zur Navigation zum Inhalt
© Science Photo Library / Agentur Focus
Bevor sie sich selbst operieren lassen, wägen Ärzte die Folgen für Familie und Beruf genau ab.
© tunedin / fotolia.com
 
Praxis 8. Juni 2015

... das füge auch keinem andern zu

US-Studie über orthopädische Chirurgen zeigt: Ärzte legen Patienten eher unters Messer als sich selbst.

Bei der Entscheidung für eine Operation sind orthopädische Chirurgen deutlich weniger zögerlich, wenn es um andere geht, als wenn sie selbst betroffen sind. Das hat eine Umfrage unter 254 Ärzten aus Europa, USA, Asien und Australien ergeben.

Sagt ein HNO-Arzt eines Wiener Spitals zum Autor dieser Zeilen: „Mein Guter, ihre schiefe Nasenscheidewand, die sollten sie sich operativ richten lassen!“ Viele Menschen scheinen davon auszugehen, dass ein Arzt in der Lage ist, sich in seinen Patienten hineinzuversetzen und von dieser Warte aus die bestmögliche Entscheidung zu treffen, nach dem Motto „was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu“.

Die Ergebnisse einer aktuellen Studie sorgen allerdings für Ernüchterung: Chirurgen neigen offenbar dazu, sich selbst einen operativen Eingriff zu ersparen, obwohl sie die entsprechende Maßnahme für einen Mitmenschen mit gleicher Diagnose, gleichen Alters und Geschlechts als durchaus geeignet erachten würden.

Das Team um den Handchirurgen Stein J. Janssen von der Harvard Medical School in Boston legte den Teilnehmern – allesamt Fachärzte aus den Bereichen Orthopädie, Traumachirurgie oder plastische (Hand-)Chirurgie und Mitglieder der globalen Non-Profit-Organisation „Science of Variation Group“ – zwei Fragen vor:

• Welche Therapie würden Sie wählen/empfehlen: operativ oder nichtoperativ?

• 2. Wie sicher auf einer Skala von 0 bis 10 sind Sie bei dieser Entscheidung?

Angewendet wurden diese Fragen auf 21 fiktive Fälle, jeweils Arzt und Patient, darunter acht verschiedene traumatische und 13 nicht traumatische Verletzungen bzw. Erkrankungen aus dem Bereich Orthopädie. Als Grundlage für die Beurteilung standen den Ärzten klinische Befunde sowie Röntgen- oder MRT-Bilder zur Verfügung.

Von den in alle Welt verschickten 790 Fragebögen kamen 271 zurück, 254 konnten ausgewertet werden. Nach Janssen et al. rieten die Ärzte den fingierten Patienten in insgesamt 44,2 Prozent der Fälle zur Operation, für sich selbst wählten sie den Eingriff in 38,5 Prozent. Handchirurgen sprachen häufiger eine OP-Empfehlung aus als orthopädische Chirurgen ohne besondere Spezialisierung. Ein signifikanter Unterschied in der Therapiewahl bestand bei folgenden Verletzungsarten: Rotatorenmanschettenruptur, Gelenkzyste, Insuffizienz des Lig. scapholunatum und distale Bizepsruptur. Bei all diesen Kann-Indikationen für eine OP waren die Ärzte sich selbst gegenüber viel zurückhaltender mit der Therapieempfehlung als gegenüber den Patienten.

Bei der Entscheidung waren sich die Ärzte offenbar etwas sicherer, wenn es um sie selbst ging. Auf einer Skala von 0 (ganz unsicher) bis 10 (sehr sicher) erreichten die Empfehlungen für die Patienten insgesamt einen Durchschnittswert von 7,5, bei sich selbst kamen die Ärzte auf einen Wert von 7,9. Dieser Unterschied ist knapp signifikant. Die größte Unsicherheit betraf folgende Diagnosen: Rotatorenmanschettenruptur, dislozierte Schlüsselbeinfraktur, Radiusfraktur, Schulterblattfraktur, M. Kienböck, Mukoidzyste, Ganglion. Erfahrene Chirurgen waren sich, das überrascht wenig, in ihrem Urteil deutlich sicherer als berufliche Neulinge im ersten bis fünften Jahr.

Weiche Faktoren

Wer für sich selbst entscheidet, wägt in der Regel viel mehr Faktoren ab, schreiben Janssen et al. Geht es um einen Patienten, legen Ärzte den Fokus klar auf den gesundheitlichen Zustand. Dagegen beziehen sie bei sich selbst oft noch Faktoren wie Familie, Beruf, Sport und soziale Aktivitäten mit ein. Hier müsse man umdenken, fordern die Experten: Der Arzt sollte so viel wie möglich über den Patienten und seine persönlichen Vorlieben und Überlegungen in Erfahrung bringen und ihm Informationen zu den Therapieoptionen darbieten. Evidenzbasierte Entscheidungshilfen können nach Janssen und Kollegen unterstützend wirken und so zu mehr Patientenautonomie beitragen.

Operationen in Österreich

Die im Rahmen der Spitalsentlassungsstatistik erfassten medizinischen Leistungen werden anhand eines vom Gesundheitsministerium erstellten Leistungskatalogs codiert. Bei den stationären Aufenthalten des Jahres 2013 wurden in allen österreichischen Krankenanstalten insgesamt 4,7 Millionen medizinische Einzelleistungen dokumentiert. Etwas mehr als ein Viertel der medizinischen Einzelleistungen waren operative Leistungen (1.233.212 bzw. 25,9 %). Der Frauenanteil bei den medizinischen Leistungen insgesamt betrug 51 Prozent und war bei den operativen Leistungen (57,2 %) höher als bei den diagnostischen Leistungen (48,9%).Wie im Jahr davor waren die im Jahr 2013 am häufigsten dokumentierten operativen Einzelleistung die Kataraktoperation (94.587 dokumentierte Leistungen), gefolgt von sonstigen Operationen der Haut (50.899), vaginalen Entbindungen (49.901), Operationen des Kniegelenks (41.145) sowie Curettagen / Ausschabungen der Gebärmutter (37.120).

Die eingangs erwähnte Scheidewand ist bis heute nicht operiert. Ein zweiter, niedergelassener HNO-Arzt riet mit den Worten ab: „Wenn sie 40 Jahre damit gelebt haben und es ist ihnen nicht aufgefallen, lassen sie es gut sein.“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben