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Praxis 22. Dezember 2014

Raus aus dem Hamsterrad!

Warum sich auch Ärzte ein Sabbatical gönnen sollten.

Mitten im Stress einer vollen Sprechstunde oder übermüdet nach einem Nachtdienst träumt so mancher davon, sich eine Auszeit zu gönnen. Nicht nur zwei, drei Wochen Ferien, nein drei Monate oder gar ein halbes Jahr! Aber kann das nicht das Ende einer Karriere bedeuten? Nein, das muss es ganz und gar nicht. Für viele ist es sogar der Startschuss in ein neues Leben.

Ursprünglich bedeutete ein „Sabbatical“ für Dozenten an der Universität die Möglichkeit, ein ganzes Semester ohne Lehrverpflichtung zu gestalten, teils mit einem akademischen Inhalt, teils auch völlig frei. Die Sabbatzeit ist also gedacht als eine mehrmonatige Auszeit in der Mitte des Lebens. Leider erlauben die meisten Ärzte sich nie, diesen Traum konkret umzusetzen. In diesem Beitrag soll es deshalb nicht nur darum gehen, wie die zeitliche und finanzielle Basis für ein Sabbatical hergestellt werden kann. Es geht auch darum, Mut auf etwas Neues zu machen und eine innere Veränderung zuzulassen. Der Autor dieses Beitrags ist überzeugt, dass es weniger die finanziellen Zwänge sind, die uns Ärzte von einer Auszeit abhalten, als vielmehr die Ängste, uns selbst tiefer zu begegnen.

Erster Schritt: An die Machbarkeit glauben

Zunächst muss aber das häufigste Gegenargument vieler Ärztinnen und Ärzte entkräftet werden: „Für ein Sabbatical habe ich keine Zeit, wenn ich das tue, verliere ich alles, wofür ich Jahrzehnte gearbeitet habe!“ Eine Auszeit wird von den vielen Kollegen als eher unfreiwillig erlebt:

• aus gesundheitlichen Gründen (Unfall, Erkrankung, Burn-out),

• aus administrativen Gründen (fehlende Arbeitserlaubnis),

• aus disziplinarischen Gründen (Ruhen der Approbation wegen Suchterkrankung oder wegen einer Verurteilung in einem Strafprozess),

• aus finanziellen Gründen (Insolvenz),

• aus privaten Gründen (Entwurzelung nach Scheidung, Trauerfall),

• aus Schicksalsgründen (die zugesagte Stelle wird im letzten Moment gestrichen, der ärztliche Arbeitsplatz wird wegrationiert).

Fast jeder Arzt hat von solchen Zwischenfällen gehört, einige haben sie erlebt. In 99% der Fälle haben die Betroffenen später wieder gearbeitet. Mehrmonatige Unterbrechungen der ärztlichen Tätigkeit kommen also vor, sind in der Regel nicht das Ende, sondern können in der Praxis wie im Krankenhausdienst überstanden werden. Da sollte es auch möglich sein, dass intelligente, kreative und motivierte Ärzte eine Sabbatzeit planen und die nötigen Ressourcen dafür einsetzen! Der Autor selbst hat dreimal eine Sabbatzeit genommen (mit 25 Jahren für drei Monate; mit 46 Jahren für ein Jahr; mit 60 Jahren für einen Monat) und hat Patienten durch eine Sabbatzeitplanung begleitet. Dabei gilt vor allem: Der Beginn einer Sabbatzeit ist der Gedanke, sie für möglich zu halten.

Berufliches Sabbatical

Die meisten Ärzte nehmen sich aus beruflichen Gründen ein Sabbatical: Sei es, dass sie eine neue Methode ärztlichen Handelns erlernen, eine wissenschaftliche Frage ergründen oder an einem ausländischen Krankenhaus hospitieren wollen.

Diese Art einer Auszeit gab es bei Ärzten schon im 19. Jahrhundert. So erwirkte Freud, der damals gerade zum Privatdozenten ernannt worden war, 1885 bei seiner Fakultät ein Reisestipendium und eine Beurlaubung von sechs Monaten. An der Salpetrière in Frankreich lernte er bei Charcot die Vielfalt der klinischen Bilder der Hysterie und die Möglichkeiten der Hypnose kennen. Andere Kollegen gingen damals nach England, um bei Lister die Methode des antiseptischen Operierens zu erlernen. Im zwanzigsten Jahrhundert hospitierten viele europäische Ärzte etwa an der Mayo Klinik, Rochester; andere absolvierten Kurse in Tropenmedizin.

