kontoüberziehung fiel der Bank im konkreten Fall leicht. Da der Vater von Dr. S. ein erhebliches Vermögen besaß, für seinen Sohn ein Blankoakzept als Sicherheit zur Verfügung gestellt hatte, somit also das Kreditrisiko sehr gering war, galt der Kollege als erstklassiger Kunde. Bedenklich ist aus der Sicht des Arztes, dass die Bank ihn im Verlauf des Jahres nicht ein einziges Mal auf diese völlig verkorkste und damit extrem teure Finanzierung hingewiesen hatte. Sie hätte Dr. S. rechtzeitig eine zinsgünstige Kreditalternative anbieten müssen. So halten es zumindest Banken, die die Betreuung ihrer Kunden ernster nehmen, als dies das Institut im konkreten Fall getan hat. Gemeinsam mit seinem Steuerberater sollte Dr. S. nun möglichst schnell ein persönliches Gespräch mit seinem Betreuer in der Bank führen und deutlich darauf hinweisen, dass er dieses Ausnutzen seiner Unkenntnis nicht weiter hinnehmen wird. Vielmehr sollte er auf einem Praxiskredit von 75.000 Euro zu einem Zinssatz von maximal fünf Prozent bestehen. Darüber hinaus sollte die Bank den Zinssatz seines Kontokorrentkredites auf mindestens sechs Prozent reduzieren.

Bankwechsel als Argument

Beiden Forderungen wird die Bank aller Erfahrung nach entsprechen. Falls dies wider Erwarten doch nicht geschieht, dürfte Dr. S. bei seiner überdurchschnittlichen Kreditwürdigkeit problemlos eine andere Bank finden. Ärgerlich ist allerdings das unnötige Lehrgeld, das der Arzt auf Grund seiner bisherigen desolaten Finanzierungsstruktur zahlen musste. Hier sollte er zumindest versuchen, mit seiner Bank einmal über die „Qualität“ der Beratung zu reden und darum ersuchen, dass ihm ein Teil der gezahlten Zinsen rückerstattet wird. Finanzierungsfehler können Ärzte teuer zu stehen kommen. Wer jedoch seine Kredite regelmäßig überprüft, kann kostspieligen Fehlentwicklungen vorbeugen. Man sollte regelmäßig, etwa zweimal im Jahr, über den Zinssatz des Kontokorrentkredites verhandeln. Die meisten Ärzte akzeptieren, unabhängig von ihrer Kreditwürdigkeit, weitgehend kritiklos fast jeden Zinssatz. Auf Grund des teuren Kontokorrentkredites sollte man vom Ordinationskonto nur laufende Praxiskosten wie Gehälter, Miete etc. abbuchen. Darüber hinaus sollte dieser Kredit möglichst wenig in Anspruch genommen werden. Zur mittel- und langfristigen Praxis- oder auch Immobilienfinanzierung eignen sich Praxiskredite und Bankdarlehen vor allem wegen der preiswerteren Zinssätze besser als teure Kontokorrentkredite.

Dr. Jürgen Brunotte, Ärzte Woche 38/2004

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