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Praxis 17. August 2005

Preise für Medizin genau kalkulieren

Wahlärzte können für die Gestaltung ihrer Honorare eigene Kriterien festlegen, theoretisch ohne Unter- oder Obergrenze. In der Praxis haben sich aber gewisse Modelle bewährt.

„Die Versorgungsstrukturen imösterreichischen Gesundheitswesen haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Neben den medizinischen Möglichkeiten sind hierfür vor allem gesellschafts- und sozialpolitische Gründe verantwortlich“, erläuterte Dr. Christoph Reisner vom Verein Wahlärzte Österreich beim Praxis & Wirtschaft-Gründungsseminar in Baden. Diese Veranstaltung des Basler Ärztedienstes in Kooperation mit ÄRZTE WOCHE und GlaxoSmithKline fand auch im niederösterreichischen Kurort wieder regen Zuspruch. Die öffentliche Hand wird bei den Ausgaben für die Gesundheit immer restriktiver. Zugleich entsteht aber ein Markt, in dem eine Vielzahl von Leistungen, die das soziale Krankenversicherungssystem nicht anbietet, stark nachgefragt werden.

Honorare frei gestaltbar

Im Gegensatz zur Situation ei-nes Kassenarztes, der nach einem fixen Tarifsystem entlohnt wird, steht es dem Wahlarzt frei, seine Honorare nach eigenen Kriterien zu gestalten. So gibt es theoretisch und teilweise sogar in der Praxis weder Ober- noch Untergrenzen. Jeder angehende Wahlarzt sollte nach Reisners Ansicht entsprechend seines Angebotes und seiner Struktur die Preisgestaltung genau auskalkulieren. Umfragen haben ergeben, dass die Rückerstattung oder Höhe des Honorars keine Kriterien für den Besuch eines Wahlarztes sind. „Auch wenn 80 Prozent der Wahlarztbesucher über eine Rückvergütungsmöglichkeit Bescheid wissen, reichen nur knapp 60 Prozent davon ihre Honorarnote bei der Krankenkasse ein.“

Rückerstattung ist nicht kalkulierbar

Die Rückerstattung durch die Krankenkasse beträgt maximal 80 Prozent des Kassentarifs, wobei im Regelfall deutlich weniger überwiesen wird. Verantwortlich dafür ist die so genannte Scheinschnittanwendung. Wenn beispielsweise eine Leistung nur bei jedem zwanzigsten Patienten angewendet werden darf, erscheint nur ein Zwanzigstel des verrechenbaren Betrags im Scheinschnitt auf. Reisner empfiehlt jedenfalls, dem Patienten niemals eine Garantie über die Größenordnung der Rückerstattung zu geben. Auch sollte sich der Wahlarzt nicht nach der Rückerstattung orientieren, sondern seine individuelle Preisgestaltung anwenden.

Orientierung am Kassentarif

In der Praxis haben sich laut Reisner einige Modelle durchgesetzt. Üblich ist eine Orientierung an den Kassentarifen, wobei es sogar Wahlärzte gibt, die nur 80 Prozent davon verrechnen. Das ist für den Patienten sehr preiswert, da dieser einen Großteil des Honorars rückerstattet bekommt. „Es ist allerdings schwer vorstellbar“, so Reisner, „dass sich mit diesen Tarifen ein Gewinn erwirtschaften lässt.“ Auch für kassenunabhängige Verrechnung gibt es laut Reisner einige Möglichkeiten: „Man kann Pauschalsummen verrechnen, die unabhängig von der erbrachten Leistung sind. Allerdings ist mit so einem System gerade am Anfang der Aufbau eines Patientenstammes sehr schwierig.“ Viele Wahlärzte verwenden daher ein zeitabhängiges System, bei dem sich das Honorar aus der Dauer der Ordination ergibt. Wichtig bei einem solchen System ist allerdings, dass der Patient nicht das Gefühl bekommt, dass die Ordination bewusst „hinausgezögert“ wird.

Bandbreite beim benötigten Investitionsvolumen

Mag. Hans-Georg Goertz von der Steuerberatungskanzlei Dr. Scholler & Partner aus Wien und St. Pölten berichtete von unterschiedlichsten Modellen und Konstellationen im Wahlärztebereich. Man könne eine Nachfragesitua-tion bereits nach der Fachrichtung einschätzen. „Dies hat einerseits mit dem benötigten Investitionsvolumen zu tun“, so Goertz. „Wer mit wenigen tausend Euro auskommt, hat natürlich weniger Druck als ein Arzt, der im sechsstelligen Bereich fährt.“ Beim Hautarzt reicht die Bandbreite der Investition allein im Gerätebereich von 10.000 bis 150.000 Euro. „Natürlich sind mit weniger Investitionen auch geringere Ertragschancen verbunden“, so ­Goertz, „da gut verkaufbare Leistungen meist an teure Ausstattungen gekoppelt sind.“

Bevorzugte Fachrichtungen

Auch die Fachrichtung an sich hat Aussagekraft. Bei den Patienten genießen Wahlärzte unterschiedliche Akzeptanz. Während Chirurgen, Gynäkologen und Internisten „klassische Wahlarztfächer“ sind, ist die Nachfrage nach Kinder-, Augen- und HNO-Ärzten oder Allgemeinmedizinern eher gering. Goertz beschreibt zwei klassische Konstellationen: „Ein Hautarzt, der mit möglichst geringem Investitionsvolumen in Richtung Vorsorge oder kosmetische Behandlungen geht, wird eher geringere Probleme haben. Beim Allgemeinmediziner sieht die Lage anders aus. Wenn keine Spezialisierung vorhanden ist, sollte man sich zu Beginn möglichst spartanisch einrichten. Ganz aussichtslos sind solche Konstellationen, wenn noch der Kauf der Praxisimmobilie mit im Spiel ist.“

Infrastruktur bietet Spielraum

Durch die Steuerberatertätigkeit sind sämtliche Konstellationen aus der Praxis bekannt. Allein beim Umsatz sind Beträge zwischen wenigen tausend Euro beim Teilzeitwahlarzt und im Millionenbereich beim spezialisierten Vollerwerbswahlarzt möglich. „Tatsache ist“, so Goertz, „dass jeder Arzt im Bereich der Kosten seiner Infrastruktur guten Spielraum hat.“ Der Ärzteberater spielt damit auf die große Palette moderner Kooperationsmöglichkeiten an, von denen sich viele als ideale Startmöglichkeit für Wahlärzte eignen.

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