Heute nehmen Ärzte unbezahlten Urlaub und arbeiten für Ärzte ohne Grenzen in einem Flüchtlingslager. Für Kollegen an den Hochschulen gibt es Möglichkeiten, ein Semester an ausländischen Universitäten zu verbringen. Die Vorteile einer solchen beruflich bedingten Sabbatzeit liegen auf der Hand: Vertiefung des medizinischen Wissens, Gewinnen einer internationalen Perspektive, Erlernen der medizinischen Terminologie in einer Fremdsprache, Knüpfen neuer Freundschaften im In- und Ausland, kritischer Blick auf die heimatliche Art der Medizinausübung, Erlernen einer gewissen Rollenflexibilität im Arztberuf.

Natürlich gibt es auch mögliche Nachteile bei beruflich bedingter Sabbatzeit: Dass die fremde Kultur nebst den Versuchungen lockeren Lebens den ursprünglichen beruflichen Zielpunkt aus den Augen geraten lässt, oder dass die Mehrarbeit und die Anpassungsleistung, die man im Ausland erbringen muss, sich als zu viel erweisen, dass man den Absprung zurück nicht findet, sei es, weil man sich verliebt hat, sei es, weil man ein Angebot bekommt, das man nicht ausschlagen kann. Dann wird aus dem Sabbatical eine lebensverändernde Erfahrung und vielleicht sogar eine Auswanderung!

Auszeit aus privaten Gründen

Deutlich weniger Kollegen gönnen sich eine private Auszeit. Während eine berufliche Sabbatzeit ja in der Regel Anerkennung findet, bedarf eine private einer erhöhten Rechtfertigung, fast als wäre man mit so etwas „fahnenflüchtig“. Dabei gibt es viele gute Gründe dafür:

• Der Wunsch, die Welt zu sehen, Abenteuer zu suchen,

• der Wunsch, sich intensiv einem kreativen Projekt zu widmen (Instrument spielen, ein Buch zu schreiben),

• intensive Zeit mit Angehörigen (Elternzeit, Pflege Angehöriger),

• Zeit für vertiefte Selbsterfahrung (z. B. eine Pilgerreise),

• der Wunsch, einfach mal nur in den Tag zu leben,

• der Wunsch, humanitäre oder politische Projekte durchzuführen,

• die Notwendigkeit, tief über sich und das Leben nachzudenken und sich dafür zunächst von allem Vorgefassten zu befreien,

• das Gefühl, sich im Berufsalltag völlig verausgabt oder verloren zu haben und sich erst wieder finden zu müssen.

Die meisten der genannten Gründe sind durchaus nicht arztspezifisch. Allen gemeinsam ist die Grundüberzeugung, dass es möglich und vielleicht auch nötig ist, zwischen dem Eintritt ins Arbeitsleben und dessen Ende intermittierend eine schöpferische Pause einzulegen, der Mut, diese Pause auch gegen äußere und innere Widerstände durchzusetzen, die Fantasie und Findigkeit, diese Auszeit organisatorisch, finanziell, menschlich und räumlich zu realisieren.

Wenn Abenteuer und Künste locken

Die Lust auf Abenteuer liegt manchem Arzt im Blut. Aber auch die schönen Künste sind eine Quelle der Freude für sehr viele Kollegen. Manch einer will nicht nur rezeptiv aufnehmen, sondern selbst gestalten, formen, zeichnen, malen. Ein Kollege nutzte seine Sabbatzeit, um sein ganz persönliches kreatives Projekt zu verwirklichen. Er malte, dichtete, fotografierte und kam mit einem vollen Büchlein zurück, das er im Privatdruck realisierte – für die Allgemeinheit wahrscheinlich völlig unwichtig, subjektiv für den Kollegen ein hoch bedeutender und erfüllender schöpferischer Akt!

Beim Schreiber dieser Zeilen war es nach Aufgabe der Chefarzttätigkeit der große Wunsch, zu reisen, zu lesen, herunterzukommen von der Dauerverantwortung, die er über Jahre getragen hatte. Die langen Stunden der Muße taten extrem gut. Am Ende der einjährigen Auszeit freute er sich dann wieder auf die Arbeit; er wusste, dass er den Beruf brauchte, um auf Dauer genug Tages- und Wochenstruktur in seinem Leben zu haben.

Vorbereitung und Durchführung einer Sabbatzeit

Eine Sabbatzeit für Mediziner braucht eine umfangreiche Vorbereitung. Vier Fragestellungen wollen gelöst werden:

• Wie bekomme ich die nötige Zeit frei?

• Wie finanziere ich meine Auszeit?

• Wie bekomme ich einen Vertreter?

• Wie will ich die Sabbatzeit inhaltlich füllen?

Frei bekommen, das ist vermutlich die schwerste der Aufgaben. Es gibt mehrere Möglichkeiten hierzu:

„Sie haben schon vor der Einstellung die Möglichkeit eines Sabbaticals nach einigen Jahren in den Dienstvertrag geschrieben;

• Sie verhandeln dieses für ihren laufenden Vertrag nach;

• Sie verhandeln dies schon bei der Gründung einer Praxisgemeinschaft;

• Sie verhandeln eine unbezahlte Auszeit mit verpflichtender Wiedereinstellung;

• Sie kündigen und verlassen sich auf die momentan gute Jobchance eines Arztes;

• Sie nehmen an vorausbestimmten Weichenstellungen frei, etwa beim Wechsel in eine andere Abteilung oder in ein anderes Krankenhaus;

• Sie verhandeln beim Aufstieg in eine Leitungsstelle eine freie Zeit vor Stellenantritt;

• Sie nehmen sich zwischen Klinik und Praxisgründung frei;

• Sie sparen freie Zeit auf einem Arbeitszeitkonto an;

• Sie geben sich selbst „frei“ zu einem runden Geburtstag.

Für die Gespräche mit einem Personalverantwortlichen müssen Sie vorher Gründe sammeln; sie können sich mittlerweile auf zahlreiche Daten über die gesundheitlichen Gefahren des Arztberufes stützen.

Finanzen werden überschätzt

Ohne Geld macht eine Auszeit weder Sinn noch Freude. Sicher kann man die monatlichen Fixkosten beachtlich senken, aber irgendwie muss das Leben weitergehen, sollten Versicherungen zumindest ruhen können, und alle seine Sachen will man auch nicht verkaufen. Es gibt diverse Lösungen:

• Fortführung des Gehalts durch den bisherigen Arbeitgeber (Arbeitszeitkonto),

• Einwerbung von Drittmitteln bei beruflichem Sabbatical,

• Aufteilung des Praxisgewinns zwischen der Vertretung und Ihnen,

• Privatkredit von der Bank, der Verwandtschaft oder dem Arbeitgeber,

• Angreifen der eigenen Reserven,

• intermittierende Tätigkeiten (z. B. als Notarzt), um wieder liquide zu werden,

• Nutzung einer Erbschaft etc.,

• extrem sparsame Lebensweise, um auch mit geringen Mitteln weit zu kommen.

Setzen Sie sich hin, machen Sie ein Budget, verhandeln Sie, und nach und nach werden sich (meist) Möglichkeiten auftun. Es gilt, nur nicht zu früh aufgeben. Ein sonst gut betuchter Kollege ging vor einigen Jahren auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Als er zurückkam, berichtete er mir, es sei für ihn unglaublich, aber er habe an manchen Tagen nur zehn bis 15 Euro ausgegeben und sei dabei zufrieden und glücklich gewesen.

Vertretung suchen und die Sabbatzeit inhaltlich füllen

Hierfür braucht man Zeit, Vorplanung und Glück. Die besten Chancen sehen manche, die ein Sabbatical machten, bei Kollegen kurz nach der Pensionierung. Auch Ärzte, die vor einer Niederlassung stehen, begrüßen manchmal die Möglichkeit einer mehrmonatigen Vertretung. Die Suche erfolgt über Annoncen in den Ärzteblättern und Vertreterportalen. Wichtig hierbei, der Vertreter sollte vernünftig bezahlt werden, dann haben alle etwas davon.

Zunächst scheint ja die Aussicht auf mehrere Monate Auszeit unendlich verheißungsvoll und verführt zum Träumen. Zuvor muss man sich jedoch klar machen, was am Wichtigsten ist und was gegebenenfalls wegfallen könnte. Hier Tipps zur Vorbereitung:

• Sammeln Sie in den Monaten vor der Auszeit alle möglichen Ideen.

• Machen Sie sich klar, was sie mit der Sabbatzeit primär wirklich wollen. Ein oder zwei konkret gewählte Ziele sind meist besser als zu allgemeine wie Abenteuer erleben, mich verändern, übers Leben nachdenken.

• Überlegen Sie, wie flexibel Sie sein wollen. Ein zu enges Raster verhindert vielleicht genau die Erfahrungen, die Sie suchen.

• Wenn etwas ganz und gar nicht klappt, verändern Sie ihre Ziele räumlich, zeitlich etc.

• Bei einer längeren Auszeit rechnen Sie mit Phasen der Langeweile.

• Tiefere Einsichten, persönliche Veränderungen, Umorientierung individueller Werte sind eher die Regel als die Ausnahme bei längerer Auszeit.

• Überlegen Sie vorher gut, ob Sie allein oder zu zweit die Auszeit wollen; zu zweit ist man weniger allein, unbewusst bremst man u. U. aber Ansätze tieferer Veränderung aus.

• Planen Sie eine Wiedereinstiegsphase ein! Speziell nach vielmonatigem Aufenthalt im Ausland kann die Rückkehr in die Heimat einen unerwarteten Kulturschock mit sich bringen. Lassen Sie sich zwei Wochen Zeit, um wieder anzukommen.

• Wenn möglich, gönnen Sie sich vor der Sabbatzeit eine professionelle Beratung. Das könnte Sie auf den einen oder anderen blinden Fleck aufmerksam machen und wichtige Unterstützung in Ihrem Vorhaben geben.

Fazit für die Praxis

Ein Sabbatical kann „lebensstiftende Erfahrungen“ für einen Arzt bedeuten, es kann ihm die Möglichkeit bieten, über den weiteren Berufsweg nachzudenken, neue berufsbezogene Fähigkeiten zu erwerben, neue Begeisterung für die ärztliche Tätigkeit zu finden. Die zögerliche Haltung vieler Arbeitgeber, Ärzten eine Auszeit zuzugestehen, lässt sich als kurzsichtig und beschämend qualifizieren. Sie riskiert unnötigerweise, dass wir noch mehr Kollegen aus dem aktiven Beruf verlieren durch Burn-out, Depression, Sucht, Suizid und vieles mehr.

Für den einzelnen Arzt kann ein Sabbatical ein sinnvoller Coping-Mechanismus sein bei einem Übermaß an Stress und Erschöpfung. Ärzte, die eine Sabbatzeit genommen haben, sehen diese fast immer als extrem wertvolle Erfahrung für den Beruf und das Privatleben an. Insofern ist der zeitlich limitierte Luxus langfristig auch positiv für die Patientenversorgung.

Unabdingbar ist eine gründliche Vorplanung, die die arbeitsrechtliche/ vertragliche Situation, die finanziellen Möglichkeiten, die Anwerbung von Vertretern und auch die inhaltlichen Ziele des Sabbaticals umfassend abklärt. Hierbei sind eine professionelle Begleitung und auch der Austausch mit Sabbat-erfahrenen Kollegen sehr zu empfehlen.

Der ungekürzte Originalartikel ist im MMW – Fortschritte der Medizin 17/2014, © Springer Verlag erschienen.

Unterschied zwischen Bildungskarenz und Sabbatical

Das Sabbatical ist ein Arbeitszeitmodell, bei dem es eine berufliche Auszeit angestrebt wird. Es wird durch Langzeitkonten, auf denen Urlaub, Überstunden und auch Gehalt angespart werden, ermöglicht. Der Dienstnehmer arbeitet zunächst bei gleichem Beschäftigungsausmaß eine bestimmte Zeit für weniger Gehalt als bisher (Rahmenzeit). Dafür kann er danach eine Auszeit beanspruchen, in der weiterhin das verminderte Entgelt bezogen wird (Freistellungsphase). Ein Sabbatical ist daher per definitionem eine Dienstfreistellung für eine bestimmte Zeit gegen eine anteilige Kürzung der Bezüge innerhalb einer bestimmten Rahmenzeit.

Die Bildungskarenz dient dagegen der beruflichen Weiterbildung und wird bei Anspruchsberechtigten vom Arbeitsmarktservice Österreich (AMS) gegen Leistungsnachweis gefördert. Nach sechs Monaten Dienstverhältnis kann sich ein der Arbeitnehmer für Weiterbildung freistellen zu lassen, sofern dies mit dem Arbeitgeber vereinbart wurde. Die Dauer hierfür wird zwischen zwei und zwölf Monate veranschlagt, ein Verbrauch in Abschnitten (über vier Jahre hinweg ist möglich).Während der Bildungskarenz kommt das AMS für das „Weiterbildungsgeld“ in Höhe des Arbeitslosengeldes (Mindestsatz pro Tag: 14,53 Euro) auf. Außerdem ist ein geringfügiger Zuverdienst möglich.

Bernhard Mäulen, Ärzte Woche 51/52/2014

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