zur Navigation zum Inhalt
© buchachon / fotolia.com
 
Praxis 1. Juni 2015

Warenpräsentation virtuell

Beratung, Information und Orientierung werden mit Einkaufserlebnissen verknüpft.

Mehr Umsatz und zufriedenere Kunden: Untersuchungen belegen für den Einzelhandel, für Drogerien wie auch für Apotheken, dass die gezielte, standardisierte Platzierung nach Warengruppen (Category Management) die Wahrnehmung von Produkten verbessert und damit nachweislich auch deren Absatz erhöht. Inzwischen muss die Ware auch gar nicht mehr in großen Mengen real im Regal stehen. Moderne Konzepte setzen zunehmend auf eine virtuelle Sichtwahl.

Im Mittelpunkt eines strukturierten Category Managements (CM) steht allgemein der Blick durch die Kundenbrille. Für die Apotheke heißt das, ein Sortiment zu bestimmten Themengebieten – typisch sind Indikationen wie Schmerz, Erkältung, Magen/Darm, Allergie und Haut – so anzubieten, dass ein Patient, der mit einem konkreten Anliegen und Beschwerden kommt, alle dazu passenden Produkte auf einen Blick findet. Doch nicht allein die richtige Auswahl, auch die optimale Platzierung ist wichtig, damit ein Kunde die gewünschte Orientierung zur Erfüllung seines Kaufwunschs erhält und sich dies für die Apotheke auch im Umsatz niederschlägt. Einige EDV-Anbieter stellen dazu auch entsprechende Module zur Verfügung, die die Abverkaufsstatistik mitberücksichtigen.

Bildschirm statt Regal

Aus dem Zwiespalt – Ware einerseits optisch ansprechend, gut strukturiert und für Kunden interessant zu präsentieren, zugleich aber ein schlankes Warenlager zu führen und die Kapitalbindung zu minimieren – sind inzwischen auch etliche neue Konzepte zur Sichtwahlgestaltung entstanden: Bildschirme ersetzen dabei zum Beispiel die Regale hinter den Kassenplätzen. Allen Anbietern solcher virtueller Konzepte gemeinsam ist der Grundgedanke, dass viel Ware in der Sichtwahl gebunden ist, die kostensparender – weil in geringerer Menge – auch anderweitig, z. B. in einen Kommissionierer eingelagert werden könnte. Gleichzeitig soll die Apotheke nicht mehr nur als Verkaufsraum für Medikamente wahrgenommen werden. Das erhöhte Anspruchsverhalten der Kunden erfordert neue Konzepte, in denen Beratung, Information und Orientierung sich mit Einkaufserlebnissen verknüpfen lassen.

Vom TV zur Sichtwahl

Als kommerzieller Anbieter einer virtuellen Sichtwahl ist bereits seit einiger Zeit die Optimum Media GmbH im deutschsprachigen Markt aktiv. Für die Gestaltung der virtuellen Sichtwahl stehen nach Angaben von Geschäftsführer Oliver Müller inzwischen etwa 18.000 Packungsbilder zur Verfügung, auf die ein Apotheker dann Zugriff hat. Die Preisangabe auf dem Bildschirm erfolgt dabei direkt über das Warenwirtschaftssystem. Angebotspreise werden automatisch farblich abgesetzt, die Packungsgröße, die sich im Angebot befindet, wird hervorgehoben.

Inzwischen gibt es auch die Option, mit modernen Multi-Touch-Bildschirmen mit Full HD Auflösung, steuerbar mit Handgesten und Wischfunktionen, als Regalersatz zu arbeiten. Die Anbindung an einen Kommissionierautomaten ist dabei eine naheliegende Ergänzung. Durch Tippen auf ein Produkt, öffnet sich z. B. ein Fenster, in dem weitere Informationen zu den Produkten stehen können (Pflichttexte, Beipackzettel, Anwende- und Einnahmehinweise, aktuelle TV-Spots – und neu: passende Cross-Selling-Vorschläge zu einem Produkt). Ist eine diskrete Beratung erwünscht, lässt sich der Bildschirminhalt auch auf einer mobilen Oberfläche direkt am HV-Tisch darstellen.

