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© M. Burger
Praxis-Test bestanden: „Perfekt übersetzt“, meint Frau Stančić (re.).
 
Praxis 29. Juni 2015

Klare Ansagen statt böser Worte

Erfahrungsbericht: Erstmals bietet eine Wiener Arztpraxis Videodolmetschen für Nicht-Muttersprachler an.

Patienten mit nicht-deutscher Muttersprache sind derzeit beim Ordinationsbesuch auf Angehörige angewiesen. In Alt Erlaa wird seit Kurzem professionelles Videodolmetscher angeboten.

Dobar dan! Die Begrüßung auf Serbokroatisch entspannt Patientin Slobodanka Stancic sichtlich, wenn auch nur kurz. Denn im Rücken von Frau Stancic baut sich ein Trupp Kameramänner auf. Showtime im Medico Chirurgicum in Alt Erlaa, dem Reich von Dr. Friedrich Anton Waiser. „Leuchtturm“ nennt ihn Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger. Und warum? Weil Waiser als erster niedergelassener Arzt in Österreich etwas anbietet, das ihm die Arbeit erleichtert und seinen nicht-deutschsprachigen Patienten hilft, sich besser auszudrücken: Videodolmetschen. Bachinger weiter: „Die Atmosphäre für Migranten ist im Moment nicht besonders gut, deswegen freue ich mich, dass wir hier einen Kontrapunkt setzen können.“

Verstanden werden sei kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, sagt der Patientenanwalt, schon aus haftungsrechtlichen Gründen sollte man Missverständnisse und unnötige Komplikationen vermeiden. Es soll nicht so laufen, wie im Fall jenes 16-Jährigen, dessen Bein 2011 nach einem Unterschenkelbruch amputiert werden musste. So weit hätte es nicht kommen dürfen. Die Erstdiagnose lautete auf „sofortige Operation“. Bachinger: „Aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten, der Patient sprach Englisch, die Ärzte leidlich, hat der Jugendliche geglaubt, die Amputation sei unumgänglich und hat das klarerweise verweigert.“ Am nächsten Tag konnte eine Krankenschwester das Missverständnis zwar aufklären, „aber diese zehn bis zwölf Stunden, die diese Verweigerung gekostet hat, haben dazu geführt, dass das Kompartmentsyndrom da war und das Bein des 16-Jährigen abgenommen werden musste.“ Mit einem Videodolmetsch wäre das nicht passiert.

Eine Behandlung in Österreich dauere im Schnitt 12 Minuten, sagt Dr. Peter Merschitz, Technischer Leiter des Videodolmetsch-Projekts. Das Aufschalten eines Übersetzers in dieser Zeitspanne „geht sich aus“ ( www.videodolmetschen.com ). Ein anwesender Arzt bezweifelt das, mit dem Hinweis auf volle Wartezimmer. Daher die Präzisierung Bachingers: Nicht alle, aber v. a. Chirurgen und Gynäkologen bräuchten dringend sprachliche Unterstützung.

In Spitälern ist Videodolmetschen verbreitet, ausgenommen in jenen des KAV und der Niederösterreich Holding, sagt Merschitz. Der Preis sei überall derselbe: Für die ersten 15 Minuten koste das Service 30 Euro, danach ein Euro je Minute.

Eine Videodolmetscherin hätte die gebürtige Russin Ekaterina Neugodova gut gebrauchen können, als sie 2006 nach Österreich kam. „Da gab es viele peinliche Situationen beim Gynäkologen“, sagt die Verlagsmitarbeiterin. Bei einer Frauenärztin gab es böse Worte: „Sie können ja ihre Symptome nicht richtig beschreiben“, warf ihr diese vor. Warum Medizin-Dolmetscher erst Jahrzehnte nach Ankunft der ersten Gastarbeiter angeboten werden? Merschitz: „Irgendwann ist die Wunde so tief, dass etwas geschieht.“

Martin Burger, Ärzte Woche 27/2015

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