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© Vitaliy Ankov / dpa
Die lege artis Behandlung in der Augenheilkunde wackelt.
 
Praxis 31. August 2015

Gefährliche Lieferprobleme bei Augenarzneien

Expertenbericht: Engpass bei wichtigen Medikamenten.

Monatelange Lieferprobleme bei Augenmedikamenten gehören mittlerweile zum Alltag. Auch bei Präparaten, die für die postoperative Behandlung benötigt werden, ist seit einiger Zeit unklar, welches dieser Arzneien gerade erhältlich ist.

Beinahe möchte man sagen das Maß ist voll, wäre das Spektrum der Augenmedikamente nicht gefährlich knapp geworden. Im Moment können in Österreich wichtige Medikamente für die Behandlung des Herpes corneae oder der Iritis nicht geliefert werden. Ersatzpräparate können nur per Bestellung aus dem Ausland aufgetrieben werden. Dieser Zusatzaufwand kostet jedoch wertvolle Zeit, während der die Erkrankung teilbehandelt bleiben muss oder nur „alternativ“ behandelt werden kann.

Derartige Probleme bestehen aber schon länger: Vor nicht allzu langer Zeit gab es einen monatelangen Lieferengpass für das „Mydriadicum“. Was das für Augenärzte bedeutet, kann man sich vorstellen. Bis nach einigen Wochen die Ersatzversorgung aus Deutschland auf die Beine gestellt werden konnte, waren die Lager der Ordinationen beinahe aufgebraucht (das war wirklich eng).

Oder: Die Refobacin Augensalbe, die uns über viele Jahre hinweg ein wertvoller therapeutischer Begleiter war, wurde vom Hersteller vom Markt genommen, weil die EU deren Neuzulassung verlangt hat (Argument: Zulassung läge zu lange zurück). Unter dem Preisdruck der Generika war jedoch ein volles Zulassungsprozedere unrentabel. Das darauf beruhende Generikum gibt es übrigens noch (ist aber derzeit ebenfalls nicht lieferbar). Da bei der Behandlung natürlich auch die Beschaffenheit der Salbengrundlage eine wesentliche Rolle spielt (gerade an der so sensiblen Bindehaut), fehlen solch gut verträgliche Präparate schmerzlich. Medizin hat eben mehrere Ebenen nicht nur jene der Bewilligungen oder Wirtschaftlichkeit.

Auch bei Präparaten, wie wir sie für die postoperative Behandlung brauchen (z. B.: Dexamethason + AB) wissen wir seit einiger Zeit nicht mehr, welches dieser Medikamente gerade erhältlich ist. Das ist für die augenchirurgisch tätigen Kollegen besonders unangenehm.

Diese Liste ließe sich, wie z. B. das nunmehrige, ersatzlose Fehlen von Pilocarpin-Augentropfen beweist, noch weiter fortsetzen, doch es würde die Leser wohl langweilen. Gelangweilt schien auch die Kurienführung der Wiener Kammer zu sein, die ich seit Jahren auf sich häufende Medikamentenengpässe aufmerksam zu machen versuche. Es war als hätte man mir, dem „Samariterarzt“, wie man mich wissen ließ, nicht zugehört, oder meine ständigen Hinweise als lästig empfunden. Wortmeldungen im Kammervorstand, bei Kurien- und Sektionssitzungen verhallten reaktionslos.

Erst nach langer Zeit wurde uns zumindest eine Liste von Präparaten übermittelt, die man ersatzweise aus dem Ausland bestellen kann.

Das Problem ist vielschichtiger als das bloße Symptom und liegt tiefer. Die Versorgung Österreichs mit „wichtigen“ Augenmedikamenten erscheint nicht mehr in vollem Umfang sichergestellt zu sein. Die Ursachen ließen sich trotz intensiver Recherche bisher nicht aufhellen, sodass ich mich als niedergelassener Augenarzt von der Industrie, der Kurie und der Politik im Stich gelassen fühle. Dass Apotheken anrufen oder Patienten zurückgeschickt werden, weil es ein Präparat gerade nicht gibt, ist leider Routine geworden. Die lege artis Behandlung wackelt. Eine unserem Staat entsprechende Krankenversorgung ist ernst zu nehmend in Gefahr. Ich bitte die Pharmaindustrie um Hilfestellung.

Prof. Dr. Wolfgang Radner ist Präsident der Akademie für Augenheilkunde und Optometrie.

Wolfgang Radner, Ärzte Woche 36/2015

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