Kostenpunkt Für sechs 55-Zoll-Bildschirme mit Montage sind etwa 22.000 Euro zu veranschlagen. Hinzu kommen etwa 135 Euro monatliche Wartungskosten für die Software.

Touch and Show. Auf Touchfunktionalität setzt auch das bei Frankfurt am Main ansässige Unternehmen View’n‘Vision, das sich auf die Entwicklung innovativer virtueller Sicht- und Freiwahlkonzepte spezialisiert hat. Durch die seit 2004 bestehende Kooperation mit CareFusion|Rowa sollen nun die High- techoptionen im Front- mit denen im Backoffice verknüpft werden. Dazu wird die virtuelle Sichtwahl Rowa VmotionTM mit Bildschirmen im 46-, 55- oder 65-Zoll-Format als neues Gestaltungselement für den Apothekenverkaufsraum angeboten. Die iPad-ähnliche Touchfunktion verbindet dabei eine verkaufsfördernde Warenpräsentation u. a. durch großformatige Produktdarstellung in animiertem 3D-Format. Dabei greift das System auf eine individuelle Cloud Software zurück, die die Produktbilder in 3D vollautomatisch und detailgetreu virtualisiert. Das Portfolio umfasst derzeit 4.500 dreidimensional abgebildete OTC-Medikamente und mehr als 40.000 herkömmlich gestaltete OTC- sowie 1800 Freiwahlartikel. Individualisierbare Bildschirmhintergründe können auf Wunsch mit ergänzenden Wareninfos und Sortimentsdarstellungen, Pollenflugkalender oder Videos ausgestattet werden. Die virtuellen Regale können über die webbasierte Cloudlösung selbst erstellt werden. Durch Kopplung an einen Kommisionierautomaten genügt es, die gewünschten Arzneimittel nur anzutippen, damit sie ausgelagert werden. Auf Packungsebene können Cross Selling Produkte angezeigt werden, für die View’n’Vision Datenbanken zur Verfügung stellt, die individuell an die Apotheke angepasst werden können.

Zeitsteuerung. Die kreativen Gestaltungsmöglichkeiten – es lassen sich z. B. verschiedene Sichtwahlen uhrzeitgesteuert darstellen – haben inzwischen auch das Interesse der Pharmaindustrie und von Einkaufsgemeinschaften geweckt. Innovative Apotheker machen sich zunehmend Gedanken, wie sie nicht nur einfach Ware verkaufen, sondern auch Emotionen in die Apotheke bringen könnten. Viele setzen dabei auf eine virtuelle Sichtwahl als kreatives Gestaltungsinstrument.

Lageroptimierung. Eine Umstellung auf die virtuelle Sichtwahl bei konsequenter Lageroptimierung lohnt sich betriebswirtschaftlich. Der Lagerumschlag der Sichtwahl wird vervielfacht, Sichtwahlüberbestände in Höhe mehrerer tausend Euro können abgebaut und so schon einige Bildschirme bezahlt werden.

Kostenpunkt. Je nach Anbieter kann man für ein Basismodell mit einem Tablet, einem Bildschirm und der Software von Kosten unter 7000 Euro rechnen, jeder weitere 55-Zoll-Bildschirm kostet etwa 3400 Euro inkl. Software.

Fazit

Wer weg möchte von teurer Lagerhaltung und aufwändiger Sichtwahlpflege mit echten Packungen, findet inzwischen einige Anbieter, die je nach Geschmack und finanzieller Ausstattung unterschiedliche Gestaltungsoptionen für eine virtuelle Sichtwahl bieten. Vorteilhaft ist, dass LCD-Systeme im allgemeinen deutlich weniger Strom verbrauchen als Hochleistungslampen über den Regalen und wenig Wärme abstrahlen. Von Kundenseite wird die neue Produktdarstellung überwiegend positiv aufgenommen, vor allem Ältere loben die gute Erkennbarkeit. Die geschickte Auswahl der abgebildeten Produkte unter CM-Gesichtspunkten und kluges Controlling bleiben aber nach wie vor unerlässliche Faktoren für den wirtschaftlichen Erfolg einer solchen Investition.

 

Springer-gup/Ruth Ney
, Apotheker Plus 5/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben