zur Navigation zum Inhalt
 
Praxis 9. März 2015

Von Berlin ... ... nach Wien

Die Lebensqualität zieht deutsche Ärzte nach Österreich.

Deutsche Ärzte arbeiten gerne in Österreich. Es gibt auch viele gute Gründe: Berufliche Gestaltungsmöglichkeiten, Lebensqualität, Kulturangebot, gemeinsame Sprache und – man glaubt es kaum – weniger Bürokratie werden ins Feld geführt.

In der letzten Ausgabe (Ausg. 10) der Ärzte Woche fragten wir bei Gesundheitspolitikern und Ärztekammerpräsident Dr. Arthur Wechselberger nach, warum so wenig aktiv getan wird, um ausländische Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte ins Land zu holen. Es scheint vielmehr so, dass hierzulande vor allem Anstrengungen geleistet werden, um heimische Ärzte im Land zu halten. Tatsächlich lockt die Situation im Land – auch ohne aktive Werbung – mehr Ärzte an, als man ahnen würde, insbesondere aus Deutschland kommen die Kolleginnen und Kollegen gerne nach Österreich.

Dies bestätigt auch die Deutsche Bundesärztekammer (BÄK), für die die Abwanderung von Ärzten aus Deutschland ein Thema mit hohem Stellenwert ist. Immer weniger Ärzte seien bereit, sich als Vertragsarzt, vor allem in ländlichen Gebieten, niederzulassen, heißt es bei der BÄK. Die Folge, die auch uns nicht unbekannt ist: Haus- und Fachärzte-Mangel in vielen Regionen, aber auch in den Krankenhäusern sind viele Arztstellen vakant. Als Gründe sieht die BÄK unter anderen: Budgetierung, zunehmende Bürokratie und eine schwache ländliche Infrastruktur. Viele Ärzte empfinden jedoch auch die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern teilweise als unzumutbar, die Bezahlung als ungerecht. Häufig sähen sich deutsche Ärzte mit einer Unvereinbarkeit von Beruf und Familie konfrontiert. Dazu komme in Praxis und Klinik ein Übermaß an bürokratischen und administrativen Tätigkeiten, wozu die BÄK meint: „Das wirkt naturgemäß abschreckend.“

Viele Gründe führen ins Ausland

Gründe gibt es viele, die deutsche Mediziner dazu bringen, ins Ausland abzuwandern, und nicht immer sind es schlechte Arbeitsbedingungen in Deutschland. Auch wenn man in Österreich gewohnt ist, das Thema Ärzte-Migration eher von Österreich nach Deutschland zu betrachten (Stichwort: bessere Bezahlung, Qualität in der Facharzt-Ausbildung, Wartezeiten etc.), nimmt man zunehmend auch in der Alpenrepublik zur Kenntnis, dass der Austausch in beide Richtungen funktioniert.

Zur Lage in Deutschland: Nach verfügbarer Statistik sind im Jahr 2013 rund 3.040 ursprünglich in Deutschland tätige Ärzte ins Ausland gegangen, womit die Abwanderung wieder gestiegen ist und etwa auf dem Niveau von 2008 liegt, sagt die Bundesärztekammer in Berlin. Zu den beliebtesten Auswanderungsländern zähle – wie in den vergangenen Jahren – Österreich mit 289 dorthin abgewanderten Ärzten.

Verdienst ist kein Ansporn

Was genau motiviert deutsche Ärzte, sich in Österreich niederzulassen? Dr. Martin Dellas, Facharzt für Chirurgie, der aus Deutschland stammt und seit Jahren in Wien lebt und arbeitet, hat bereits ab 1996 in Österreich den 2. und 3. Abschnitt des Studiums absolviert. Bereits das liberalere österreichische Prüfungssystem zog Dellas dem Multiple-Choice-System in Deutschland vor: „Das ärztliche Studium ist ein allgemeinbildendes Studium, es ermöglicht vielfältige Berufschancen.“ Gefragt, warum er nach Absolvierung der Ausbildung weiterhin in Österreich bleibe, meint Dellas: „Familiäre Gründe, die hohe Lebensqualität in Wien und Umgebung inklusive des kulturellen Angebots und die günstige geografische Lage. Wirtschaftliche Gründe spielen hingegen keine Rolle, da die Verdienstmöglichkeiten in Deutschland bei gleichwertiger Position in der Regel höher sind als in Österreich. Auch die in Österreich liberalen Regelungen bei zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten spricht Dellas an, und er sieht sich auch als österreichischer Arzt in Pension gehen.

Hochbürokratisches System

Zahnmediziner Dr. Zsolt Fischer hat im Jahr 2001 seine Zelte in einer Kölner Gemeinschaftspraxis abgebrochen und ist nach Wien gegangen: „Ein Teil der Entscheidung begründete sich darauf, dem hochbürokratischen deutschen System zu entkommen. Klarer Vorteil für Österreich ist außerdem, dass man hierzulande noch ein echtes Patient-Arzt-Verhältnis ohne störenden Einfluss der Kassen aufbauen kann. In Deutschland, so Fischer, könne von einer Drei- bis Vierecksbeziehung gesprochen werden, wenn man bedenkt, dass etwa im zahnmedizinischen Bereich ab einer Zahnkrone aufwärts Gutachterpflicht besteht. Möchten Sie vier Kronen von Ihrem Zahnarzt bekommen, muss der von der Kasse bestellte Gutachter die Richtigkeit des Antrages und die Notwendigkeit überprüfen, ehe mit der Arbeit begonnen werden kann. So werde die Therapieempfehlung des Arztes sofort hinterfragt, zusätzlich herrsche im Privatversicherungsbereich ein Papierkrieg. Es gebe ja sogar Unternehmen, die fertige Argumentations- und Begründungskataloge für verschiedene Therapien als Dienstleistung an Ärzte anbieten.

Fischer sieht die Arbeitsbedingungen für Ärzte in Deutschland auch unter dem Aspekt, dass die Patienten durch die Kassen sensibilisiert seien: „Der Arzt steht unter Bereicherungsverdacht und muss sich für all seine Aussagen und Therapien rechtfertigen, gegenüber Kostenträger und Patienten.“

Ungeliebte Budgetierung

Ein weiteres Thema im gesetzlichen Bereich sei die Budgetierung. Wenn der Topf im Monat erschöpft sei, arbeite der Arzt entweder umsonst oder man schließe die Praxis für den Rest des Monats. Es gebe außerdem den Honorarverteilungsmaßstab (HVM), bei dem Durchschnittstatistiken über jedes Behandlungskürzel geführt würden. Fischer erinnert sich an seine Zeit in Deutschland: „Bei mir war es so, wer mehr als 110 Prozent über dem Durchschnitt lag, dem wurde das Honorar im Nachhinein gekürzt.“

Zusammengefasst die gravierendsten System-Unterschiede aus der Sicht Fischers: Eine in Österreich einfache Abrechnung, der behandelnde Arzt entscheide gemeinsam mit dem Patienten über eine Therapie. Daraus ergebe sich ein besseres Vertrauensverhältnis.

Und die Lage in Deutschland? Welche Auswirkungen drohen durch den Fortgang deutscher Ärzte? Die Lücken in der medizinischen Versorgung würden vielerorts von ausländischen Ärzten geschlossen, so die BÄK.

Im Jahr 2013 ist die Zahl der in Deutschland gemeldeten ausländischen Ärzte um 3.345 (10,3 %) gestiegen, davon 2.445 Ärzte aus den europäischen Staaten, insbesondere aus der EU mit 2.134 (198 Ärzte aus Österreich). Insgesamt arbeiten jetzt 35.893 ausländische Ärzte in Deutschland.

Manche Klinik hierzulande müsste Stationen schließen, wenn es diese Ärzte nicht gäbe. Allerdings können die ausländischen Ärzte das Problem „Ärztemangel“ auf Dauer in Deutschland nicht lösen, so die Einschätzung der BÄK. Gleiches könnte sicherlich auch die zuständige Kammer in Österreich sagen – mit Blick auf die deutschen Ärzte.

Peter Bernthaler, Ärzte Woche 11/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben