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Praxis 23. März 2015

Großpraxis mit zehn Ärzten

Große Kooperationen ermöglichen mehr Freizeit für den einzelnen.

Eine Hausarztpraxis mit zehn Ärzten ist ungewöhnlich. In Aichach bei Augsburg funktioniert das gut. Die Betreiber sehen die Großpraxis sogar als Modell der Zukunft – auch mit Blick auf den Ärztemangel auf dem Land.

Die Zukunft der hausärztlichen Versorgung ist in der 20.000 Einwohner zählenden schwäbischen Gemeinde Aichach in einem ehemaligen Industriegebäude am Rande der Altstadt zu besichtigen: Zehn Hausärzte arbeiten dort im Zentrum für Allgemeinmedizin, das damit eines der größten seiner Art in Deutschland sein dürfte.

Keine Urlaubszeiten

„Ich bin überzeugt, die zentrale Großpraxis ist das Geschäftsmodell der Zukunft“, sagt Dr. Andreas Ullmann, Facharzt für Allgemeinmedizin und Geschäftsführer des Zentrums. „Wir haben durchgehende Sprechzeiten von 7.30 bis 20 Uhr, jeden Samstag geöffnet und keine Urlaubszeiten.“ Die Patienten können jederzeit kommen und finden immer einen Arzt vor, ohne dass sie lange warten müssen. Eine kleine Praxis könne das nicht bieten, meint Ullmann.

Auch in der Großpraxis könne jeder Patient „seinen Arzt“ behalten – und viele tun das auch. Die Erfahrung zeige jedoch, dass ein großer Teil der Patienten zu dem Arzt geht, der gerade Dienst hat. „30 bis 40 Prozent wollen dran kommen und nicht lange warten“, schätzt Ullmann. Die Patienten fänden es gut, dass immer jemand da ist, auch wenn es nicht der „eigene Doktor“ ist. Etwa 400 Patienten werden so jeden Tag versorgt.

Das Zentrum für Allgemeinmedizin ist im Laufe der Jahre aus mehreren Fusionen entstanden. „Anfangs haben wir an- und umgebaut, doch irgendwann sind wir aus allen Nähten geplatzt und haben uns deshalb nach großen, zentral gelegenen Räumen umgeschaut“, berichtet Ullmann.

Praxis mit 700 Quadratmetern

Seit dem 2. Quartal 2012 belegt das Zentrum 700 Quadratmeter im Erdgeschoß eines ehemaligen Industriegebäudes, das nach den Wünschen der Ärzte gestaltet wurde. Mit im Haus sind außerdem ein Kinderarzt, zwei HNO-Ärzte und ein Neurologe sowie sechs Internisten mit den Schwerpunkten Onkologie, Nephrologie, Diabetologie und Kardiologie. Die Fachärzte betreiben dort Zweigpraxen.

Nebenan ist eine Apotheke. 80 Parkplätze stehen zur Verfügung und auch die Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs sind in nächster Nähe. In Aichach selbst gibt es nur noch wenige Facharztpraxen. „Ob die auf Dauer nachbesetzt werden können, weiß man nicht“, erklärt Ullmann.

Von den zehn Allgemeinärzten sind sieben als Freiberufler im Zentrum tätig, drei sind angestellte Ärzte. Alle Ärzte haben ihre unterschiedlichen Schwerpunkte und Interessengebiete. Palliativmedizin, Flugmedizin, Homöopathie gehören ebenso zum Spektrum wie Chiropraktik, Notfall-, Substitutions- und Sportmedizin.

Die Gemeinschaftspraxis hat die Rechtsform einer GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) mit sieben Gesellschaftern und biete damit den Kolleginnen und Kollegen im Gegensatz zu einem „Medizinischen Versorgungszentrum“ die Möglichkeit, als Freiberufler tätig zu sein, erläutert Ullmann.

Dr. Monika Emmerling, Fachärztin für Allgemeinmedizin und stellvertretende Geschäftsführerin, war nach eigenen Angaben eine der ersten, die des „Einzelkämpferdaseins“ überdrüssig war und 2003 in eine Gemeinschaftspraxis einstieg. „Der kollegiale Austausch ist für uns alle sehr wertvoll. Das hat man in einer kleinen Praxis nicht“, sagt sie. Bei kniffligen Problemen könne man schnell einmal einen Kollegen fragen. „Im Team sind alle zufriedener. Wir machen hier mehr Medizin und haben weniger Bürokratie“, sagt Emmerling.

Vier-Tage-Woche für alle Ärzte

Für Ullmann liegen die Vorteile einer großen Zentralpraxis auf der Hand: Familienfreundliche und geregelte Arbeitszeiten, die dem Anspruch einer langfristigen Sicherung einer freiberuflichen ambulanten ärztlichen Versorgung in einer ländlichen Region nicht entgegenstehen: Jeder der zehn Ärzte arbeitet nur vier Tage in der Woche. „Und wenn jemand kommt, der nur nachmittags oder nur an zwei Tagen arbeiten will, ist auch das möglich“. Insofern bestehe durchaus die Hoffnung, „dass wir mit dem Problem des ärztlichen Nachwuchses besser umgehen können.“

Tatsächlich zeichnen sich auch in Aichach bereits Nachwuchsprobleme ab. „Es ist ganz schwer einen Weiterbildungsassistenten zu bekommen, obwohl die Lebensqualität hier bestens ist“, erklärt Ullmann. München und Augsburg sind nicht weit, die Verbindungen sind gut und bis zur Autobahn sind es nur zehn Kilometer. „Wir sind Lehrpraxis der Uni München und haben außerdem die volle Weiterbildungsermächtigung mit einem breiten Spektrum an Schwerpunkten“, betont Ullmann.

Auch betriebswirtschaftliche Gründe sprechen für die Zentralpraxis. Das Personal und die Geräte sind besser ausgelastet, die Räume können besser genutzt werden und im Einkauf lassen sich bessere Konditionen erzielen. Eine angestellte Kauffrau im Gesundheitswesen unterstützt die Geschäftsführung.

Die über 30 Arbeitsplätze sind alle mit einer modernen EDV ausgestattet und an einen eigenen zentralen Server angeschlossen, über den auch die Patientenakten verwaltet werden. Eine eigene Telefonzentrale mit fünf Arbeitsplätzen, über die unter anderem alle Terminvereinbarungen laufen, entlastet die Angestellten im Empfangsbereich.

Ullmanns Blick für die organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Vorteile einer Zentralpraxis kommt nicht von Ungefähr: Von 2011 bis 2013 absolvierte er ein berufsbegleitendes Studium General Management an der Universität St. Gallen in der Schweiz, das er als Executive Master of Business Administration abschloss. Thema seiner Diplomarbeit: „Zentrale Großpraxis – Geschäftsmodell der Zukunft“.

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